Helmut Weilbach ist keiner von denen, die von außerhalb in den Steigerwald kommen und sagen, was hier zu geschehen hat. Er wohnt mittendrin, genau genommen in Mittelsteinach bei Burgwindheim. Als Grundbesitzer und Jagdpächter ist er unverdächtig, allzu leichtfertig den Argumenten von Naturschützern zu folgen, denen man nachsagt, sie wollten den Steigerwald unter eine Käseglocken stecken.

Und doch. Auch er ist infiziert von der Idee, in Franken einen Nationalpark zu etablieren, es wäre der dritte in Bayern. "Früher war der Wald hier ein Heiligtum", sagt der 73-Jährige, der lange als Textilingenieur die Welt bereist und sich stets nach seiner Heimat zurückgesehnt hat. "Heute ist er nur noch dazu da, Gewinne abzuwerfen", sagt Weilbach mit Blick auf die Nutzung durch die Staatsforsten, auf maximale Rendite ausgerichtet. Ein Nationalpark, glaubt er, könnte dazu beitragen, weit mehr Existenzen in der Heimat zu sichern als dies ein schlichtes "weiter so wie bisher" würde. Und aus seiner Sicht ist es höchste Zeit zu handeln: "Unsere Dörfer sterben langsam aus."

Weilbach ist nicht allein. Er ist einer von jenen Menschen, von denen man freilich glaubte, sie kämen so tief im Steigerwald, zumal auf unterfränkischer Seite, gar nicht vor: Nationalpark-Befürworter. Etwa 50 von ihnen haben sich in den letzten Wochen und Monaten zusammengetan und wagen am Montag in Untersteinbach den offenen Widerspruch gegen eine Front von Nationalparkgegnern, von der immer wieder behauptet wurde, sie sei unverbrüchlich.

"Große Zahl von stillen Befürwortern"
Doch ist das wirklich so? Manfred Reinhart, in Untersteinbach lebender und fest im Steigerwald verwurzelter Bildhauer, sieht die Dinge differenzierter als es die vielen Schilder suggerieren, die im Steigerwald Stimmung gegen einen Nationalpark machen sollen. "Es gibt eine große Zahl von stillen Befürwortern eines Nationalparks. Gerade hier in Rauhenebrach sind es mehr als man glaubt. Doch sie haben sich bisher nicht getraut, offen dazu zu stehen."

Auf diese schweigenden Unterstützer setzt der neu zu gründende Verein. Unter dem Namen "Nationalpark Nordsteigerwald" soll er ihnen Schutz und Plattform bieten, um sich gegenüber den lautstarken und manchmal militant auftretenden Nationalparkgegnern Gehör zu verschaffen. Es klingt entschlossen, was Reinhart und seine Mitstreiter sagen: "Wir lassen uns unsere Zukunft und die nachhaltige Stärkung einer ganzen Region nicht länger aufgrund von Partikularinteressen kaputtmachen. Der Nationalpark ist eine Riesenchance."





Eine Kampfansage ist es dennoch nicht. Die Nationalpark-freunde, die überparteilich und ungebunden auch gegenüber den Naturschutzverbänden agieren wollen, setzen nicht auf lautstarke Machtbekundungen, sondern auf vorurteilsfreie und ehrliche Überzeugungsarbeit. Es geht um Objektivität und Aufklärung "unbelastet von den bisherigen Vorkommnissen".

Die ist auch dringend nötig, sagt etwa Benedikt Schmitt, ein in Geusfeld lebender Polizist. Schmitt spricht von Halbwahrheiten und bewussten Fehlinformationen, die gestreut worden seien. Etwa, dass der ganze Steigerwald nicht mehr bewirtschaftet und Privatwälder enteignet werden sollten. Eine glatte Lüge, wenn man auf die Größenverhältnisse blickt und auf die Tatsache, dass bislang ausnahmslos über Staatsforst diskutiert wurde. Oder das angebliche Betretungsverbot. Wer sich im Hainich oder auch im neuen Nationalpark Schwarzwald kundig macht, erkenne schnell, dass ein solches Verbot nur in Ausnahmefällen praktiziert werde und auch im Naturpark möglich sei.

Heißes Eisen: Brennholz
Anderes heißes Eisen: das Brennholz. Behauptungen, es werde in einem Nationalpark kaum noch Brennholz für die örtliche Bevölkerung geben, seien schlichtweg unwahr. Man könne in der verhandelbaren Nationalparkverordnung festlegen, dass das Holz aus der auch in Zukunft zu bewirtschaftenden Fläche von 50 Prozent eines Nationalparks nur an die örtliche Bevölkerung abgegeben werden dürfe. Mit dem Ergebnis, dass am Ende deutlich mehr Holz vor Ort ankommt als heute, sagen die Befürworter. Zurzeit landet nach ihren Angaben die Hälfte des Brennholzes bei nicht vor Ort ansässigen Holzhändlern. Und was das Stammholz betrifft, sieht es nicht viel besser aus: Hier geht der Löwenanteil an Großsägewerke, die ebenfalls nicht im Steigerwald sitzen.

Auch für Schmitt, der täglich zum Polizeidienst nach Bayreuth pendelt, sind es vor allem die ökonomischen Vorteile, die zählen. Es gehe nicht darum, die Region in die Steinzeit zurückzuversetzen, sondern ganz im Gegenteil um Jobs, die in einem Höchstfördergebiet entstehen könnten. Man hoffe auch darauf, endlich einen vernünftigen öffentlichen Personennahverkehr zu bekommen, wenn die Marke "Nationalpark" oder gar ein Weltnaturerbe Touristen locken. Der 30-Jährige hat mit ansehen müssen, wie über die Hälfte seiner Klassenkameraden weggezogen ist, weil sie vor Ort keine Arbeit fanden. Doch Schmitt will seiner Heimat treu bleiben und setzt deshalb auf eine Entwicklung vor Ort: "Warum soll bei uns der Aufschwung nicht möglich sein, den man im Nationalpark Hainich in Thüringen erlebt hat?"