Als der Schlusspfiff ertönt, jubelt Horst Tuttor kontrolliert. Er ballt die Fäuste, ein kurzer Jubelschrei, das war's. Dann dreht er sich um, nimmt die Glückwünsche der umstehenden Zuschauer entgegen. "Ich bin froh, dass alles geklappt hat. Es war stressig, aber es hat sich gelohnt", sagt er.

Drei Stunden zuvor, beim letzten Kontrollgang durch die Merkendorfer Richard-Wagner-Arena, steht dem Ersten Vorstand des SV Merkendorf die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Seit dem Mittag ist er da. Er weist die ehrenamtlichen Helfer und die 15 Ordner an. Kontrolliert, ob genügend Desinfektionsmittel da ist. Um 12 Uhr spielte die Reserve im neuen Ligapokal. Vier Stunden später steht das Bezirksligaderby gegen den TSV Breitengüßbach an.

Zuschauerträchtig, emotional und verbissen ging es in diesem Duell in den Vorjahren zu. Das soll an diesem spätsommerlichen Sonntag auch möglich sein. Allen Corona-Einschränkungen zum Trotz. Mit seinen Vorstandskollegen und den Spielleitern des SVM hat Tuttor dafür ein Hygienekonzept aufgestellt, das allen Beteiligten viel Disziplin abverlangt.

Das Resultat: Vier Kassen, an jeder Ecke des Sportgeländes eine, sollen Gedränge beim Einlass der maximal 200 erlaubten Zuschauer verhindern. Neben dem Kauf der Eintrittskarte müssen Zuschauer ihre Kontaktdaten eintragen.

Auch bei der Ausgabe von Speisen und Getränken sind Umstellungen nötig: Laut BFV-Konzept muss Mehrweggeschirr bei 70 Grad gespült werden muss. "Nicht möglich, wir haben keine Spielmaschine", sagt Tuttor. Auf Einweggeschirr will Merkendorf jedoch verzichten."Wir wollen keinen unnötigen Müll produzieren", erklärt der Vorstand. Also gibts keinen Kuchen, sondern nur Wiener im Brötchen. In der Grillbude läuft heute nur der Kochtopf. "Ich will niemandem zumuten, zwei Stunden mit Maske hinter dem Grill zu stehen", sagt Tuttor.

Was bleibt von der Leidenschaft?

In der Westkurve herrscht normalerweise dichtes Gedränge. Die Spieler laufen aus den Kabinen an den Fans vorbei auf den Rasen. Aufmunternde Sprüche für die Hausherren, etwas Häme für den Gast gehören eigentlich dazu. Heute ist der umzäunte Bereich direkt hinter dem Tor spärlich gefüllt, der Durchgangsverkehr wurde verlagert. Es ist ruhiger als Spieler und Fans das kennen.

Dabei bietet die Partie nicht nur Balsam für die Seele derer, die monatelang auf ihr Sonntagsritual verzichten mussten. Das Spiel gegen den Aufstiegsaspiranten aus der Nachbargemeinde ist gleichzeitig das Debüt von Mario Bail auf der Merkendorfer Trainerbank. "Die Vorfreude ist definitiv da, aber vielleicht hat die Coronakrise uns alle ein Stück weit geerdet. Ich habe das Gefühl, dass viele den Sport nun realistischer einschätzen", sagt Bail im Vorfeld.

Nur kurz flammt das Feuer auf

Der Neu-Coach des SVM soll Recht behalten: Seine Mannschaft ist bissig und kampfstark, hat die Offensive der Gäste im Griff und belohnt sich. Der junge Moritz Küffner trifft per Sololauf zum 1:0 (22.). Nach einem Doppelpass schießt Benjamin Martin oben rechts zum 2:0 ein (63.). Und den Anschlusstreffer durch Jan Kasseckert (85.) beantwortet Marc Dürbeck im Gegenzug mit dem entscheidenden 3:1 (86.).

Doch erst nach dem Schlusspfiff kommt das das alte Gefühl, die wahre Leidenschaft auf. Bei der Laola-Welle vor der Westkurve nähern sich Spieler und Fans emotional wieder an. "Ein Top-Rasen, viele Zuschauer und ein Sieg. Was Geileres gibt es doch nicht", findet SVM-Kapitän Waldemar Kappel. Und auch Trainer Bail ist zufrieden, schränkt jedoch ein: "Es war drumherum schon ruhiger als sonst. Die Zwischenrufe, das Interagieren, alles war ein Stück leiser als gewohnt."

Dem Ersten Vorstand kann das an diesem Abend jedoch nur Recht sein. Hinter ihm und seinen Helfern liegt eine stressige, von Zweifeln und Wendungen geprägte Woche. "Die Leute haben sich zurückgehalten, es lief alles gesittet ab. Trotzdem bin ich sehr zufrieden", sagt Tuttor und genießt sein Siegerbier.