Christine Feldbauer hat keinen leichten Job in diesen Tagen. Als Leiterin des Ordnungsamtes der Stadt sieht sie sich in einen Konflikt gedrängt, in dem sich die Fronten scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen. Sperrstunde ja oder nein? Der Anspruch der Anwohner auf gesunden Schlaf gegen das Recht junger Leute auf ein Nachtleben? Dabei liegt es ihr als Ordnungsbeamtin fern, sich in etwas einzumischen, was jetzt mit dem Namen Kulturdebatte geadelt ist.

Ihr geht es "um den rechtsstaatlichen Ausgleich der Interessen aller Bürger dieser Stadt". Ein Blick über die Grenzen Bambergs hinaus hilft zumindest, den Ärger vor der Haustüre besser einzuordnen. Da belegt eine Rathausrecherche, was kaum noch überrascht: Nächtliche Lärmprobleme sind keine Bamberger Spezialität, sondern in allen bayerischen Universitätsstädten brandaktuell "Wir sind nicht die Bösen.
Es gibt in anderen Städten rigorosere Einschränkungen", sagt Feldbauer.

Beispiel Passau. Seit acht Jahren lebt und feiert man im Südosten des Freistaats mit einer Sperrzeit, die am Wochenende sogar eine Stunde früher als in Bamberg beginnt. Dennoch gibt es auch hier Zwist, wie eine Ende 2012 geplante Verschärfung (!) zeigt, die freilich abgeschmettert wurde. Oder Erlangen. Hier beginnt die Sperrstunde bereits um zwei Uhr, was regelmäßige Beschwerden über Partys aber nicht verhindert. Auch in Regensburg und Augsburg schwelt der Streit um die Folgen nächtlicher Vergnügungen. Und ist noch lange nicht ausgestanden. Denn in Augsburg hat das Verwaltungsgericht verfügt, dass die Stadt gegen Lärmbelästigung vorgehen muss.

Der Vorgang in der schwäbischen Metropole zeigt, was viele nicht wissen. Es sind ja nicht die Städte, die wie in Bamberg aus eigenem Antrieb heraus Regeln erlassen, um die jungen Leute zu ärgern . Es sind die Gerichte, die die Städte vor sich hertreiben, weil Anwohner ihr gesetzlich garantiertes Recht auf Nachtruhe einfordern. Auch in Bamberg kam es zur Sperrzeitenverordnung erst, nachdem Anwohner vor das Verwaltungsgericht in Bayreuth gezogen waren. Damals wurde die Stadt aufgefordert, die Lärmprobleme nicht länger zu ignorieren.

Eineinhalb Jahre danach sieht sich die Stadt in ihrer Entscheidung bestätigt. Denn ein Bamberger Diskobetreiber, der gegen die Sperrzeitenverordnung bis zur höchsten Instanz zu Felde gezogen war, scheiterte am Verwaltungsgerichtshof in München. Das Gericht bestätigte den Kurs der Stadt Bamberg und schrieb ihr zudem ins Stammbuch, nicht mehr so großzügig Sondergenehmigungen auszustellen, da dies den Sinne einer Sperrzeit zuwiderlaufe. Immerhin waren es im ersten Jahr über 350 Ausnahmegenehmigungen, die erteilt worden waren. Zwischenzeitlich wurde dies drastisch reduziert, auch weil viele Anträge die Ausnahmekriterien nicht erfüllten.

Polizei: Es ist ruhiger geworden

Glaubt man Feldbauer, sind es nicht nur die Erkenntnisse der Polizei, die für die Beibehaltung einer Lösung wie der Sperrzeit sprechen. Diese habe bestätigt, dass es vor allem unter der Woche in Bamberg ruhiger geworden sei. Die Sperrzeit soll auch helfen, den Interessenausgleich herzustellen. "Ohne", fürchtet die Leiterin des Ordnungsamts, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Gerichte im Klagefall selbst Entscheidungen fällen. "Und man darf nicht erwarten, dass ein Verwaltungsgericht großzügige Entscheidungen für Clubbetreiber trifft."

Von einer Ausnahmegenehmigung profitierte bis vor kurzem auch Volker Wrede, Inhaber des Live-Clubs und Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes. Dass die Stadt eine solche Sondererlaubnis nun wieder an strengere Hürden knüpft, sei nicht für ihn, wohl aber für manchen seiner Kollegen existenziell. Was viele laut Wrede unterschätzen sind die hohen Kosten mancher Konzerte, ein Draufzahlgeschäft, das nur durch die Partys querfinanziert werden könne. Wrede kann sich durchaus vorstellen, dass eine Förderung der Jugendkultur durch die Stadt, etwa durch Ausfallbürgschaften, helfen könnte, die Belastung der Bewohner durch die Nebenwirkungen von Partys zu verringern.

Aus seiner Sicht sind die Lärmbeschwerden vor allem eine Folge des Raucherschutzgesetzes, das die Leute vor die Tür treibt. Auch die neue Altersstruktur der Studenten trage zum Konflikt bei: Durch die achtjährige Gymnasialzeit und die Verkürzung der Studienzeiten seien die Leute im Schnitt deutlich jünger "und auch unvernünftiger" geworden.

Schlenker fordert hohe Strafen

Zumindest teilweise gibt ihm Gisela Schlenker recht, Sprecherin der Bamberger Innenstadtbewohner. Die Universitäten seien durch die kürzere Gymnasialzeit und die Abschaffung der Wehrdienstzeit gewaltig gewachsen, ohne dass sich der Staat um die daraus erwachsende Probleme für den Wohnungsmarkt gekümmert habe und ohne für die nötigen Freiräume beispielsweise für die Jugendkultur zu sorgen.

Dennoch will sie weder die Wirte noch die Nachtschwärmer aus der Verantwortung nehmen, wenn diese sich nicht benehmen können. "Wer sich nicht an die Regeln hält, muss kräftig zur Kasse gebeten werden."

OB Starke: kein Laissez-faire

Möglicherweise wird der Konflikt heute ja bereits ein wenig entschärft, wenn sich die Studenten im Rathaus mit Vertretern der Stadt am runden Tisch treffen. Dazu will Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) beitragen, indem er Fakten auf den Tisch legt. Das Gespräch soll keine "Studentenschelte" werden, sagt er, hofft aber bei denen, die jetzt protestieren Verständnis für Anwohner zu wecken, die einen anderen Lebenstrhythmus haben. "Eine Laissez-faire , eine unbegrenzte nächtliche Feiermöglichkeit können wir aufgrund der Gesetze und rechtsstaatlicher Vorgaben nicht dulden."