Einen Allgäu-Reiseführer für sich, einen Band der "Drei Fragezeichen" für seinen zehnjährigen Sohn: Georg Ditterich nutzt seit über zehn Jahren regelmäßig die Stadtbücherei-Zweigstelle "Maria Hilf" in der Wunderburg. Dass sie Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnte, findet er unverständlich: "Gerade die Jungen und Alten können nicht einfach zur Zentrale in die Stadt gehen. Wie will man für Bildung sorgen, wenn man solche Einrichtungen schließt?", fragt er in Richtung Stadtverwaltung.

Diese schlägt eine "Reduzierung der Außenstellen der Stadtbücherei" vor, wie es in der Vorlage zur heutigen Sitzung des Finanzsenats heißt. Die Stadtbibliothek hat drei Zweigstellen. Laut Kulturreferentin Ulrike Siebenhaar dürften die zwei jenseits der Bahnlinie unter keinen Umständen dem Rotstift zum Opfer fallen. Bleibt Maria Hilf, die der Zentrale in der Königstraße am nächsten liegt. Jedoch will Siebenhaar auch diese nicht ersatzlos schließen, nur das "Kooperationspotenzial mit dem Stadtteilbüro Ulanenpark" prüfen. " Büchereien sind ganz wichtige Begegnungsorte, sie sorgen für Inklusion und Bildung." Die Sparpolitik dürfe nicht zu Lasten der Stadtbücherei gehen.

Aber zu wessen Lasten dann? Das wird bei der heutigen Sitzung für viel Diskussion sorgen. Die Haushaltskonsolidierung für 2021 steht auf der Tagesordnung. Die Stadt muss eine historische Lücke von 44 Millionen Euro im Verwaltungshaushalt stopfen. "Da ist es selbstverständlich, dass man alle Bereiche auf den Prüfstand stellt", sagt Kämmerer Bertram Felix. Im Kultur-Ressort schlägt die Verwaltung eine Kürzung von 2,5 Prozent für die budgetierten Einrichtungen vor, zu denen neben der Stadtbücherei die Volkshoch- und Musikschule, die Museen sowie das das E.T.A.-Hoffmann-Theater gehören. Theater-Intendantin Sybille Broll-Pape könne in diesem Fall Stellenstreichungen nicht mehr ausschließen, sagte sie dem Bayerischen Rundfunk. 2,5 Prozent hält Kämmerer Felix für einen relativ kleinen Einschnitt, der aber nötig sei, um einen zukunftssicheren Haushalt auf die Beine zu stellen. "Das klingt erst mal wenig", sagt Siebenhaar. Doch die Personalkosten wüchsen tarifbedingt weiter, während der Etat seit Jahren gleich geblieben sei. Zudem sind in diesem Jahr bedeutend weniger Tickets verkauft worden und Extra-Kosten durch Hygienemaßnahmen entstanden. So liege der tatsächliche Einschnitt bedeutend höher.

2000 Unterzeichner in vier Tagen

Siebenhaars Ressort ist aber noch weiter betroffen: 25 Prozent sollen bei der Kulturförderung gekürzt werden. Das brachte eine Gruppe von rund 30 Kulturschaffenden um das Kontakt-Festival-Team auf die Barrikaden. Am Freitag veröffentlichten sie einen Offenen Brief, in dem sie den Erhalt der Kulturförderung und der Zweigstellen der Stadtbücherei fordern. "Unser Mailpostfach war schnell geflutet, also haben wir daraus eine Petition gemacht", erklärt Renate Schlipf. Sie ist seit 2012 im Kontakt-Organistionsteam und im Vorstand des neugegründeten Vereins "Machbar", der die Lagarde-Kaserne für Kulturveranstaltungen nutzt. 970 Unterschriften benötigt eine Petition, damit die Stadt reagieren muss. Mittlerweile haben rund 2000 Bürger unterzeichnet, darunter namhafte Kulturschaffende wie Sams-Autor Paul Maar und Nora Gomringer, Direktorin des Künstlerhauses Villa Concordia.

"In der freien Kulturszene reicht eine minimale Förderung, um etwas auf die Beine zu stellen", findet Schlipf. So sei etwa das Kontakt-Festival 2019 mit 15 000 Euro gefördert worden und habe damit 20 000 Besucher angezogen und einen Umsatz von 100 000 Euro generiert. Im Wahlkampf sei die Kultur ein großes Thema nahezu aller Parteien gewesen. "Und jetzt soll gekürzt werden?", fragt sich Schlipf. Die Situation der Künstler sei auch vor Corona schon prekär gewesen. "Viele brennen für die Kultur und arbeiten für wenig Geld. Aber irgendwann werden sie aufgeben müssen", schätzt auch Kulturreferentin Siebenhaar. Nach monatelangem Auftrittsstopp und zögerlichem Start fürchtet auch sie, dass die Kürzungen künstlerische Existenzen bedrohen. Die Szene schrumpfe, Veranstaltungen würden kaum noch durchführbar sein. "Wenn das wegfällt, ist es schwer, wieder eine Szene zu etablieren - wenn es überhaupt gelingt."

Ähnliches gelte auch bei der Stadtbücherei. Vor allem dieser Aspekt berührt die Parteien: "Wir können den Aufschrei nachvollziehen. Mit uns ist die Schließung nicht zu machen", so die finanzpolitischen Sprecher von Grünen und SPD, Wolfgang Grader und Heinz Kuntke. Auch Christian Lange (CSU) und die Junge Union setzen sich für den Erhalt der Zweigstellen ein.

Kämmerer Felix kann den Aufschrei hingegen überhaupt nicht nachvollziehen. "Es scheint immer noch nicht angekommen zu sein, wie ernst die Lage ist", sagt er. In jedem Bereich müsse gespart werden, sonst würde die Regierung von Oberfranken den Haushalt nicht akzeptieren und "von außen diktieren". Nun müssten er und die Stadträte unbeliebte Entscheidungen treffen - "wie ein Arzt, der dem Patient mit einem Raucherbein erklärt, dass amputiert werden muss", so Felix. "Er wird sich nicht freuen, aber überleben." Im Übrigen hätte noch keiner einen Vorschlag gemacht, wo stattdessen gekürzt werden solle.

Einen hat Bücherei-Nutzer Ditterich: "Die Stadträte könnten sich solidarisch zeigen und auf die Hälfte ihrer Zuwendungen verzichten."