Peter Maffay? Über Interviews wird in der Redaktion an sich nicht viel diskutiert. Ein Interview ist Journalistenalltag, Routine, liefert keinen Grund zur Aufregung. Bei Peter Maffay ist das anders. Mit DEM willst Du reden?, fragt der eine. Über Schlager, seine neue Freundin? ... Der wird gerade mit UNS reden, sagt der andere ... Und wieder andere: Wow. Peter Maffay. Echt?

Jawohl, echt. Es hat geklappt, und in diesem Fall ist sogar der Interviewende aufgeregt. Bei Maffay ruft man ja nicht einfach mal so an. Der Weg führt über die Agentur, die für ihn die Öffentlichkeitsarbeit managt, und über seine Produktionsfirma Red Rooster (Roter Hahn). So landet die Anfrage auf dem Schreibtisch in Tutzing, in einem großen Büro mit Blick auf den Starnberger See oder, wenn man nicht zum Fenster hinausschaut, auf Wände, die mit goldenen Schallplatten tapeziert sind. Hier ist auch Tabaluga zu Hause.


50 Millionen verkaufte Platten

Kein deutscher Künstler hat mehr Nummer-1-Alben produziert als Peter Maffay. Mehr als 50 Millionen verkaufte Tonträger machen ihn zu einem Superstar. Trotz oder wegen dieses Erfolgs ist Maffay ein Typ mit Ecken und Kanten geblieben. Der kleine, große Mann, der 1963 mit seinen Eltern als Spätaussiedler aus Rumänien nach Bayern kam, polarisiert.

Maffay bedient die Schlagzeilen der Boulevardpresse ebenso wie er - das denkbar Beste aus seiner Prominenz machend - als Geschäftsmann Millionen für seine Stiftungen akquiriert. Die Unternehmen finanzieren Hilfsprojekte für Kinder. Maffay wurde als Schlagerstar berühmt ("Du", "Und es war Sommer"), und er ging nicht nur über sieben Brücken, sondern auch durch so manches Jammertal, bis er das schaffte, was immer sein Ziel war: Er macht ernsthafte deutsche Rockmusik.


Blitzlicht und Feuerstuhl

Maffay hat kein Problem mit einem Blitzlichtgewitter, am liebsten aber sitzt er auf der Harley und macht sich mit seinen hundert Pferden auf den Weg in die Freiheit. Wie und worüber redet man mit einem Mann, der so gar nicht in Schubladen passen will, der so vielschichtig ist und so berühmt und ganz sicher nicht viel Zeit hat?
Maffay! Die Zusage kommt schnell, so schnell, dass selbst die Mitarbeiterin der PR-Agentur überrascht ist. "Rufen Sie morgen um 10 Uhr diese Nummer an. Da meldet sich Frau Westermann, und die stellt Sie durch." So einfach geht das also! Wow.

"Hallo, hier ist Peter Maffay." Zur Choreografie eines Interviews gehört ein Gerüst aus Fragen, die sich der Fragende zurechtlegt. Ordentlich neben das Telefon gelegt, ein Block für Notizen, Ersatzstifte. Wenn man die Chance hat, mit einem wie Maffay zu reden, dann geht man auf Nummer sicher, hat einen festen Plan, ist aufgeregt.


Gut aufgelegter Superstar

Aber der Star, der sich da so freundlich-entspannt meldet, macht das Konzept mit den ersten Sätzen zur Makulatur. Da sitzt ein Mensch, der gerne mit anderen Menschen redet. "Hey Leute" ist seine Ansage in den Konzerten. Vor allem: Der redet nicht nur. Peter Maffay hat wirklich etwas zu sagen.

Nicht einmal den sorgsam vorbereiteten Eisbrecher als Einstieg ins Interview hätte es gebraucht: Peter Maffay kommt mit seiner Tabaluga-Tour am 25. und 26. Oktober nach Nürnberg (www.tabaluga.com). Zu der Frankenmetropole hat der Rocker eine besondere Beziehung; er ist Ehrenmitglied des Bikerclubs "Zombies Elite" und hat gute Freunde in Nürnberg. Das passt. Maffay plaudert drauflos, macht Witze, lacht. Da ist einer mit sich im Reinen, und er erzählt für sein Leben gerne Geschichten; mit wohlüberlegten Worten und in seinem unverwechselbaren, gedehnten Slang.


