Knapp 500 Wahlkampfveranstaltungen hat der Mann hinter sich und wirkt immer noch frisch, als er am Wahlabend hoch ins Landratsbüro federt. CSU-Landtagskandidat Holger Dremel und Landrat Johann Kalb haben sich an diesem Tag bereits bei zwei großen Terminen gesehen und inzwischen jeweils die Klamotten gewechselt. Dass sie sich nach dem Verfolgen der Stimmauszählung im Landratsamt in Bamberg dann abends bei der Wahlparty in Scheßlitz treffen würden, stand schon am Morgen fest. Allerdings nicht, ob es eine echte Freudenparty oder eher eine Wahlkampf-Abschluss-Party werden würde. Es wurde eine echte Feier, denn mit seinem Ergebnis von 45,99 Prozent ist der Scheßlitzer am Ende mehr als zufrieden. Mehr war angesichts der Trends nicht drin, stand für ihn fest.

"Eine drei vor dem Komma hätte mich enttäuscht, bei einer vier bin ich zufrieden, alles andere hätte ich mich wahnsinnig gefreut." 13 Leute kämpften seit der Kandidatenkür für den Polizeihauptkommissar. Ein großer Teil davon erscheint auch zu Beginn der Wahlergebnis-Bekanntgabe im Landratsamt. Ein bisschen nervös ist 46-Jährige Direktkandidat für den Stimmkreis, also 27 Landkreis-Gemeinden, dann doch.Wenngleich er weiß, wenn es nichts werden sollte mit dem Landtagsmandat, so hat er dennoch gewonnen - an Erfahrung und Freunden, wie er sagt.

Freilich weiß er auch, dass er diesen 14. Oktober wohl immer genauso "als Film abgespeichert" haben würde wie seinen Hochzeitstag am 24. Juli 1999. Gattin Monika hat sich zu den weiteren Anhängerinnen geschart. Allen voran wohl Sabine Saam aus Baunach, tragende CSU-Säule, Mutter Anneliese Saam weit bekanntes CSU-Urgestein. Da darf auch der bewährte Kämpe Siggi Stengel, langjähriger Stegauracher Bürgermeister, nicht fehlen und der Bürgermeister der größten Landkreisgemeinde, Klaus Homann. Das Scheßlitzer Unterstützer-Team hat nicht viel Zeit, höchstens für ein Landkreis-Bier, denn es wird bei der Party gebraucht.

Gebraucht, das wird auch Bernd Nohl von der Kommunalaufsicht, denn in seiner Abteilung laufen die Ergebnisse ein. Kreisjurist Steffen Nickel überträgt sie ins Landratszimmer auf den Flachbildschirm. Als hier ein zerknitterter Ministerpräsident Markus Söder erste Ergebnisse kommentiert, freut sich Dremel, dass immerhin ohne CSU keine Regierung möglich ist. Zumindest ein Trost. Regelrecht bestürzt sind die Christsozialen da im vierten Stock des Landratsamts über den Einbruch der Sozialdemokraten, geschockt vom Abschneiden der AfD (14,46 Prozent holt Florian Köhler am Ende.) "Die waren nirgendwo, keiner kennt sie und doch haben sie solche Ergebnisse", fasst Dremel zusammen, nachdem immer mehr Gemeinden ausgezählt haben - meist zweistellige Ergebnisse.

Wattendorf wie immer Erster

Die ersten Resultate liefert - wie immer - die kleinste Gemeinde im Landkreis, Wattendorf. An sich seit Jahrzehnten feste CSU-Bank. Hier holt Dremel zwar 72,5 Prozent, er sieht aber auch, dass die AfD in Wattendorf über zwölf Prozent geholt hat, obwohl von denen sich dort kein Kandidat habe sehen lassen.

Dremel fotografiert Ergebnisse ab, mailt sie nach Scheßlitz, "die sollen auch gleich Bescheid wissen". Wissen möchte Landrat Kalb, wie es für "die Melanie" (Huml) steht, schließlich wird sein nächster Weg zu ihr zum Gratulieren führen.

Und auch den Bamberger Sozis gilt das Mitgefühl der Schwarzen, "Der Kuntke ist in Ordnung", heißt es hier. Von Schadenfreude und Ähnlichem keine Spur. Mit der SPD könne man vernünftig reden, betont Kalb mit Blick auf den Landkreis. "Das SPD-Ergebnis tut uns nicht gut", ist er sich sicher. Inzwischen hat Holger Dremel ein paar von den Kalb-Gummibärchen verspeist, beim spannenden Ergebnisgucken. Nur trockene Mohn-Brötchen reichen dem stellvertretenden Landrat Rüdiger Gerst, der sich zu der Runde gesellt hat, nachdem Kemmern ausgezählt war.

