BambergFür Besucher aus der Großstadt ist Bamberg immer noch eine liebenswerte Kleinstadt. Mit überschaubaren Grenzen, von Wäldern und Feldern umrahmt. Doch das ist nur die eine Perspektive. Aus der Innensicht stellt sich Bamberg heute so groß dar wie nie: 2017 wurde erstmals die Marke von 77 000 Einwohnern überschritten. Nur noch eine Frage der Zeit, bis der 80 000 Bamberger zuzieht.

Blicken wir 1000 Jahre zurück, dann zeigt sich die Kontinuität und Wandel einer Stadt. Bambergs Start in die Geschichte begann klein, mit wenigen tausend Einwohnern, verteilt auf Siedlungsflecken rund um Dom und Theuerstadt. Selbst Katastrophen wie der 30-jährige Krieg oder die Weltkriege im 20. Jahrhundert vermochten den Aufwärtstrend nur zu dämpfen. Vor allem die Industrialisierung erwies sich als Wachstumstreiber. Zwischen 1871 und 1920 hat sich die Bevölkerungszahl auf 50 000 verdoppelt.

Ein wenig Gründerzeit spüren wir auch heute. Freilich sind die Grenzen spürbar. Denn je länger der Boom läuft, desto lauter stellt sich die Frage, wohin Bamberg noch wachsen soll, wohin es noch wachsen will. Drei Waldgebiete und zwei Flussarme bilden den spektakulären Rahmen dieser Stadt - und bremsen die Entwicklung. Wachstum steigert die Wirtschaftskraft, schafft Jobs - und fördert Konflikte: Es kollidiert mit Trinkwasserschutz, den Hügeln im Westen, dem Stadtdenkmal und nicht zuletzt der Gefühlswelt mancher Bürger, die sich "ihrem alten Bamberg" zunehmend entfremdet fühlen.

Doch es gibt auch Gewinner: Wer Immobilien in Bamberg sein Eigen nennt, gehört zu ihnen, denn die Preise, die für Wohnungen aufgerufen werden, steigen unaufhaltsam. Schwarmstadt nennt sich dieser Zustand, viele verbinden eine Hassliebe damit. Bamberg ist beliebt, aber wer kann, wer will sich Wohnungen an der Millionen-Euro-Grenze noch leisten? Und kann die von Stadtplanern gewünschte Nachverdichtung die soziale Unwucht vermindern? Das Beispiel der Lagardekaserne im tiefen Bamberger Osten, wo Bauland für über 1300 Euro pro Quadratmeter vergoldet wird, legt anderes nahe.

Viele Familien hat der Verdrängungswettbewerb bereits ins Umland vertrieben - die Landflucht der letzten zehn Jahre ließ ganze Dörfer in die Höhe wachsen lassen. Und Bamberg?

Der Blick eines Großstadtbesuchers zeigt, dass der Platzmangel in Bamberg selbst verschuldet ist. Bundespolizei und Ankerzentrum beanspruchen unverhältnismäßig große Teile der ehemaligen US-Garnison. Die Konversion könnte, hätte Bamberg 2014 die Gunst der Stunde genutzt und zugegriffen, längst ihren Segen für die Stadtentwicklung entfalten. Doch auch im Westen, zwischen Klinikum und Münchner Ring, warten große Flächen auf den, der sie aus dem Dornröschenschlaf weckt. Gleiches ließe sich für die Nordflur östlich der Bahnlinie sagen. Was aber ist wichtiger? Gärtner- oder Bauland? Wohnen oder Gewerbe, Straßen oder Natur? Der Blick in die Boomtowns dieser Welt zeigt die Risiken einer ungezügelten Entwicklung. Dort hat der Bevölkerungsdruck alle scheinbaren Barrieren hinweggefegt, erstreckt sich der Siedlungsbrei oft bis an den Horizont - Sinnbild für die Grenzen, die die Menschheit im 21. Jahrhundert überschreitet. Dabei lässt sich Groß und Klein kaum noch trennen: Klimaerwärmung, Artenschwund, soziale Spaltung fordern die Weltgemeinschaft heraus - und ebenso die Städte. Die Politik muss sich fragen: Wie lange geht Wachstum gut, wo endet gesundes Prosperieren? Und was heißt das für Bamberg? Dazu haben wir den langjährigen ehemaligen Stadtrat Helmut Müller (CSU) und Stadtrat Stephan Kettner (Bamberger Linke Liste) gefragt.

Pro von Helmut Müller (CSU)

100 000 Einwohner sind möglich

Historisch und kulturell gehört Bamberg zu den großen Städten des Abendlandes. Und so nehmen wir die Funktion einer Großstadt bisher klaglos wahr. Unsere Stadt bietet einem Raum mit mehr als 200 000 Menschen Daseinsvorsorge von der Hochkultur über Bildungsstätten, ÖPNV und zentralen Behörden bis zur Kneipenszene. Und das mit der Steuerkraft von nicht einmal 80 000 Einwohnern!

