Trotz internationaler Kritik will die Alice Salomon Hochschule in Berlin ein angeblich sexistisches Gedicht an ihrer Fassade übermalen. Der Akademische Senat beschloss am Dienstag mehrheitlich, statt den Schweizer Lyriker Eugen Gomringer künftig alle fünf Jahre einen neuen Poetik-Preisträger mit Verszeilen zu Wort kommen zu lassen.

Gomringer kritisierte die Entscheidung. "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie", sagte der 93-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Er behalte sich rechtliche Schritte vor. Der Deutsche Kulturrat, Spitzenorganisation von 250 Bundeskulturverbänden, reagierte "erschüttert".
Angehörige der Hochschule hatten moniert, Gomringers auf Spanisch verfasstes Gedicht "avenidas" könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden. Dabei geht es um den Satz: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". Damit würden Frauen, so die Kritiker, zum Objekt männlicher Bewunderung degradiert.


Der Dichter als Chauvinist - ein Kommentar zum Gomringer-Gedicht von Rudolf Görtler



Man ist gezwungen, über Vorgänge zu schreiben, über die man lieber nicht schriebe. Gezwungen nicht von irgendwelchen höheren Instanzen, sondern von der eigenen Überzeugung: Halt, hier muss man intervenieren; auch wenn der Vorgang noch so absurd scheint und die Wirkung minimal sein wird.
Denn Leute bzw. AStA-Frauen, die "Frauen" grundsätzlich mit Sternchen schreiben (Frauen*), um ihre Überzeugung zu dokumentieren, dass Geschlechter soziale Konstrukte sind und keine biologischen Konstanten, die in einem offenen Brief an die Leitung der Berliner Alice-Salomon-Hochschule formulieren, "dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches ,Frau*-Sein‘ bewundert zu werden", sind rationaler Argumentation kaum mehr zugänglich.

Außerhalb des ganz speziellen Soziotops Berlin dürfte das bizarre Spektakel um Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas" weitgehend unbemerkt geblieben sein. Immerhin führt eine breite Spur nach Oberfranken: Der Dichter, Begründer der konkreten Poesie und mittlerweile 93 Jahre alt, lebt in Rehau; seine Tochter leitet in Bamberg das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia und hat sich längst als nicht nur Lyrikerin von Format profiliert.


"Konstellation" als Prinzip

Sein in den 1950er Jahren entstandenes Gedicht thematisiert Admiration: für Alleen, Blumen, Frauen, minimalistisch ohne Verben gruppiert. Übersetzt lautet es: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer." Das verwendete poetische Verfahren nannte Gomringer "Konstellation" als eine Textur gleichberechtigter Wörter. Doch soviel Kunstverständnis und Denkvermögen kann man von Menschen nicht verlangen, die fiktive Texte auf ihren ideologischen Gehalt abklopfen. Ist das so weit entfernt von "Formalismus"-Vorwürfen im Stalinismus oder denen, dass ein Autor in seinen Werken nicht den richtigen Klassenstandpunkt vertrete? Oder als Asphaltliterat die Nation verrate.

Hier manifestiert sich sektenhafte, blindwütige Ideologie. Es ist die Schwundstufe einer Linken, die den ökonomischen Kampf längst aufgegeben und sich Diversitäts-Politiken zugewendet hat. Das ist keine Aufklärung mehr, keine Politik, das ist Theologie, Religion. Es ist ja auch viel einfacher, sich zum Fürsprecher jeder angeblich beleidigten auch winzigsten Minderheit zu ernennen. Wobei in diesem Fall die Frauen überhaupt zu Opfern erkoren wurden, zu Opfern einer "patriarchale[n] Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind"; das Gedicht erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung".


Klassische Beispiele

Spinnen wir den Gedanken doch einfach weiter: In Goethes "Werther" heißt es gleich zu Beginn über die berühmte Lotte: "Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete - wie die lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen ..." Das reproduziert natürlich patriarchale Sichtweisen auf die Frau, "Lookismus" heißt das wohl, und sollte nur unter Triggerwarnung besprochen werden oder verboten. Im Schulunterricht? Undenkbar. Wobei ein relativ komplexer poetischer Text, über 200 Jahre alt, die erwähnten Aktivist*innen intellektuell überfordern dürfte. Oder wie wäre es mit der Heiligen Schrift? Im Hohelied Salomos heißt es u. a.: "Einem Rosse an des Pharao Prachtwagen vergleiche ich dich, meine Freundin." Wissen das Margot Käßmann und Katrin Göring-Eckardt? Ihre evangelische Kirche hat sich auch schon an Matthias Claudius' "Abendlied" versündigt.

Nun sind die Empfindlichkeiten verwirrter Minderheiten das eine. Das andere ist eine Hochschulleitung, die sophistisch herumeiert und sich nach einer fragwürdigen Abstimmung auf einen faulen Kompromiss einlässt. Eine kleine Tafel soll künftig an das Gomringer-Gedicht erinnern; die Fassade wird übertüncht. Und noch etwas: Ein Kommentator der "Zeit" konzedierte dem Gedicht, dass es "kein eindeutig frauenfeindlicher Text" sei. Und was wäre wenn? Verbieten? Schon mal etwas von Strindbergs Novellen gehört? Von Schopenhauer? Otto Weininger? Alles Bückware in Zukunft? Wenn's so weitergeht, steuern wir munter auf eine neo-puritanische Zwangsgesellschaft zu, diesmal nicht von der Religion inspiriert. Aber von einer Surrogatreligion.