Was wäre die Literatur ohne den Suff? Wie viele bittersüße, anziehend abstoßende und absurd komische Geschichten wären nie erzählt worden, wenn "König Alkohol", wie ihn der notorische Trinker Jack London nannte, nicht sein Zepter geschwungen hätte? Oder wie viele wurden nicht geschrieben, eben weil dieser König nichts mehr neben sich duldete? Der Abend in der Buchhandlung Collibri, den Kulturredakteur Rudolf Görtler dem Spannungsfeld "Literatur und Alkohol" gewidmet hatte, war nicht auf die Beantwortung dieser Fragen angelegt. Vielmehr warf er Schlaglichter auf die begnadeten Alkoholiker des Literaturbetriebs, die trotz oder gerade wegen ihrer zerstörerischen Leidenschaft Rauschhaftes und Lustiges schufen.

20 Romane schrieb etwa Jack London. Wer wagt aber seinen Alkoholkonsum während der produktiven Jahre hochzurechnen, in denen er es keine 100 Zeilen ohne Hochprozentiges aushalten konnte? Kann es ein Zufall sein, dass gerade in Ländern mit hohem Akoholkonsum, Irland und Russland als Paradebeispiele, ein derart unerschöpflicher literarischer Reichtum entstand? Flann O'Brian und Brendan Behan etwa sind zwei von vielen großen Iren, die nach relativ kurzem, exzessivem Leben Flasche und Füller abgeben mussten - oder wie es der "Daily Express" in einem Nachruf auf Behan formulierte: "Zu jung, um zu sterben, aber zu betrunken, um zu leben."

Görtlers Textauswahl garantierte, dass nicht die harte Milieustudie den Abend bestimmte, sondern der humorvolle Blick auf Dinge, die ohne Alkohol so nicht geschehen könnten. Etwa Fritz Eckengas wundervolles Gedicht über die Macht des guten Küchenweins ("Heutkochichnicht heuttrinkichdich!"). Oder Eckhard Henscheids aberwitziges Protokoll einer Weihnachtsnacht, in der ein Trunkenbold sich in der Messe mit dem Pfarrer anlegt. In Bamberg darf auch ein E.T.A. Hoffmann nicht unerwähnt bleiben, der selbst bei wilden Punschvarianten kein Kostverächter war.

Wie der Silvaner entstand

Die Besucher dieser geistreichen Literaturveranstaltung konnten sich den beschriebenen Getränken auch in der Praxis nähern, vom Silvaner bis zum Mezcal (ein mexikanischer Agavenschnaps mit Madeneinlage, der in Malcolm Lowrys "Unter dem Vulkan" eine wichtige Rolle spielt). Letzterer fand freilich nur wenige mutige Abnehmer.

Charles Bukowski wäre so wählerisch wohl nicht gewesen. Er zog einen großen Teil seiner Inspiration aus dem Rausch - und meinte es durchaus ernst, als er feststellte: "Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel."

Diese hochprozentige Lesung wird sicher eine Fortsetzung finden - denn Rudolf Görtlers literarischer Wein- und Whisky-Keller soll noch viele Schätze bergen.