Der kleine, grüne Selbstläufer

Eigentlich kein Wunder, dass dieser Rocker, den viele nach wie vor im Schlager verorten, zum Märchenonkel wurde. 1983 erfand Maffay zusammen mit Rolf Zuckowski und Gregor Rottschalk den kleinen, grünen Drachen, der sich aufmacht, die Welt zu erkunden. Das Rockmärchen Tabaluga wurde zu einem Selbstläufer.
Die Geschichten für kleine und große Kinder sind zu einer eigenen Welt in Maffays Universum geworden und strafen ihren Schöpfer Lügen: 1973 schrieb er auf das Cover seines dritten Studioalbums "Omen" eine persönliche Botschaft: "Es fehlt mir die Begabung, mich mit Wörtern so auszudrücken, wie ich es mit Musik könnte."
"Omen", das anfangs nur 3000 Käufer fand, markiert einen Wendepunkt. Maffay wollte weg vom Schlager, der ihn in die Hitparade katapultiert hatte. Er wollte sein Ding machen, Rockmusik - ehrlich, erdig, gradlinig, mit Texten, die etwas zu sagen haben. Er ging diesen Weg und arbeitete hart daran, steckte manchen Rückschlag weg, etwa 1982 jene Tournee im Vorprogramm der Rolling Stones, als er von Zuschauern mit Tomaten und Eiern beworfen wurde. Das Träumen hat er trotzdem nie verlernt, pathetisch und sogar schmalzig konnte er schon immer gut und kann er immer noch.


Er wollte nie erwachsen sein

Ja: Er wollte nie erwachsen sein! Dieser zeitlos schöne Satz verbindet Maffay mit Tabaluga, seinem persönlichsten Werk, mit dem grünen Kerlchen, das irgendwie aus Zeit und Raum gefallen scheint und diesmal im Auftrag der Freundschaft unterwegs ist. Es ist vielleicht Zufall, dass der Drache klein ist, so klein wie Peter Maffay, und dass er ganz auf die stärkste aller Kräfte setzt, die Fantasie. Wenn man sich das Logo von Tabaluga anschaut, ist es nicht zu übersehen: Der kleine Drache hat sogar Peter Maffays Augen ...
Über all diese Dinge plaudert und scherzt Peter Maffay im Interview, und aus 15 Minuten werden 30 und 45 und mehr ... Es macht ihm Spaß, zu reden, und es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Man muss ihn nur ab und zu sanft zurück ins Interview schubsen, das nun mal aus einem besteht, der Fragen stellt, und einem, der antwortet ...


Das Herz auf der Zunge


Aber Maffay ist eben Maffay. Wer sich mit 66 immer noch in die Lederjacke der "Zombies" zwängt und auf die Harley schwingt, wer Stadien rockt und mit kleinen Drachen spielt, der fügt sich in kein Schema.
Andererseits ist er für jeden Interviewer ein Traum: Der Typ redet nicht um den heißen Brei herum, der sagt, was er denkt. Peter Maffay steht auch zu dem, was er seit 45 Jahren auf der Bühne macht. "Du" und "Sieben Brücken" spielt er immer noch neben den aktuellen Sachen. "Niemals war es besser" heißt eines der rockigen Stücke auf dem jüngsten Studioalbum "Wenn das so ist". So wäre der Titel auch okay, Leute: "Niemals war ER besser".



Peter Maffay

Leben Peter Maffay wurde am 30. August 1949 in Kronstadt (Siebenbürgen/Rumänien) geboren. Mit seiner deutschstämmigen Familie siedelte er 1963 nach Waldkraiburg um. Er flog vom Gymnasium, brach eine Lehre ab und fing 1964 an, Musik zu spielen.

Karriere Der Produzent Michael Kunze wurde 1969 auf ihn aufmerksam. 1970 erschien Maffays erste Single "Du", die ihn zum Dauergast in der ZDF-"Hitparade" machte. Kunze wolltet Maffay auf der Schlagerschiene halten.

Erfolg
Maffay trennte sich 1974 von Kunze und machte fortan Rockmusik. Mit dem Album "Steppenwolf" erreichte er 1979 zum ersten Mal Platz 1 der Albumcharts, was ihm inzwischen 17 Mal geglückt ist. 1980 toppte er seinen Erfolg mit "Revanche", wobei das "Karat"-Cover "Über sieben Brücken musst du gehn" zum Zugpferd wurde.

Engagement Mit seiner eigenen Maffay-Stiftung und vielen weiteren Projekten engagiert sich Maffay vor allem für Kinder, die Hilfe brauchen.