Deshalb sollte unsere teuere Infrastruktur von mehr leistungsfähigen Bürgern getragen werden. Unsere 1000-jährige Geschichte hat doch hinreichend gezeigt, dass gesundes, organisches Wachstum möglich ist. Gott sei Dank möchten ja viele Menschen zu Bambergern werden, auch wenn sich dadurch manche, oft verbeamtete Wohlstandsbürger mit elitärem Bewusstsein, denen es aber egal ist, wie sich unser Gemeinwesen finanziert, in ihrer beanspruchten Ruhe gestört fühlen.

Wer nun einwendet, mehr Wachstum bringe auch mehr motorisierten Individualverkehr, kann doch auf die Phantasie des neuen Stadtrats vertrauen! Caput orbis (so 1015 Abt Gerhard von Seon) wird Bamberg zwar nicht wieder, aber trotz des beispiellosen Versagens unserer Altvorderen bei der Gebietsreform könnten auf längere Sicht 100 000 Einwohner erreichbar sein, wenn unter anderem Baulücken geschlossen, ebenerdige Gewerbeobjekte und Parkplätze überbaut werden, wenn das Areal westlich von Wildensorg aktiviert wird und wenn vor allem das Land Bayern - wie vereinbart - 2025 das Gelände des Ankerzentrums freigibt und wenn der Bund - wie avisiert - sein Polizeiausbildungszentrum räumlich konzentriert.

Großstadt: Das wäre für eine Kommune, in der die Tattermannsäule den "Nabel der Welt" markiert hatte, und die 800 Jahre Residenz eines souveränen Staates war, durchaus angemessen. Kann Bamberg vielleicht eine gewisse Hoffnung auch aus der Tatsache schöpfen, dass viele Leserbriefschreiber aus dem Umland, die zwar für unsere Stadt keine Steuerzahler sind, aber nichtsdestoweniger glauben, Bamberger Angelegenheiten kommentieren zu müssen? Denn offensichtlich fühlen sie sich mitverantwortlich für das "Herz der Region". Sie sollten diese Haltung auch von ihren eigenen Bürgermeistern und Gemeinderäten einfordern.

Contra von Stephan Kettner (BaLi)

Die Schönheit der Stadt erhalten

Was ist für eine Stadt wichtig? Ihre Größe? Wohl eher nicht. Die Lebensqualität für die

Einwohner*innen ist entscheidend. Es geht darum, diese zu erhalten und zu verbessern. Dazu gehören Wohnungsmarkt, Versorgungsstrukturen wie Schulen und Gesundheitseinrichtungen, die Umwelt und natürlich die Mobilität.

Die Schönheit unserer Stadt entsteht gerade auch durch Grünflächen wie Hainpark, Hauptsmoor-, Bruder- und Michaelsberger Wald. Unbebaute Flächen sind oftmals Wassereinzugsgebiete für hochwertiges Trinkwasser oder Frischluftschneisen. Eine weitere Bebauung und Flächenversiegelung gefährdet somit auch immer wichtige Lebensgrundlagen.

Aber nicht nur aus ökologischer Sicht bedeutet Wachstum oft eine Gefährdung von Lebensqualität. Neue Ansiedlungen gehen mit steigenden städtischen Aufwendungen einher. Neben dem nötigen Wohnraum wirkt sich das auch auf die Bereitstellung von Leistungen für Bildung, Betreuung, Gesundheit und Pflege, Freizeit und vieles mehr aus. Viele Schulen in Bamberg platzen jetzt schon aus den Nähten und müssen durch die Aufstellung von Containern entlastet werden. Ein forcierter Zuzug würde die in Bamberg bereits bestehende Wohnungsknappheit weiter verschärfen. Wachsen die Städte, verödet das Land. Stadt und Land müssen sich miteinander entwickeln. Eine für alle Regionen gesunde Entwicklung kann nur inklusiv und dezentral funktionieren. Sozialer Wohnungsbau und der öffentliche Nahverkehr müssen in gleichem Maße wachsen, Bus und Bahn müssen einfach, zu fairen Preisen und regelmäßig nutzbar sein. Dem Druck, der durch den demografischen Wandel und den Wandel auf dem Arbeitsmarkt auf Städte wie Bamberg wirkt, gilt es aktiv zu begegnen. Wir müssen uns den jetzigen Problemen Bambergs und seines Umlands konsequent annehmen, anstatt für den weiteren Zuzug in unsere Stadt zu werben. Für eine gesunde und nachhaltige Entwicklung zu sorgen, heißt die Region als ganzes zu sehen. Hier kann unser Denken nicht an den Stadtgrenzen enden und muss die Gemeinden mit einbeziehen. Hierzu brauchen wir gemeinsame Strategien um Handwerk und Gewerbe zu entwickeln und für gute Arbeit zu sorgen, überall!