Bamberg
Einrichtungsbezogene Impfpflicht

"Gelte nicht mehr als Mensch": Ungeimpft im Gesundheitswesen - eine Betroffene berichtet aus ihrem Alltag

Die drohende Impfpflicht in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen sorgt auch in Bamberg für große Sorgen. Gegenüber inFranken.de berichtet eine ungeimpfte Beschäftigte aus ihrem schwierigen Berufsalltag.
Bamberg: Ungeimpfte im Gesundheitswesen berichtet über Alltag - "gelte nicht mehr als Mensch"
Am Dienstag, 25. Januar 2022, protestierten Beschäftigte auf dem Gelände des Klinikums Bamberg gegen die Einführung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht. Foto: privat
  • Bamberg: Ungeimpfte Beschäftigte im Gesundheitswesen berichtet aus Alltag
  • "Arbeitsteams massiv gespalten": Umgang im Team sei deutlich schwieriger geworden
  • "Darf Enkel nicht mehr besuchen": Auch Privatleben leide wegen Impfdebatte stark 
  • Gelernte Pflegerin reagiert auf Söder-Vorstoß zur Aussetzung der Teil-Impfpflicht 

Ab dem 16. März soll - so der Plan der Ampel-Koalition - eine Impfpflicht für Beschäftigte in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen gelten. Doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte am Montag (7. Februar 2022) öffentlich angekündigt, das bereits beschlossene Gesetz de facto vorerst aussetzen zu wollen.  Auch in Bamberg ist die Stimmung bei vielen Einrichtungen angespannt, jüngst fand auf dem Gelände des Klinikums eine Protestaktion gegen die Teil-Impfpflicht statt. inFranken.de hat mit einer ungeimpften Beschäftigten im Gesundheitswesen über die aktuelle Situation gesprochen. 

Beschäftigte protestieren am Klinikum Bamberg gegen Impfpflicht - "Ton macht die Musik"

Die gelernte Pflegerin arbeitet mittlerweile bereits seit vielen Jahren im psychosozialen Bereich in Bamberg. Ihren Namen möchte sie nicht öffentlich machen, weil die Einrichtung, in der sie arbeitet, "nichts mit meinem Statement zu tun hat", betont sie gegenüber inFranken.de. Sie selbst ist nicht beim Klinikträger, der Sozialstiftung, tätig. Den Protest von Beschäftigten auf dem Gelände des Klinikums Bamberg am 25. Januar 2022 habe sie aber unterstützt, "da ich aufgrund meiner beruflichen Herkunft, meiner Kenntnisse dieser Branche und meiner eigenen Impfskepsis solidarisch mit ihnen bin". 

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Bei der Aktion sei "die Pflege mit Kerzen buchstäblich 'zu Grabe getragen'" worden, erzählt sie. "Es sollte gezeigt werden: Es geht hier um Menschen, die ihren Beruf mit Liebe machen." Sie selbst habe etwa eine Freundin, "die während der Pandemie freiwillig in einem Altenheim gearbeitet hat, in dem durch einen Corona-Ausbruch viele Menschen gestorben sind". Nun sei deren Stelle "neu ausgeschrieben" worden. Besondere Kritik übt die examinierte Pflegerin am Umgang mancher Einrichtungen mit ungeimpften Beschäftigten kurz vor der geplanten Einführung der Teil-Impfpflicht. 

"Manche Unternehmen stehen hinter ihren Mitarbeitern und sagen, wir machen 'langsam' mit der Impfpflicht, es müssen Daten erhoben und gemeldet werden, doch erst dann entscheiden die Gesundheitsämter über Sanktionen", so ihre Erfahrung. "Ich sehe ja ein, dass die Einrichtungen die Impfpflicht durchsetzen müssen, weil es sonst Bußgelder gibt", erzählt die Bambergerin. "Aber der Ton macht die Musik, mit Menschen wird unterschiedlich umgegangen."

"Dann müssten sich Pflegekräfte nicht zu Telegram flüchten" - Ungeimpfte kritisiert "unnötigen Druck"

So habe ein Bamberger Träger etwa "in Mitarbeitergesprächen darauf hingewiesen, dass es ab dem 15. März ein pauschales Betretungsverbot für Ungeimpfte geben würde, dabei müsste das meines Wissens nach individuell von den Gesundheitsämtern, nicht von Arbeitgebern, entschieden werden", erzählt sie. Bereits im Voraus seien Gespräche geführt worden, "bei denen gleich angeblich vorausschauend gesagt wurde: Wenn jemand gar nicht zu überzeugen ist oder es nicht schafft, seinen Impfstatus bis zum 15. März zu erfüllen, dann müsse man die Stelle im Vorfeld ausschreiben, weil es sonst Engpässe gibt".