Das Interview

Hier das Interview, das in der gedruckten Wochenendbeilage "Fränkischer Sonntag" unserer Zeitung gekürzt erscheint, in voller Länge:

Fränkischer Sonntag: Sie haben eine besondere Beziehung zu Nürnberg - als Ehrenmitglied des Motorradclubs Zombies Elite. Wie ist es dazu gekommen?
Peter Maffay: Das ist eine Geschichte, die geht Jahre zurück, ich weiß gar nicht mehr genau, wann das begonnen hat. Ich habe Leute kennengelernt über Konzerte, über Tourneen, die wir gespielt haben. Es gibt ja diese Affinität zu Zweirädern einer bestimmten Marke, und daraus sind Freundschaften entstanden, Kontakte, die bis heute halten, und die pflegen wir.

Das sind alte Geschichten, die neue Geschichte ist Tabaluga - Es lebe die Freundschaft. Was erwartet die Besucher Ende Oktober in Nürnberg?
Ich will es mit wenigen Worten versuchen. Unser Thema heißt: Es lebe die Freundschaft. Das Album, das die Vorlage zu unserem Bühnenstück liefert, ist im Herbst erschienen und hatte einen schönen und schwungvollen Einstieg auf Platz eins, was uns sehr gefreut hat. Wir versuchen ja auch immer Werte zu vermitteln, und dieser Wert, diese Thematik Freundschaft hat in der heutigen Zeit extremes Gewicht, sich damit auseinanderzusetzen, was Freundschaft ist. Empathie, der Umgang miteinander, der Abbau von Vorurteilen, all das, was Freundschaft ist. Es war uns wichtig, davon auf dem Album einen Niederschlag zu erzeugen und jetzt auch in der Show.

Wie läuft die Show ab?
Wir werden wie bei früheren Inszenierungen mit mehreren Bühnen arbeiten. Es ist ein neues Stück und eine neue Interpretation dieser Thematik, und deshalb wird es neue Protagonisten geben,. Aber das System bleibt: Wir werden die Handlung in den Raum hinein verpflanzten, Bewegung und Dramaturgie direkt ins Publikum. Der Zuschauer ist mittendrin.

Sie sind bei jeder Show selbst dabei?
Ja natürlich, klar. Das erwartet ja man ja von mir, dass ich da bin. Ich bin auch gerne dabei, weil es ein extrem schönes Spielfeld ist. Tabaluga ist ein Sandkasten für Kinder und für Erwachsene, die Kinder geblieben sind. Das Publikum besteht ja, wenn Sie so wollen, aus vier Generationen, die Tabaluga kennen. Das ist ein Familienthema. Da sind dann auch nicht wenige 80jährige Kinder dabei.

Und Sie, Herr Maffay, wollen Sie auch nicht älter werden oder haben Sie dafür schlichtweg keine Zeit?
Also, mit dem Älterwerden beschäftigen wir uns nicht so wahnsinnig,dafür haben wir zu wenig Zeit, und wir haben ehrlich gesagt auch nicht die Lust dazu (lacht). Und Tabaluga ist schon auch irgendwo wie ein Jungbrunnen. Es gibt diese innige Verbindung zwischen dem, was auf der Bühne passiert, der Philosophie dahinter und dem, was wir leben, unter anderem in unserer Stiftung. Das macht es anfassbar und lebendig. Das ist ein Wechselspiel zwischen Fantasie und Realität. Und das bietet eine extreme Bandbreite, sich kreativ auseinander zu setzen. Stilistisch kann man bei Tabaluga einfach alles machen.

Das stimmt. An der CD haben ja unter anderem Helene Fischer, Bully Herbig und Udo Lindenberg mitgewirkt.
Ja,und das zeigt ja auch den Niederschlag dieser Idee in unser Umfeld und die Akzeptanz tief in den Kollegenkreis hinein.

In der neuen Tabaluga-Geschichte spielt, ohne allzu viel zu verraten, gewissermaßen die Eiszeit eine Rolle. Das bringt mich zu einem Lied, das eine Zäsur in ihrer Karriere darstellt: Eiszeit, 1982, wohl ihr erster politischer Song. Ist es ein Antrieb für Sie geblieben, mit der Musik etwas zu bewegen?
Absolut. Sehen Sie, wir haben ja jetzt andere Themen die nicht weniger brisant sind, das Flüchtlingsthema, die Erosionen, die wir überall in der Gesellschaft feststellen, die geopolitischen Entscheidungen, die zu Konflikten geführt haben, welche jetzt erkennbar sind durch Flüchtlingsströme. Es führt kein Weg daran vorbei, sich damit auseinander zu setzen. Und so entstehen dann Inhalte.