Wohl nur ein Partner

Wenigstens sieht es so aus, als ob die CSU nur einen Koalitionspartner braucht, geben sich der Landrat und Landtagskandidat erleichtert. Mit den Freien Wählern sieht Sicherheitsexperte Dremel die größten Gemeinsamkeiten, wie er als in der Wahlkampfzeit zum versierten Medienpartner Gereifter sendefähig ins Mikro spricht.

"Das Ergebnis der AfD ist überall zu hoch", findet Dremel, der eine Koalition mit der Alternative für Deutschland im Landtag für sich kategorisch ausschließt. Zumindest ein bisschen erleichtert ist man im Landratszimmer, dass die AfD-Hochburg Burgwindheim nicht über die 20-Prozent-Marke gekommen ist. Nachdem der Großteil der Ergebnisse bekannt ist, bricht Dremel mit Gattin Moni nach Scheßlitz auf, nachdem zuvor geklärt war, dass die Ehefrau chauffiert und Dremel sich deswegen noch einen Schluck 36-Kreisla genehmigen kann. Ganz der Polizist eben. Bislang saß nur einer im Landtag. Zur Langen Partynacht fährt Dremel mit einem guten Gefühl, auch weil er mit seinem Resultat über dem Bayernergebnis liegt. Holger Dremel kann lange feiern, der erste Termin am Montag ist erst nachmittags und der in München am Dienstag um 11 Uhr.

Reaktionen der anderen Kandidaten:

Der große Gewinner des Abends im Landkreis Bamberg ist hin und hergerissen - 14,46 Prozent hat er erreicht. Denn AfD-Kandidat Florian Köhler hätte sich auf Länderebene noch mehr erwartet. Aber mit seinem eigenen Abschneiden im Stimmkreis Bamberg-Land ist der Hufschmied zufrieden. "Das ist genau das, was ich erwartet habe."

Stabile bürgerliche Mehrheit

Langfristig, so seine Einschätzung, werden die etablierten Parteien nicht darum herumkommen, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Schon heute wäre eine "stabile bürgerliche Mehrheit" mit CSU, AfD und FW möglich, sagt Köhler.

Grünen-Kandidat Georg Lunz (12,94 Prozent) wiederum findet "Es ist schlimm, dass Köhler und die AfD so viel gewonnen haben. Es schockiert mich, dass es so viele AfDler aus dem Landkreis gibt."

Persönlich sei er enttäuscht, weil er schon gehofft hatte, mehr zu holen als die AfD. Deren gutes Ergebnis habe sich jedoch schon im Straßenwahlkampf abgezeichnet. Die AfD habe unbegründete Ängste, zum Beispiel vor einer Islamisierung, geschürt - das sei ausschlaggebend. Auch wenn er den Rechtsrutsch frappierend finde, verbuche er den Wahlkampf als gute Erfahrung und nehme viele positive Eindrücke mit.

FDP-Kandidat Martin Wünsche (4,69 Prozent) erklärt trotz des persönlichen Scheiterns an der Fünf-Prozent-Hürde, dass ihm der Social-Media-Wahlkampf positiv in Erinnerung bleibe. Bei den Likes steche er ganz gut heraus, darum hatte er beim Stimmergebnis mehr erwartet. Das gelte auch insgesamt für die FDP-Stimmen.

Landesschnitt erreicht

Doch habe er sein Ziel geschafft, den Landesschnitt zu erreichen. Wünsche sei nun fünf Jahre in der FDP und werde unabhängig von dem Wahlergebnis weiter für Ziele und Vision der Liberalen kämpfen. Dass die AfD stark sein werde, sei zu erwarten gewesen. Sie sei eine demokratisch gewählte Partei und habe ihre Daseinsberichtigung.

Ganz zufrieden ist FW-Kandidatin Verena Scheer (10,09 Prozent), "natürlich könnte es immer ein bisschen mehr sein". Man freue sich über das Plus im Vergleich zu 2013. Es mache sie schon ein bisschen stolz, dass sie zwei Prozent über dem Zweitstimmen-Ergebnis und vier Prozent über dem Erststimmen-Ergebnis von 2013 liege. Vielleicht habe sie bei Podiumsdiskussionen doch den einen oder anderen jungen Wähler überzeugen können.

Bekanntheit half

Dass ihr Name durch die Familie bekannt sei, habe sicher geholfen. Mit der Politik werde sie weitermachen und dafür kämpfen, dass die Ideen der FW auch bei den Bürgern ankommen.mm