"Das Bühnenbild zeigt das Schleifen der Zeit." Mehr wollte Regisseurin Heidemarie Gohde nicht über die Kulisse für Anton Tscheechow Schauspiel "Ivanov" verraten, das am 9. Februar im Großen Haus des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Premiere feiert. Der Vierakter, von Tschechow ursprünglich als Komödie konzipiert, dann jedoch mit einem dramatischen Schluss versehen, wurde in der überarbeiteten Version 1889 uraufgeführt.

"Ivanov"zeigt den gesellschaftlichen Stillstand in einer russischen Provinzstadt Ende des 19. Jahrhunderts. Die Figuren, emotional gescheiterte Intellektuelle aus dem verarmten Kleinadel, finden aus ihrer alltäglichen Apathie, in der sie sich eingerichtet haben, keinen Ausweg.
Ziellos treiben sie durch ihr Leben, Ernüchterung greift um sich, die Resignation mündet schließlich in einen Selbstmord.

Zum Titelhelden erwählte sich Tschechow einen 35-jährigen verschuldeten Gutsbesitzer, in Bamberg gespielt von Stephan von Soden, dessen russischer Allerwelts-Familienname synonym für seinen exemplarischen Charakter, ja die beispielhafte Handlung schlechthin steht. Diese kreist um die gescheiterte Ehe Ivanovs und seine ebenfalls gescheiterte Liaison mit der 20-jährigen Tochter der Gutsbesitzer Lebedev.

Tschechow zeigt in seiner grotesken Tragik-Komödie eine stagnierende, untergehende Gesellschaft, schutzlos vereinsamte Menschen, von Daseinszweifel und Überforderung geplagte Figuren, die sich in ihrem existenziellen Elend vergeblich einzurichten versuchen. "Meine Weltanschauung? Ich sitze und warte jeden Augenblick darauf, dass ich abkratze. Da hast du meine Weltanschauung", sagt Lebedev im 2. Akt. Das heute gelegentlich auch vorschnell in den Ring geworfene Stichwort Burn-out schwebt, von Tschechow freilich so noch nicht angelegt, über allem. Insofern erweist sich das Drama auch als Parabel auf die gesellschaftliche Gegenwart.

Regisseurin Heidemarie Gohde reizt an diesem frühen Stück Tschechows neben der Aktualität des Themas Burn-out und den psychologischen Figurenstudien vor allem die Tatsache, dass auf der Bühne Fragen aufgeworfen werden, auf die es letztlich keine abschließenden Antworten gibt: "Dass diese gesellschaftlichen Zustände etwas sehr Groteskes haben, finde ich interessant daran."

Stephan von Soden, der beim Thema Depression durchaus "auf eigene Erfahrungen zurückgreifen" kann, fasziniert Tschechows präziser Blick auf die Psyche der komplexen Figuren, auf "die russische Seele" und der "Galgenhumor" des Dramatikers. Und Eckhart Neuberg, der in der Bamberger Inszenierung den Grafen Schabelski, einen Onkel Ivanovs spielt, beeindruckt die beklemmende Situation, in der sich der russische Adel im 19. Jahrhundert befindet, die Herausforderungen des aufkommenden Kapitalismus und das schillernde Gesellschaftsbild, das Tschechow präsentiert.


Infobox: Aufführungen


Premiere
Anton Tschechows Schauspiel "Ivanov" feiert am 9. Februar um 19.30 Uhr am E.T.A.-Hoffmann-Theater Premiere. Inszeniert wird das Stück von Heidemarie Gohde, für die Ausstattung zeichnet Uwe Oelkers verantwortlich.

Termine
Weitere Vorstellungen sind geplant für den 10., 15.-17., 20.-24., 26. und 27. Februar. Vorstellungsbeginn ist wochentags jeweils um 20.00 Uhr, am Wochenende um 19.30 Uhr.