Wenn im Dezember am frühen Abend einzelne Leute im Wintermantel und mit einer leeren Tasse in der Hand in der Nähe des Klinikums unterwegs sind, können sie nur ein Ziel haben: das Adventsfenster des Tages! Am Mittwoch zog es die Menschen in Richtung Hildegardstraße. In der letzten Häuserzeile des Wohngebiets, direkt am Bruderwald, der sich an jenem Abend tief verschneit präsentierte, öffnete sich bei Familie Hartmann-Müller das zwölfte Fenster.

Die Gastgeber wohnen erst seit fünf Jahren in diesem Stadtteil und haben laut Otto Müller noch nie so schnell Anschluss gefunden: "Wir haben die meisten Menschen durch den Adventskalender kennen gelernt." Seit 1995 veranstaltet der Bürgerverein am Bruderwald seinen Adventskalender, griff eine Idee aus der Schweiz auf.
Dahinter stand die Absicht, ein Angebot zu schaffen, bei dem sich die Bewohner des damals noch jungen und wachsenden Stadtteils unkompliziert treffen und kennen lernen können.

Dass daraus ein Dauerläufer werden würde, der auch 17 Jahre später noch die Menschen zusammen bringt, hätten sie nie gedacht, sagen Rudolf Wagner-Jakob und Kurt Filkorn, zwei Männer der ersten Stunde. Auch sie stehen am Mittwoch Abend plaudernd auf der Terrasse von Familie Hartmann-Müller. Es mögen 15 oder 20 Leute sein, die sich an den beiden großen Warmhaltegefäßen bedienen. Es gibt Punsch mit und ohne Alkohol und einen gedeckten Tisch mit Schmalzbroten, Stollen, Plätzchen und anderen Kleinigkeiten.

Man halte den Rahmen bewusst klein, sagt Otto Müller. Es gehe nicht darum, andere zu übertrumpfen sondern eine gesellige Stunde miteinander zu verbringen und Kontakte zu schließen.


Ansturm im eigenen Garten

Am jeweiligen Fenster soll immer das Datum ablesbar sein. In der Hildegardstraße 7 prangt eine große 12 neben einem beleuchteten Stern und einer Puppe im Lehnstuhl. "Die sieht ja aus wie Du", sagt ein Besucher zum Hausherrn. Der erklärt lachelnd, dass die Puppe auch tatsächlich ihn darstellen soll: Sie sei ein Abschiedsgeschenk vom Kollegium an der Strullendorfer Schule, wo Müller bis zu seiner Pensionierung Rektor war.

Die meisten, die am Mittwoch zwischen 18 Uhr und 18.30 Uhr auftauchen, kennen sich. Die ersten gehen auch bald wieder. Niemand könne vorher sagen, wie viele Leute kommen, berichten Insider. Und, dass alles nach spätestens zwei Stunden vorbei ist.

Am meisten los ist immer am 23sten, darin sind sich alle einig. Dann öffnet sich traditionell das Adventsfenster bei Familie Deeg, die ebenfalls in der Hildegardstraße wohnt. Jutta Heitzer-Deeg, die am Mittwoch ihre Nachbarn Hartmann-Müller besucht, sieht dem Ansturm im eigenen Garten offenbar gelassen entgegen. Sie erklärt ihn mit dem besonderen Termin: Am Tag vor Heiligabend seien viele erwachsene Kinder schon auf Weihnachtsbesuch im Elternhaus. Dann kommt bereits die zweite Generation mit.