"Haben Sie das verstanden?" Der Zweifel in dieser Frage, die Manfred Schmidt dem alten Mann schon vom Verfahren her stellen muss, er war greifbar. Ob Franz M. (Namen von der Redaktion geändert) die Bedeutung dieses Urteils überhaupt umreißen kann, ist schwer zu sagen. Der Vorsitzende Richter am Landgericht bemühte sich, M. zu vermitteln, dass sich für ihn im Prinzip nichts ändert. Er bleibt weiter im Bezirksklinikum Bayreuth, in der Psychiatrie, untergebracht. Weil er am 4. Dezember seinen Mitbewohner im Altenheim so malträtiert hatte, dass dieser zwei Tage später verstarb.

Das das Leben M.s "eines wie es ganz viele führen", endet mit zunächst unbefristeter Unterbringung im Bezirksklinikum. Der schmächtige 89-Jährige, der da zwischen Pflichtverteidiger Thomas Drehsen, Betreuer und Klinikmitarbeiter vor ihm sitzt, ist schon von Alters wegen eine Seltenheit.

Der Ausgang dieses Gerichtsverfahrens sei von Beginn an relativ klar gewesen, so Schmidt weiter, "das Ergebnis" Unterbringung "lag von Anfang an klar auf der Hand". Weil M. aufgrund seiner Krankheit (Demenz) und einem besonderen Erregungsmoment nicht schuldfähig war, war er kein Angeklagter, sondern ein Beschuldigter. Was bleibt ist das Vergehen. M. hatte seinen Zimmerkollegen offenbar schwerst misshandelt: Körperverletzung mit Todesfolge. Da M. keinerlei Erinnerung hat, wurde die Tat anhand der Beweislage, Spuren, Fotos, Zeugenaussagen von Polizei und Heimpersonal rekonstruiert: "Es muss so gewesen sein", was sich da am späten Abend des 4. Dezember, im Doppelzimmer zugetragen hat.


Nicht mehr genau zu klären

"Der Hergang im einzelnen ist nicht mehr zu klären." Im Laufe des Verfahrens wurde dargelegt, wie sich alles abgespielt haben könnte.

Mit dem zwei Jahre älteren Mitbewohner hatte M. vor der Tat das Zimmer im dritten Stock des Awo Seniorenzentrums in Breitengüßbach einige Monate lang geteilt. Genau in diesem Zimmer war es zum tödlichen Streit gekommen.
Nach diesem Abend im Dezember jedenfalls hatte der Ältere mehrere Brüche im Gesichtsbereich, mehrere gleichmäßige Rippenbrüche beiderseits, die von Fußtritten her stammen können, oder auch vom Draufspringen. M. wiederum hatte keinerlei Verletzungen, lediglich Hämatome an den Händen. Die werden allerdings massivem Zuschlagen zugeordnet.

M. selbst hatte am Tatabend außen am Seniorenzentrum geklingelt, ohne Schuhe, ohne Hose, nur in Unterhemd. Das war ebenso wie M.s Hände blutverschmiert. Erst nachdem das Personal M. zurück aufs Zimmer brachte, wurde dort der schwerst verletzte Mitbewohner gefunden.

Beide Männer wurden ins Krankenhaus gebracht. Der Schwerstverletzte blieb in der Klinik, M. kehrte ins Heim zurück. Erst später kam er in eine Psychiatrische Klinik.

Nach dem Tod des Zimmerkollegen und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurde M.s Unterbringung im Bezirksklinikum Bayreuth angeordnet. Von dort wurde M. gestern zur Verhandlung gefahren.

"Es muss sich wohl irgendwas in M.s Kopf abgespielt haben, was zum Gewaltausbruch führte", fasste Richter Schmidt die Bewertung des Sachverständigen zusammen.


Nicht berechenbar

Dessen Prognose besagt, dass M. für die Allgemeinheit gefährlich, da nicht berechenbar ist, und dieser besondere Erregungszustand (wie wohl während der Tat) immer wieder auftreten kann. Mit dieser Prognose könne er nicht zurück in ein Heim, macht Schmid deutlich. Denn wenn etwas Ähnliches passiert, "würden die Leute dort zur Rechenschaft gezogen".

Für ihn werde sich also nichts ändern wenn er nun, so das Urteil, auf unbefristete Zeit im Bezirksklinikum Bayreuth untergebracht werde, so Schmidt. In bestimmten Abständen, so der Richter weiter, sei zu überprüfen, ob etwas anderes in Betracht kommt. "Das wird sich weisen, darüber ist heute nicht zu befinden."

Weil ihm Einsichtsfähigkeit und Steuerungsfähigkeit fehlen, kann M. sich für sein Tun nicht verantworten, kam also keine Freiheitsstrafe in Betracht. Die hätte im Falle der Schuldfähigkeit wohl einen "namhaften Umfang", deutete Schmidt an.

"Sehr bedauerlich, wenn sich das Ende eines Lebens so gestaltet wegen Dingen, für die man einfach nichts kann", resümiert der Richter am Ende seiner Urteilsbegründung.
Als Verurteilter hat M. die Kosten des Verfahrens zu tragen. Gegen das Urteil kann er Revision einlegen. "Da wird aber nichts anderes rauskommen."


Keine andere Lösung

"Haben Sie verstanden, dass Sie weiter in Bayreuth bleiben?", will Richter Schmidt am Ende vom Beschuldigten wissen. "Es bleibt nichts anderes übrig", sagt M. tonlos.