Im Herbst 2019 stand Michelin-Mitarbeiter Roman Hermann noch mit einer Trillerpfeife vor dem Hallstadter Werk und demonstrierte im kalten Nieselregen gegen die Schließung. Aktuell geht ein warmer Geldregen auf Hallstadt hernieder.

"Wenn das Innovationszentrum kommt, ist das eine super Sache. Der Gedankengang ist gut. Wichtig ist aber, dass sich da auch wieder ein Industriestandort ansiedeln kann", erklärt Hermann, der noch immer keine neue Arbeitsstelle gefunden hat - für die Zeit nach Michelin in Hallstadt. "Mit diesen Industriestandorten gehen viele gute Jobs mit guten Löhnen flöten. Es müssen wieder neue Arbeitsplätze entstehen. Ein Innozentrum kann das schaffen, das ist aber noch kein Ersatz. Nur der Weg dorthin."

Anschub für die Abgehängten

Dieser Weg wird kein leichter sein. Der Wirtschaftsstandort Bamberg droht beim Technologiewandel der Autobranche abgehängt zu werden - nun schiebt der Freistaat kräftig an. Das Mittel der Wahl gegen die Krise: Innovation. Für 21 Millionen Euro schafft die Staatsregierung in Hallstadt einen "Cleantech-Park". Weitere 21 Millionen fließen ins Wasserstoffcluster der Metropolregion Nürnberg. Das Netzwerk aus Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups soll die heimische Industrie vorne mitspielen lassen, wo sie aktuell hinterherhinkt: bei nachhaltigen Mobilitäts- und Energiekonzepten. Wasserstoff, Digitalisierung und CO²-Reduktion gegen den drohenden Abschwung.

Innovation gegen die Krise

"Wir haben uns entschieden, massiv in die Entwicklung neuer Technologien zu investieren und damit insbesondere die Regionen zu stärken, die stark von der Automobil-Krise betroffen sind", kündigt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) aus Bamberg an. Die Region Bamberg mit ihren rund 40 Autozulieferfirmen ist - noch - stark vom Verbrennungsmotor abhängig. Nun soll sie "zum Innovationsmotor für moderne Technologien werden", wie Huml mitteilt. "Damit haben wir die Chance, den Wandel in der Automobil-Industrie aktiv mitzugestalten."

Ausgerechnet dort, wo sich die Bamberger Autokrise am deutlichsten abzeichnet, wo Michelin Schritt für Schritt Adieu sagt, soll die Initialzündung gelingen. "In Hallstadt wollen wir Forschungseinrichtungen und Unternehmen zusammenbringen, damit sie gemeinsam den Transformationsprozess hin zu grünen Technologien voran bringen."

Den Geldsegen aus München kann die Region Bamberg gut gebrauchen, immerhin sind hier rund 20 000 Menschen direkt oder indirekt von der Autoindustrie abhängig.

"Das ist sehr begrüßenswert und geht in die richtige Richtung, kann aber nur ein erster Schritt sein", erklärt Martin Feder, kommissarischer Bevollmächtigter der IG Metall Bamberg. "Wir müssen schauen, dass wir Forschung und Industrialisierung zusammenbringen, denn in der Industrie entstehen die Arbeitsplätze." Von der "neuen Technologieachse" Nürnberg (MAN), Herzogenaurach (Schaeffler) und Bamberg verspricht er sich viel. Nun müssten Firmen Gas geben und der Staat müsse Wasserstoff subventionieren, um ihn lohnenswert zu machen.

Wichtiges Signal

Als "äußerst wichtiges Signal" wertet der Hallstadter Bürgermeister Thomas Söder (CSU) die Nachricht. Das Konzept des "Cleantech-Parks" hätten Landkreis, Stadt Hallstadt und Michelin zusammen erarbeitet: "Wir wollen dort die Mobilität von morgen entwickeln, viele Firmen zusammenbringen, um zusammen zu forschen. Das war der erste große Startschuss dafür", freut sich Söder. Die Michelin-Schließung habe als Schockwelle für den Wirtschaftsstandort gewirkt - nun stünden auf dem Gelände bis zu 100 000 Quadratmeter für Innovation zur Verfügung. Söder lobt Michelin dafür, Geld in die Hand zu nehmen, statt einfach zu gehen.

"Das ist ein Freudentag für die Region und für die Autozuliefererindustrie hier!", erklärt Landrat Johann Kalb (CSU). Das Zentrum könne ein "wesentlicher Schlüssel für die Transformation" dieser wichtigen Branche werden.

"Wir wollen eine Industriebrache vor den Toren der Stadt nutzen, um umweltfreundliche Antriebs- und Energiegewinnungstechnologien vor unserer Haustür zu entwickeln", erklärt der Bamberger Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) die Idee. "Das schafft neue Arbeitsplätze, neue Unternehmen, die sich bei uns ansiedeln und bietet vor allem unseren großen Platzhirschen wie zum Beispiel Bosch, Brose und Michelin neue Chancen." Um Wasserstoff im Alltag zu pushen, sollen Brennstoffzellen auf dem Lagarde-Gelände die Energie liefern. "Als Ratsvorsitzender der Metropolregion weiß ich um die Abhängigkeit der nordbayerischen Wirtschaft von der Zulieferindustrie. Und es wurde höchste Zeit, dass dieser Transformationsprozess, den wir bisher auf lokaler Ebene herausgearbeitet haben, nun bayernweit angestoßen wird."

"Durch diese Impulse für den technologischen Wandel wird die Entwicklung neuer Technologien und deren Umsetzung in die Praxis gefördert. Für den Wirtschaftsraum Bamberg ist das ein gutes und wichtiges Signal", erklärt auch die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Oberfranken, Sonja Weigand, selbst Unternehmerin aus Bamberg.