Als die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Steigerwald Verstecken spielen, ist noch Zeit für eine kurze Kippe, beziehungsweise einen kräftiger Schluck aus dem Seidla. Stärkung vor dem Auftritt. "Wir sind heiß drauf", verrät Bandmitglied Andi mit einem breiten Grinsen.

Teambesprechung am Uferrand zwischen langen Gräsern. Dann geht's auf die Bühne so nah am Wasser, aber etwas distanziert von den Menschen. Aber nur zunächst. Als die sechs Kerle einen satten Start hinlegen, ihre Saxophon-Soli und Gesangseinlagen als Einladung den Kanal entlang schicken, will niemand absagen. Bereits zum ersten Song tanzen fast 20 Menschen auf dem Asphalt-Parkett, getrennt von rosa Punkten die anderthalb Meter Abstand signalisieren. Kultur im Coronamodus.

"Nachsommer" auf der Erba-Insel: So funktioniert Kultur im Coronamodus

"Nach so langer Zeit ist es einfach schön, sich wieder als Band zu spüren." Thomas Kiesslich blickt in die frohen Gesichter, welchen den Klängen von gefühlt 30 verschiedenen Instrumenten lauschen. So viele musikalische Werkzeuge brachte Dr. Umwuchts Tanzpalast in Schwingung an diesem Abend. Der erste Abend mit Publikum vor der Nase, seitdem die Coronakrise die Kulturszene auf Streamingdienste verbannte hatte. Und der zweite Abend zum Auftakt des "Nachsommers an der Erbaspitze". Eine Idee, welche aus der Aktion "Köpfe für Kultur" erwachsen ist.

Kulturreferentin Ulrike Siebenhaar und Bambergs zweiter Bürgermeister Jonas Glüsenkamp baten mit diesem Einfall um Spenden für die reichhaltige aber pandemiegebeutelte Kulturszene in der Stadt. Das Team um Anne Renz-Sagstetter, die Leiterin des Kulturamtes, hat mit diesem Geld innerhalb von gut zwei Wochen Bands und Kulturschaffende in eine Veranstaltungsreihe integriert. In der Rekordzeit von einem Monat Planung hat die Behörde Bühne, Technik und Programm auf die Beine gestellt. Stattliche 39 Auftritte und Acts aus Bamberg verteilt über zehn Tage sind das Ergebnis.

150 Menschen - ein Teil Publikum, ein Teil Kulturschaffende, Menschen für Technik und das Drumherum - haben laut Hygienekonzept Platz auf den 1800 Quadratmetern hier ganz im Westen der Innenstadtinsel. Sie hauchen diesem Ort wieder Leben ein. Sie mampfen ihre Burger, wippen mit den Füßen, plauschen hinter bunten kreativen Masken - eines Tages sollte es wirklich Modeschauen zu diesem Schutzaccessoire geben - tanzen mit Baby vor dem Bauch oder auf dem Rücken die Kleinen in den Schlaf.

Platz für 150 Menschen

Andere Kindern wagen sich mit Gehörschutz und Mama und Papa Richtung Bühne von der Rock, Pop-Punk, Metal, Indie und Pop schallen. Die Bands hören auf Namen wie Rusty Robber Legs, Reflectors, The Quieres, Octopizz, Black Wasteland, The Yoohoos oder auch city crows. Pärchen schmiegen sich auf den steinernen Stufen aneinander und blicken über das Spektakel auf der Bühne hindurch auf den Kanal, wo sich der Sonnenuntergang spiegelt und in der messingfarbenen Hi-Hat des Schlagzeugers wiederfindet. Motorboote umkreisen die Inselspitze mehrfach, Sportler mit Stand-Up Paddles sowie ein ganzes Rudel Kanuten umrunden gemächlich und neugierig das Gelände. Frachtschiffe nehmen im nahen Hafen kulturelle Eindrücke an Bord als Proviant für die weite Fahrt.

Kulturreferentin Siebenhaar fühlt sich wie in Paris, wo auf der Seine eine schwimmende Veranstaltungsbühne von Bötchen umringt wurde. Es liegt etwas in der Luft, was in diesem Jahr abhandengekommen war: Eine warme Brise Unbeschwertheit.

Einbahnverkehr und Sitzmarkierungen, Fahrradparkplatz und Leitsystem zu Bier, Burger und den Toiletten: Alles hat seinen Platz. Der Hunger nach Kultur hat auch Marlene an die Erbaspitze gebracht. Das letzte Livekonzert ist zu viele Monate her. "Beim ersten Lied konnte ich mich noch auf dem Platz halten. Beim zweiten musste ich einfach mittanzen", erzählt sie glücklich. Claudia, Andreas und Stefan - ein Freundeskreis aus Bamberg, ist sich einig: Für die "Coronazeit" wurde hier eine gute Veranstaltung aufgelegt. "Auch die Subkultur wurde beachtet. Jedes Genre hat seine Berechtigung!", findet Stefan. Eine Wahl-Gaustadterin, welche vor sechs Jahren dort sesshaft wurde, wünscht sich, dass an diesem Ort auch im nächsten Sommer Veranstaltungen möglich gemacht werden. "Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie zur Landesgartenschau die Bühne bespielt wurde", schwärmt sie. 2012 belebten dutzende Kulturveranstaltungen diesen Ort.

"Große Unterstützung für Kulturschaffende" - Festival "Nachsommer" in Bamberg

Gitarrist "Eggnog" von der Band The Yoohoos freut sich einfach, dass so viele Menschen gekommen sind. "Die räumliche Distanz zum Publikum war nicht komisch aber anders." "Es ist gut, dass das Kulturamt diese Veranstaltung organisiert hat. Das ist eine große Unterstützung für die Kulturschaffenden", beschreibt es Michael Schmitt vom Kontaktteam. Auch das Team hatte bereits seit Jahren auf das Schmuckstück an der Erbaspitze gehofft. Nun konnten sie zum Auftakt einen Abend bespielen. "Und mit der Mischung aus Jung und Alt ist auch der Kontaktgedanke erhalten geblieben", meint Schmitt mit Blick auf das eigene - entfallene - Festival, welches so etwas nachgeholt wurde.

Die Frage ist: Was bleibt? "Lasst uns diesen Ort festhalten und nicht mehr hergeben!" ruft Sänger Kiesslich dem Publikum entgegen, das mit lautstarkem Klatschen antwortet. Und vielleicht hat Dr. Umwuchts Tanzpalast mit ihrem letzten Lied "Anker" die Hand der Versöhnung zu jenen ausgestreckt, welche Kultur auf der Erbaspitze skeptisch sehen. Auf jeden Fall haben sie mit den anderen Kulturschaffenden dem Ort künstlerische Leichtigkeit verliehen. Unbeschwerte Vielfalt eben.