Hans-Jürgen Wittmann ist am Dienstagnachmittag gerade mit seinem Kollegen Andreas Dietz von der DLRG Hirschaid im E-Center einkaufen. Als Passanten lautstark versuchen, Angehörige einer Dreijährigen zu finden, reagieren die Sanitäter der DLRG sofort. Sie laufen nach draußen auf den Parkplatz in der Industriestraße. Dort entdecken sie das Mädchen, das alleine in einem Auto in der prallen Sonne sitzt.

Das Kind habe aufgrund der hohen Hitze schon apathisch gewirkt, sagt Wittmann. Das Mädchen sei nicht ansprechbar gewesen, habe die Augen verdreht. "Wir haben die Tür geöffnet, haben dann das Kind aus dem Auto rausgeholt", schildert der 45-Jährige die Situation.  Die Fensterscheibe war einen kleinen Spalt geöffnet, die Ersthelfer benötigten wenige Minuten, um die Scheibe nach unten zu drücken und das Auto zu öffnen.

Sofort haben die beiden Sanitäter das Kind in den Schatten gebracht, haben Wasserflaschen besorgt und mit einem Dreieckstuch den Kopf des Mädchens gekühlt. Die Körpertemperatur konnte so gesenkt werden. Das Mädchen sei dadurch langsam wieder wacher geworden, sagt Wittmann. In der Zwischenzeit hatten Passanten die Feuerwehr gerufen. Wittmanns Kollege Dietz bestellte diese ab, da sie das Auto selbst öffnen konnten. Dietz hatte stattdessen noch den Rettungsdienst gerufen. Zu diesem Zeitpunkt war die Mutter des Mädchens noch immer nicht vor Ort.

Ermittlungen eingeleitet
Mehrmals soll die Mutter in den Supermärkten in der Nähe des Parkplatzes ausgerufen worden sein. Es wurde vermutet, dass sie einkaufen war. Dennoch reagierte zunächst niemand. Die 25-Jährige kam wenig später zum Auto, offenbar völlig überrascht von der Situation. Das Kind wurde ihr nach kurzer Behandlung durch den inzwischen eingetroffenen Rettungsdienst übergeben.

Die Polizei Bamberg-Land hat ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen die Frau eingeleitet. Warum die Frau das Kind alleine gelassen hatte, sei unklar.

"Man muss sich bewusst sein, wenn Kinder oder auch Tiere bei hohen Außentemperaturen im Fahrzeug eingeschlossen sind, dann könnten sie der Überhitzung zum Opfer fallen", warnt Wilhelm Siegemund, Dienstgruppenleiter der Polizei Bamberg-Land. Auch ein Fenster, das einen Spalt geöffnet ist, reiche da zur Kühlung nicht aus.

Das Handeln der Mutter kann auch Ersthelfer Hans-Jürgen Wittmann nicht nachvollziehen. Kinder könnten sich selbst nicht helfen, betont der 45-Jährige. "Bei der Hitze darf man auf keinen Fall ein Kind allein im Auto lassen!" Selbst eine Minute sei zu viel.

Notlage erfordert Handeln
In diesem Fall hatte das Mädchen großes Glück, dass Wittmann und sein Kollege Dietz zufällig vor Ort waren. Wittmann stellt aus professioneller Helfersicht fest: Es sei bei den Leuten schon Zivilcourage vorhanden, doch seien sich viele unsicher, ob sie im Notfall etwas kaputt machen dürfen - zum Beispiel eine Autoscheibe einschlagen. Doch sei sofortiges Handeln in Fällen, in denen sich Menschen in einer Notlage befinden, sogar die Pflicht jedes einzelnen.
 
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Richtiges Verhalten im Notfall
Entdeckt man eine Person oder ein Tier alleine in einem überhitzten Auto, sollte man schauen, ob das Fahrzeug offen ist, sagt Horst Auer, Vorsitzender der DLRG Hirschaid. Sollte das Auto abgeschlossen sein, sollte sofort der Notruf gewählt werden. Eine schnelle Alternative sei, mit geeigneten Mitteln wie einem Notfallhammer die vom Betroffenen möglichst weit entfernte Scheibe einzuschlagen.

Rechtliches
Wer eine Scheibe einschlägt, begeht zwar eine Sachbeschädigung. Besteht jedoch Gefahr gegen Menschen, ist die Zivilcourage im Zweifel vom Gesetz geschützt.

 


In einer ursprünglichen Version des Artikels hieß es, dass die Ersthelfer 20 Minuten zur Öffnung des Autos gebraucht hatten. Nach Angaben der DLRG Hirschaid waren es allerdings nur zwei Minuten. Die ursprüngliche Zeitangabe kam durch einen Übertragungsfehler zustande.