Was hat das mit Tabaluga zu tun?
Es lebe die Freundschaft ist kein durch Zufall gewähltes Thema. Das war ganz bewusst eine Entscheidung für die zeitliche Relevanz. Wir haben uns hingesetzt und überlegt, was bewegt uns heute am meisten. Das ist natürlich subjektiv, aber das ist nun einmal das Wesen des Künstlers. Uns bewegt am meisten das Auseinanderdriften der Gesellschaften, auch innerhalb der Gesellschaften. Und wenn wir da zu Lösungen kommen wollen, und Lösungen sind möglich, dann ist der einzige Weg der über die Freundschaft. Sie kann die Kluft, die uns trennt, überwinden. Das ist nicht leicht, und es klingt vielleicht naiv oder romantisch angesichts der wirtschaftlichen, der sozialen und der ökologischen Probleme. Aber ich bin überzeugt, dass es gelingen kann. Selbst Feinde können zu Freunde werden. Das ist die Botschaft.

Sie äußern sich zu diesen Themen, und Sie tun das sehr differenziert, wofür Sie zuletzt auch Prügel bezogen haben. Hat Sie das verletzt?
Als Prügel würde ich das nicht bezeichnen. Es gab ein paar kritische Anmerkungen, durchaus. Warum? Ich hatte unsere Gesellschaft in Deutschland, verglichen - und das gilt für alle Gesellschaften, die anderen helfen - mit einem Schwamm, der irgendwann mal voll ist, und dann läuft das Wasser unten raus. Das ist ein physikalisches Gesetz, das ist einfach eine Tatsache. Und diese Tatsache habe ich als ein Gleichnis hergenommen und gesagt, diese Gefahr besteht auch bei uns. Viele haben mir entgegen gehalten, dass man das so nicht sehen kann. Heute, vier Monate später, ist das eine gängige Diktion und zwar quer durch die Gesellschaft. Jeder hat inzwischen kapiert, dass wir an eine Leistungsgrenze stoßen werden. Und das muss man vermeiden - eben um die Fähigkeit zu behalten, Menschen zu helfen, was ja gar keine Frage ist.

Es gibt aber keine Patentlösungen?
Nein, die gibt es nicht, und ich behaupte auch nicht, dass das alles einfach ist. Wenn jemand mit Müh' und Not sein Leben gerettet hat, dann sind wir wir aus christlichen und humanen Erwägungen heraus in jedem Fall verpflichtet zu helfen. Aber wir müssen anfangen zu differenzieren: Wer braucht unsere Hilfe wirklich, und wo entwickelt sich geradezu ein Geschäftsmodell aus der Not?

Wie kann man das steuern?
Leute, die früher gesagt haben, es kann keine Obergrenze geben, verhandeln plötzlich mit anderen Staaten darüber, dass die die Außengrenze der EU schützen, was ja im Grunde genommen nichts anderes als eine Begrenzung ist. Und es passieren auch andere Dinge. Es wird erkannt, dass es Staaten gibt, die keinen einzigen Flüchtling aufnehmen. Mit diesen Staaten muss man verhandeln, sie müssen ihre Haltung hinterfragen.

In dieser Debatte wird natürlich vieles missverstanden und manches durchaus absichtlich. Haben Sie Angst, als Prominenter von der einen oder anderen Seite vereinnahmt zu werden?
Danke für diesen Hinweis. Das ist natürlich völlig richtig, dass einige Leute gerne diese Position utilisiert hätten. Und dann hätten wir Applaus aus der falschen Ecke bekommen. Ich habe mit Rechtsradikalen, mit einem nach hinten gerichteten Nationalismus überhaupt nichts am Hut. Wir würden nicht Rock gegen Rechts spielen und wir hätten nichts selbst Flüchtlinge bei uns aufgenommen, wenn wir so denken würden.

Sie wurden 1949 geboren, sind also ziemlich genauso alt (oder jung) wie die Bundesrepublik - sehen Sie das Land auf einem guten Weg?
Wir haben einen Rechtsruck, der mir Sorge macht, auch deshalb, weil er nach meiner persönlichen Meinung zeigt, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich durch die großen Parteien nicht mehr repräsentiert fühlt. Deswegen muss man niemanden in eine rechte Ecke rücken. Es sind Menschen, die hinter den Programme der etablierten Parteien kein umsetzbares Konzept mehr sehen.