Das habe sie von Beschäftigten erfahren - noch vor der Ankündigung von Söder, die Impfpflicht aussetzen zu wollen. Die Bambergerin spricht in diesem Zusammenhang von "unnötigem Druck". Grundsätzlich glaube sie, sagt die gelernte Pflegerin, dass eine "bessere Debatte in der Gesellschaft" geführt werden müsse. "Dann müssten sich Pflegekräfte nicht zu Telegram flüchten und für Verschwörungstheorien anfällige Menschen würden dort nicht hineingeraten", erzählt sie, die selbst nicht in dem Netzwerk aktiv sei. Aus ihrer Sicht treibe diese "die Politik und fehlende Debattenkultur dahin". Auf ihren Berufsalltag habe das Thema Impfen mittlerweile einen starken Einfluss.

"Unsere Arbeitsteams werden massiv gespalten", erzählt sie. So gebe es etwa "Mitarbeiter, die sagen: 'Weil ihr so stur bleibt, sind es wir, die bleiben, die dann später mehr arbeiten müssen'". Auch eine weitere Sache beschäftige sie. "Da haben Pflegekräfte, wie auch ich, sich zum Beispiel über Jahre um kranke Menschen, manchmal im Umgang schwierige Personen gekümmert, da gab es schon mal Aggressionen, es wurde gespuckt und geschlagen - und dann soll man plötzlich einfach nicht mehr gut genug sein". 

"Darf Enkel nicht besuchen" - Bambergerin berichtet auch von Konflikten im Privaten 

Sie fühle sich "mittlerweile oft krank, bin dünnhäutig geworden und unkonzentriert". Das finde sie schlimm, sagt die Bambergerin. "Ich habe das Gefühl, als würde mir ein Stück meiner Würde abgeschnitten werden". Oft denke sie sich, "ich gelte nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als unsolidarisch, manchmal auch als asozial, weil ich ungeimpft bin". Bei der Arbeit schiebe man das Thema besser beiseite, "um dem normalen Tagesgeschäft nachzugehen", so ihre Erfahrung. Nicht nur beruflich, auch privat seien "die Fronten sehr verhärtet". So dürfe sie etwa ihren Sohn und ihren Enkel nicht mehr besuchen, "weil ich ungeimpft bin". 

Persönlich sei sie "schon immer impfkritisch, aber früher hat sich niemand darum Gedanken gemacht, weil es ja eine Privatsache war". Schon seit den 80er Jahren habe sich die Pflegerin nicht mehr impfen lassen, erzählt sie. Auch bei ihren Kindern habe sie "immer genau mit den Ärzten besprochen, welche Impfentscheidung notwendig ist und welche nicht". Den mRNA-Impfstoffen stehe sie skeptisch gegenüber. Sie seien für sie "ein genbasiertes Medikament, das im besten Fall einen schweren Verlauf verhindert".

Sie wisse gleichzeitig, "dass die Versorgung von Corona-Intensivpatienten die Pflegekräfte massiv belastet". Doch aus ihrer Sicht könne man "eher von einer Be- als von einer Überlastung" sprechen. "Verschiebungen von planbaren Operationen, wie zum Beispiel Hüftoperationen, gehören meiner Meinung nach dazu, gerade im Winter wegen der vielen zu behandelnden Infektionskrankheiten in den Kliniken", sagt sie. "Priorisierungen vor dem Hintergrund medizinischer Indikationen" seien für sie "klinischer Alltag". 

Freude und Skepsis nach Söder-Vorstoß - "bin da etwas hoffnungslos"

Die Impfpflicht im Gesundheitswesen sei aus ihrer Sicht nicht notwendig. "Ich weiß, wie ich mich und andere vor Corona schütze, mit Schutzkleidung, Abstand und Hygienemaßnahmen. Wir haben auf der Arbeit Maskenpflicht, wir achten auf Abstände, wir waschen und desinfizieren regelmäßig die Hände und ich beachte jederzeit individuelle Sorgen", erzählt sie. Pflegekräfte im Gesundheitssektor seien "ja auch die bestgetesteten Personen auf diesem Planeten".

Viren gehörten für die Bambergerin zum "Lebensrisiko", erzählt sie. Durch ihre Arbeit fühle sie sich "auch gefestigt genug, um zu wissen, dass ich daran sterben kann". Dies sei aber "natürlich eine sehr persönliche Aussage". Die Ankündigung Söders, die Impfpflicht aussetzen zu wollen, werde sie "erst glauben,  wenn es schriftlich fix ist".

Söder habe "während der Pandemie immer wieder seine Meinung geändert, das ist vielleicht auch wieder nur ein politischer Schachzug, denke ich". Bei ihren Kolleginnen hingegen habe die Aussage positive Resonanz ausgelöst. Sie hätten sich "sich sehr gefreut, ich bin da noch etwas hoffnungslos", erzählt die Bambergerin. "Aber er könnte damit, wenn positiv gemeint, auch die Gesundheitsämter entlasten, die ja die Impfpflicht kontrollieren müssten, das wäre gut." Ganz allgemein wünsche sie sich für die Zukunft, Menschen "mehr zuzuhören", es fehle aus ihrer Sicht aktuell daran, "auch wieder Gemeinsamkeiten zu betonen". 

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