Dass er in seinem Alter noch auf Lesereise geht, ist durchaus beachtenswert. Schließlich ist Martin Walser mit 85 Jahren längst im reifen Schriftstelleralter angekommen. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, gut eine Stunde stehend am Pult im Hegelsaal der Bamberger Konzerthalle aus seinem neuen Roman "Das dreizehnte Kapitel" vorzulesen. Mal verleiht er seinen Worten mit der durch die Luft fahrenden Rechten Ausdruck, mal kneift er die Augen zusammen, die buschigen Brauen schieben sich nach vorn. Er spricht mit dem ihm eigenen Duktus und geht in seinem Element, dem Text, dem Wort, vollständig auf; ein professioneller Autor eben.

Nötig hätte Walser eine solche Werbetour durch die Städte der Republik durchaus nicht mehr. Denn der Chronist Deutschlandsbegleitet die Höhen und Tiefen der Republik seit mittlerweile fünf Jahrzehnten, angefangen bei seinem ersten Roman "Ehen in Philippsburg" über die Novelle "Ein fliehendes Pferd" und den nicht unumstrittenen "Tod eines Kritikers" bis hin zu seiner Frankfurter Paulskirchenrede im Jahr 1998 und zu dem Goethe-Roman "Ein liebender Mann", den Walser vor zwei Jahren in Bamberg vorgestellt hatte.
Die Liste seiner Ehrungen ist ebenso beachtlich: Preis der Gruppe 47 (1955), Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1987) und zahlreiche Ehrendoktorwürden nennt Walser sein Eigen.

Nun also der Briefroman"Das dreizehnte Kapitel", in dem der Schriftsteller Basil Schlupp mit der evangelischen Theologieprofessorin Maja Schneilineine entkörperlichte Liebesbeziehung über das Medium Schrift führt. Nur zweimal lässt Walser seine Protagonisten auf den 272 Seiten aufeinander treffen: einmal recht surreal bei einem Empfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue zu Ehren von Majas Ehemann,dem BiologenKorbinian Schneilin; das andere Mal am Berliner Transitort Flughafen Tegel. Doch Walsers Alter Ego Basil reichen diese Treffen und der Schriftwechsel, um Maja zu verfallen.


Erschütternde Emotionalität


Das Buch feiert die Macht des geschriebenen Wortes, die erschütternde Emotionalität der Sprache, den kontemplativen Prozess des Schreibens selbst und nicht zuletzt die rigorose Existentialität der Liebe.Letztere fasst Walser bildgewaltig in Worte: "Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.", lässt Basil die Angebetete wissen. Bisweilen mag der Text ein wenig sperrig, bildungsbürgerlichdaherkommen, dann jedoch liest er sich wieder herrlich ironisch. "Sie sind eben doch ein Katholik! Durch und durch! Das haben Sie intus, das Sich-nieder-Werfen der ganzen Länge nach mit ausgestreckten Armen! Karfreitagsliturgie!", gibt Maja dem Schriftsteller zu verstehen.

Dabei ist "Das dreizehnte Kapitel" durchzogen von gefühlvoller Poesie ("Ich möchte bei dir sein, wenn es heiß ist. Ich möchte bei dir sein, wenn es kalt ist. Ich möchte bei dir sein."); es ist eine Selbstaussprache des Autors, inspiriert vom Denken des Schweizer Theologen Karl Barth; und es ist auch ein Text, in dem starke Frauenfigurengezeigt werden. Züchtig geht es bei Walser, das kennt man von ihm schon, jedoch nicht zu. Basil führt eine "Beischlafstatistik" und sagt Sätze wie: "Alle Frauen, die ich sehe, sehe ich nackt. Ich bin fixiert auf diese Entblößungsautomatik."Im Gespräch mit Professorin Andrea Bartl im Anschluss an die Lesung, organisiert von der Buchhandlung Hübscher, sagt Walser selbst zum Abschluss dann noch einen für ihn nicht untypischen Satz: "Liebe ist Sprache, der Rest ist Gymnastik." Das muss man so stehen lassen.