Woran fehlt es Ihrer Meinung nach?
Politik muss damit beginnen, dass man sich für die Menschen verständlich artikuliert. Das ist schon mal das Grundlegende. Keine Scheinkonzepte, keine Worthülsen, sondern sich mit der Realität auseinander setzen. Bei der Flüchtlingsfrage geht es doch im Kern um zwei Dinge: Bildung und Arbeitsplätze. Das ist der Schlüssel zur Integration.Die Kinder wollen in die Schule gehen und lernen, die Erwachsenen wollen mit ihrer Arbeit ihrer Familie eine Zukunft geben. Das ist der Einstieg in unsere Gesellschaft. Es kann keine Lösung sein, die Menschen sich selbst zu überlassen.

Was Sie sagen, geht sehr in die Tiefe. Wäre es nicht leichter für Sie, die Probleme der Welt auszublenden und einfach nur Musik zu machen?
Ich will gar nicht so hoch in das Regal reingreifen. Ich bin in diesem Fall eher ein normaler Mensch, ein Bürger dieses Landes, der sich Gedanken macht und der sich eine Meinung bildet. Natürlich haben wir vielleicht ein bisschen mehr Plattformen, das zu transportieren, und wir nutzen ja diese Popularität auch beispielsweise für die Kinder. Aber ich glaube nicht, dass ich da eine so große Sonderposition einnehme. Nichtsdestotrotz: Wir gehen vor Leute, wir finden vor Leuten statt, und die haben das Recht zu wissen, wo wir stehen und wofür wir stehen. Deswegen ist es eine Verpflichtung, sich zu artikulieren.Und ich will mich auch nicht um irgendwelche Klippen herum lavieren. Ich muss und ich will auch mit dem Risiko leben, dass meine Meinung polarisiert. Wenn Sie das tut, okay.

Das gehört ja zum Rock and Roll!
Viele meiner Kollegen handeln ähnlich, ja, und ich fühle auch ein Stück weit die Verpflichtung dazu. Das ist anstrengend, aber es gibt mir mehr Kraft als es nimmt. Da entstehen ja auch Netzwerke, die voller Energie stecken und aus denen immer wieder etwas zurückkommt.

Das klingt nicht so, als würde Peter Maffay schon an die Rente denken.
Einer der schönsten Sätze, die geschrieben wurden, stammt von Rolf Zuckowski, der ja einer der Väter von Tabaluga ist: Ich wollte nie erwachsen sein. Das ist eine Qualität im Leben, die man nie aufgeben sollte, sich diese Kindlichkeit zu bewahren. Das möchte ich mir erhalten. Die Arbeit, die wir machen, ist so vielschichtig, dass die Neugierde, in künstlerischer, in musikalischer Art nie nachgelassen hat, und ich glaube auch nicht, dass sie das jemals tun wird. Ich habe ja auch nichts anderes gelernt. Mir macht das Spaß, ich freue mich auf die Tour, ich freue mich auf die Begegnung mit dem Publikum, vielen Menschen.

Das hat sich nie geändert?
Es gab diese Höhen und Tiefen, natürlich. Aber, schauen Sie, ich bin ein Rock'n'Roller. Ich habe mit 14 zum ersten Mal in einer Band gespielt, und ich glaube, mit 15 habe ich schon gewusst, dass das mein Weg sein würde. Natürlich konnte ich das damals noch nicht alles überschauen.

Das klingt so, als gäbe es das Bedürfnis nach Ruhe für Sie nicht.
Das gibt es schon, und heute läuft ja auch vieles ein Stück weit strukturierter in meiner Arbeit und in meinem Leben. Aber es wird immer diese Dinge geben, die nicht vorhersehbar sind. Damit setze ich mich gerne auseinander, ich ich habe die Lust daran auch nie verloren.

Sie haben gerade ihre musikalischen Anfänge gestreift. Bei ihren ersten Auftritten mit den Beat Boys in den 60er standen auch Lieder von Bob Dylan auf dem Programm. Ihr letztes Studioalbum Wenn das so ist enthält eine fette Rocknummer, Gelobtes Land, in der sie ein Dylan-Stück verarbeitet haben. Schließt sich da musikalisch ein Kreis?
Ja, Bob Dylan ist, ja in welcher Form auch, immer in unserer Nähe geblieben. Der Mann hatte einen unglaublichen Ausstoß an Texten und einen enormen Tiefgang. Was wollte er eigentlich mit seiner Musik? Diese Frage habe ich mir gestellt. Dylan hat immer dazu beigetragen, politische Anstöße zu geben. Die Friedensbewegung, das ist ja eben auch die Musik von Bob Dylan. Weil es mit der Musik möglich ist, Leute zu binden unter einer Idee. Weil man mit dieser Energie, die dabei entsteht, Veränderungen herbeiführen kann. Blowing in the wind ist nicht einfach nur ein tolles Lied. Es hat Generationen motiviert auf die Straße zu gehen gegen all diesen Wahnsinn der Kriege.


