Den Till Eulenspiegel kennt man noch einigermaßen. Jedenfalls kennt ihn die Generation, die mit Schulbuchgeschichten über den Gesellen mit der Narrenkappe traktiert wurde. Was sie sich gerne gefallen ließ. Gleich daneben standen die Streiche der Bürger aus Schilda. Eulenspiegeleien und Schildbürgerstreiche sind ja auch ins sprachliche Allgemeingut übergegangen.

Und heute? Paul Maar zweifelt, dass die heute Heranwachsenden über dieses humoristische Allgemeingut noch gebieten. Hat doch jüngst ein Universitätsprofessor im "Spiegel" beklagt, dass manche Studienanfänger nicht einmal mehr wüssten, dass es ein Altes und ein Neues Testament gibt. Das türkische Pendant des Till Eulenspiegel jedoch hat sich der bekannteste und bei Kritik und Publikum erfolgreichste deutsche Kinderbuchautor vorgenommen zu popularisieren. Und dies mit seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch "Das fliegende Kamel" auch getan. Darin erzählt er Geschichten von Nasreddin Hodscha, dem türkischen Eulenspiegel.

Wobei ... da gilt es schon zu differenzieren. Zwischen dem anatolischen Nasreddin und dem deutschen Till gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Beide sollen im 14. Jahrhundert gelebt haben, beide sind Kristallisationspunkt von allerlei Schnurren und Humoresken verschiedenster Provenienz, ob sie überhaupt je gelebt haben, ist bei beiden nicht zweifelsfrei belegt.
Immerhin steht in Mölln ein Till-Denkmal, im südwestanatolischen Aksehir ein Nasreddin-Mausoleum. Das Volksbuch von Till Eulenspiegel erschien 1515; Nasreddin Hodscha tauchte erstmals einige Jahrzehnte früher in türkischen Quellen auf.

Die Figur des türkischen Schalks, der gerne mit riesigem Turban und Esel dargestellt wird, ist vom Balkan bis China bekannt - ähnlich den Geschichten von Tausendundeiner Nacht. Er ist ein liebenswerter Narr, der seine Mitmenschen gewitzt auf ihre eigene Torheit stößt, Paradoxien kenntlich macht und die Absurditäten des Alltags vorführt. Das ist der größte Unterschied zum deutschen Till, der anders als in geglätteten Jugendbuch-Versionen ein derber und boshafter Geselle sein kann, der nicht nur die da oben lächerlich macht und betrügt, sondern auch die Kleinen, dumme Bauern und arme Witwen, hereinlegt. Erinnern wir uns nur an die bekannte Episode, in der Eulenspiegel in Nürnberg ein Spital rasch leert, indem er den Gebresthaften androht, dass der Letzte zu Arznei verbrannt werde.

So brutal ist Nasreddin nicht. Schon gar nicht der von Paul Maar. Dem ist aufgefallen, dass es für die vielen Kinder mit türkischem - das hässliche Wort sei erlaubt - Migrationshintergrund kaum altersgerechte Literatur gibt. Auf taucht die Capella Antiqua Bambergensis. Das Ensemble, das sich der Pflege alter Musik gewidmet hat und auf Schloss Wernsdorf bei Bamberg residiert, wurde vom Wahl-Bamberger Maar entdeckt, als er passende Musik fürs "fliegende Kamel" suchte. Die lieferte die Capella mit Kompositionen aus Nasreddins mutmaßlicher Lebenszeit. Eine Tournee mit Stationen in ganz Deutschland bewies, dass viele türkische Kinder mit Nasreddin auf Deutsch durchaus zu faszinieren sind.

Die Produktion eines Tonträgers war die logische Konsequenz. Dieser Tonträger liegt nun vor. Logisch ist auch dessen Zweisprachigkeit. Auf einer CD erzählt Maar selbst seine Schalksgeschichten auf Deutsch und lässt Murat Coskun den Nasreddin sprechen, auf der anderen parlieren Coskun und Ibrahim Sarialtin türkisch. Eine moderne Spielart, die auch türkische Kinder hierzulande verstehen. Zudem erzählt Maar die Schnurren um den orientalischen "Narren" nicht nur nach, sondern erfindet auch neue, die z. B. unter dem Titel "Schlafprobleme" so anheben: "Nasreddin ging zu einer Parteiversammlung." Das bilinguale Projekt hat auch das Auswärtige Amt in Berlin erfreut. Eine dem Amt angegliederte Ernst-Reuter-Initiative - der erste Westberliner Oberbürgermeister hatte vor den Nazis Zuflucht im türkischen Exil gesucht - unterstützte Maar und die Capella bei der CD-Produktion.

Die Musik spielt dazu. Die ist für den erwachsenen Hörer das Aufregendste an dem Doppelalbum. Denn die Pointen der Geschichten sind kind- und jugendgerecht, für den an härteren Satire-Stoff Gewöhnten doch allzu durchsichtig und brav. Aber die Capella hat sich Verstärkung geholt in Gestalt etwa des Perkussions-Virtuosen Coskun und des Saz-Spielers Sarrialtin. Gespielt wird orientalische Musik aus der Nasreddin-Zeit, auch für den Laien etwa an der vertrackten Rhythmik unschwer zu erkennen. Und sie rockt! Dafür sorgt auch Simon Michael, Schlagzeuger der Speedfolk- und Mittelalterband "Subway To Sally". Er hat einige Kompositionen beigesteuert. Ansonsten flirrt die Saz, dröhnen Riq und Darburka, pfeifen Blockflöten und Schalmeien. Eine CD nur mit dieser Musik wäre schön!

Paul Maar/Murat Coskun/Ibrahim Sarialtin/Simon Michael/Capella Antiqua Bambergensis: Das fliegende Kamel. Doppel-CD. Cab-14 (Vertrieb Oetinger) 2012. www.cab-onlineshop.de. ISBN 978-3837306699