Drei Tage danach steht die 31-Jährige am Herd und wärmt Glühwein in ihrer Wohnung in Bamberg auf. Sie hat ihre Nachbarn zu einem Umtrunk eingeladen. Die letzte Vorlesung an der Universität liegt hinter ihr. Jetzt soll ein wenig gefeiert werden. Alles normal also bei der jungen Frau, zwei Tage vor Weihnachten? Nicht ganz: Die 31-Jährige ist diejenige, die dafür gesorgt hat, dass die Münchner Polizei Ermittlungen gegen Marcus Pretzell, Politiker der Alternative für Deutschland, eingeleitet hat.

Die Bambergerin ist dabei selbst ins Kreuzfeuer geraten: "Die AfD-Anhänger fühlen sich beleidigt", sagt die Frau am Telefon, während der Glühwein im Topf heiß wird. Sie will wegen der vielen Anfeindungen nun auch nicht ihre wahre Identität preisgeben. Dabei, sagt sie, habe sie nur eine einfache Frage auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gestellt: "Das sieht man dem Tweet an: Ich wollte einfach nur die rechtliche Sicht wissen."


"Es sind Merkels Tote!"

Anfang der Woche hatte die 31-Jährige, die den Twitter-Namen "Sternenprinzessin" oder "StephDammi" trägt, auf eine Aussage von Pretzell reagiert. Der AfD-Mann setzte unmittelbar nach dem Berlin-Attentat am Montag, als andere Politiker Beileidsbekundungen äußerten, diesen Tweet im Netz ab: "Wann schlägt der deutsche Rechtsstaat zurück? Wann hört diese verfluchte Heuchelei endlich auf? Es sind Merkels Tote!"



Zu diesem Zeitpunkt war nur wenig über das Attentat bekannt, die Zahl der Opfer unklar, von einem terroristischen Anschlag noch keine Rede. Doch: Kein Wort des Beileids von Pretzell. Der Tweet des Landesvorsitzenden Nordrhein-Westfalens, der mit AfD-Sprecherin Frauke Petry verheiratet ist, sorgt für Schlagzeilen, wird als geschmacklos und skandalös verurteilt. Pretzell stößt damit selbst seine eigene Partei vor den Kopf.

Doch sieht "StephDammi" darin noch ein wenig mehr. Sie ist sich aber nicht sicher und setzt in ihrer Anmerkung gleich noch die Polizei München mit in Kenntnis: "Hmm, machen Sie sich mit dem Tweet nicht strafbar? Rufmord gegen Frau Merkel?" Das Social-Media-Team der Polizei reagiert prompt, bedankt sich für den Hinweis, man prüfe den Tweet von Marcus Pretzell strafrechtlich. Grundsätzlich sei das immer so: "Wenn uns Nutzer auf Inhalte aufmerksam machen werden wir diese prüfen, selbstverständlich."



Der Bambergerin wird nun nach und nach erst klar, welche Konsequenzen ihr Tweet nach sich zieht, nämlich diese: Sie wird auf Twitter als "Denunziant" und Schlimmeres beschimpft. Dafür sorgt auch ein weiterer Tweet von Marcus Pretzell: "Majestätsbeleidigung? Weil es Merkels Tote sind? Das SM-Team (Social Media, Anm.d.R.) der Polizei München sorgt jetzt für Sicherheit! Danke!"


Erboste AfD-Anhänger

Die AfD-Anhänger sind offenbar erbost. "Die haben dafür gesorgt, dass mein Facebook-Account gesperrt wird. Sie hatten sogar die Kirchengemeinde herausgefunden, bei der ich bin." Da hört der Spaß für "StephDammi" auf. "Ich kann jetzt dazu stehen, weil ich keine Familie in Bamberg habe", sagt die junge Frau, die aus einem anderen Ort in Franken in die Domstadt gezogen ist. Die Familie selbst habe das locker genommen, der Freundeskreis dagegen mit "viel Sorge" reagiert. Im Netz wird sie auch unterstützt.

Die 31-Jährige selbst bleibt ruhig, Angst habe sie keine, angespannt sei sie ein wenig, das ja. Sie denke schon manchmal über die Situation nach, wenn tatsächlich jemand plötzlich vor ihr stehen würde, der sie ausfindig gemacht hat: "Ich hoffe aber von Herzen, dass ich nicht so wichtig bin." Die Bambergerin, die im sozialen Bereich arbeitet und nebenher studiert, hat sich mit ihrem Beitrag selbst ein wenig überrascht: "Ich würde auch nie an einem AfD-Stand die Leute beschimpfen." Sie sei in erster Linie gar nicht ein politischer Mensch und schon gar nicht links: "Keine Partei entspricht mir derzeit." Die Politiker würden oftmals Dinge einfach nicht zu Ende denken, das störe sie.

"Mir geht es um Menschenwürde und respektvollen Umgang." Sie versuche deshalb, sich mit allen Leuten auszutauschen: "Wenn Mauern hochgezogen werden, kann man nicht mehr miteinander reden."

Die 31-Jährige glaubt im Übrigen nicht, dass bei Pretzells Tweet ein Tatbestand vorhanden ist, der strafrechtlich relevant sein könnte. Trotz des Ärgers sagt sie: "Ich würde es wieder machen, sofort!"