Das heißt, wenn Sie Dylan zitieren, dann steckt dahinter mehr als Musik?
Absolut, ja, und das geht nicht nur mir so, das hat meine Musikerkollegen in der Band beeinflusst und viele andere Künstler ebenso. Es ist die Musik, es ist aber auch und vor allem die Haltung, die dahinter steht.

Das heißt, Gelobtes Land war ganz bewusst ein Dylan-Cover?
Das eben gerade nicht (lacht). Im Fernsehen lief mal eine Bikerserie, die war ganz gut gemacht und ich habe Sie mir reingepfiffen, Sie kennen ja mein Faible für Motorräder. Mich hat auch die Musik angesprochen, und deswegen habe ich mir den Soundtrack besorgt. Und auf diesem Soundtrack war dieses eine Lied, ich weiß nicht mal, welche Band es gespielt hat. Ein Teil dieses Liedes hat mir gefallen, und ich habe es gecovert und noch etwas dazu gebaut. Erst bei der Arbeit im Studio ist jemand auf mich zugekommen und hat mir gesagt, ej Peter, Du weiß schon, dass Du hier einen Dylan-Song spielst. Wie bitte? Ich habe das bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal geahnt, und bei uns kommt der Song natürlich auch vollkommen anders daher als Dylans Original Girl from the North Country. Kurz und gut. Wir haben uns die Genehmigung geholt und den Song gemacht.

35 Studioalben, 17 Platten auf Platz eins der Charts, die meisten vom Start weg. Erfolgreicher kann deutsche Rockmusik nicht sein, Herr Maffay. Oder wollen Sie noch was draufsetzen?
Wir haben ja jetzt erst einmal eine ziemliche Strecke vor uns. Tabaluga kommt auf die Bühne, eine Tournee mit 63 Shows in 19 Städten, nächstes Jahr kommt der Tabaluga-Film ins Kino, das ist noch einmal ein riesengroßes Abenteuer. Damit sind wir im Moment sehr beschäftigt. Danach aber wird, denke ich, der Hunger, ein knackiges Rock'n'Roll-Album zu machen, sehr groß sein.

Arbeiten Sie schon daran?
Wissen Sie, das hört ja nie auf, die Arbeit mit der Musik und an der Musik ist ein Prozess, der ständig läuft. Es ist nicht so, dass man sich hinsetzt und sagt, jetzt ist mal wieder ein Album dran. Hier hat man eine Zeile im Kopf, da eine Melodie. Mein Leben ist Musik. Aber Sie haben es richtig geahnt. Ich war eben erst bei einem Kollegen in Hamburg im Studio, und wir haben ein paar Demos gemacht, von denen wir uns einbilden, dass sie brauchbar sind. Das ist eigentlich immer so, der Anfang ist eine Stoffsammlung.

Sie sind ja einer dieser Rackerer, die weit mehr Lieder produzieren als auf einer Platte Platz haben. Wenn das so ist ist ja auch eine Auswahl aus sicher drei oder vier Dutzend Stücken gewesen.
Ja, völlig richtig, aber wir werfen eigentlich auch nichts weg. Es gibt Lieder, die passen im Moment vielleicht nicht an diese Stelle. Von anderen Liedern denkt man, dass sie ein großes Ding sind, aber wenn sie ein anderer hört, dann langweilt der sich. So ein Stück fliegt dann halt raus. Dazu kommt noch der Input von außen, wenn wir unterwegs sind. Ich bin zuversichtlich, dass es noch lange Zeit den Stoff für neue Alben geben wird.

Das klingt doch gut! Jetzt freuen sich die vielen Freunde von Peter Maffay und Tabaluga erst einmal auf die Begegnung mit dem kleinen grünen Drachen. Vielen dank für das Gespräch und alles Gute, Herr Maffay!
Ich danke Ihnen! Das Gespräch können wir gerne fortsetzen! Tschüss.