Lange Zeit hat man sich bei Bosch in Bamberg von den Diskussionen um den Dieselmotor nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Technologie werde weiter gebraucht, Schwankungen bei den Aufträgen gehörten zum Geschäft, hieß es.
Doch was in jüngster Zeit aus dem Werk mit seinen insgesamt 7700 Beschäftigten nach außen dringt, klingt deutlich verunsicherter. Die Nachrichten hinter vorgehaltener Hand haben das Zeug dazu, den Wirtschaftsraum Bamberg schwer zu belasten.

In einer Betriebsversammlung im vergangenen Monat hat der Betriebsrat des Bamberger Bosch-Werks ein Szenario präsentiert und dabei zehn Jahre in die Zukunft geblickt. Demnach würde Bosch im Jahr 2027 in Bamberg nur noch zwischen 5000 und 5700 Menschen eine Beschäftigung bieten können, je nachdem, ob Auszubildende innerhalb der nächsten zehn Jahre übernommen werden oder nicht. "Die bestehende Belegschaft ist nicht gefährdet. Aber für die Region ist das eine Oberkatastrophe", sagt Betriebsratsvorsitzender Mario Gutmann.


Sicherheit für Beschäftigte

Die Reduzierung der Kapazitäten in den nächsten zehn Jahren um rund 2500 Beschäftigte würde allein durch natürliche Fluktuation möglich werden. Denn bei Bosch in Bamberg scheiden jährlich etwa 250 Mitarbeiter altersbedingt aus. "Einfach so entlassen werden kann keiner, weil wir eine Beschäftigungssicherung haben", stellt Waltraud Fuchs, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und seit 30 Jahren freigestellte Betriebsrätin, klar. 2004 war eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen worden, dass betriebsbedingte Kündigungen nur im Einvernehmen mit dem Betriebsrat ausgesprochen werden können.

Die Bosch-Gruppe beschäftigt weltweit mehr als 400 000 Menschen, davon 230  000 in der Sparte Mobility Solutions, wie die Kfz-Technik heute vom Konzern bezeichnet wird.
Mit der Fertigung von Dieselerzeugnissen beschäftigten sich im Konzern etwa 50 000 Mitarbeiter, berichtet Gutmann. Davon 15 000 in Deutschland und rund 3500 in Bamberg. Der Auftragsrückgang in der Abteilung Diesel zeige sich inzwischen deutlich. "Wir gehen hier von 20 Schichten runter auf 17, teilweise sogar auf 15 Schichten", berichtet Fuchs über die wöchentliche Arbeitszeit. Jede Schicht weniger bedeute deutlich weniger Personaleinsatz.


"Wir fahren auf Sicht"

Dass die Stückzahlen deutlich gesunken sind, bestätigt auch der kaufmännische Werkleiter in Bamberg, Martin Schultz. "Die Abrufe bei Dieselerzeugnissen sind spürbar rückläufig", sagt der 45-Jährige. Konfrontiert mit der Stellenabbau-Rechnung des Betriebsrats hält sich Schultz aber zurück. "Wir fahren auf Sicht. Im Moment ist die Beschäftigungslage weitgehend stabil. Ich kann sicherlich sagen, dass wir keine zusätzlichen Stellen aufbauen werden", sagt er nur. Die Entwicklung sei abhängig davon, inwieweit moderne Dieselmotoren künftig gefragt seien. Man werde sich in Bamberg an die Marktentwicklung anpassen. "Im Benzinbereich haben wir im Moment enormes Wachstum", sagt Schultz.


Diesel bringt mehr Umsatz

Dass das sogenannte Verbrennungsmotorenwerk in Bamberg neben Diesel- auch Benzintechnikprodukte im Portfolio hat, ist aktuell ein spürbarer Vorteil. Denn schon seit vielen Monaten boomt das Geschäft mit Benzin-Einspritzkomponenten. Das hat zur Folge, dass zuletzt immer mehr Beschäftigte aus dem Diesel-Werkteil 4 in den Benzin-Werkteil 3 versetzt wurden.

Problem gelöst? Leider nein. Im Vergleich zum Benzin ist die Fertigung von Dieselerzeugnissen bei Bosch deutlich personalintensiver und umsatzstärker. "Die Fertigungstiefe im Diesel ist viel größer", sagt Betriebsratsvorsitzender Gutmann. Hier werde vieles selbst produziert und es gebe weniger Zukaufteile. Laut Gutmann beträgt das Verhältnis gemessen am Umsatz etwa zehn zu eins. "Das ist die Crux. Wenn der Diesel runterfährt, haben wir ein Riesenbeschäftigungsproblem", sagt Gutmann.

Das mögliche Auslaufen von Verbrennungsmotoren hat die Bamberger schon vor Jahren beschäftigt. 2011 hatte der Betriebsrat das Programm "Bosch Bamberg 2025" publik gemacht und dabei kritisiert, dass in Bamberg kein einziges Teil für das zukunftsträchtige Elektroauto gefertigt werde. Ein paar Jahre später war dann das Zukunftsprodukt, das Zugpferd für mögliche neue Stellen da: Bosch fertigte in Bamberg in kleiner Stückzahl Batteriesysteme für Porsche. Doch Ende vergangenen Jahres war damit Schluss, die Hoffnung auf neue Produkte abseits vom Verbrennungsmotor dahin.


Was passiert mit den Azubis?

Aktuell kämpft der Betriebsrat dafür, dass die Auszubildenden - rund 100 werden jährlich in Bamberg eingestellt - weiter unbefristet übernommen werden. Nur so würde der derzeitige Altersdurchschnitt von 45 Jahren im Werk gehalten werden. "Für das Überleben des Standorts Bamberg ist das unabdingbar", sagt Gutmann.
Wenn ein Stellenabbau bis 2027 tatsächlich so eintreten würde, wie vom Betriebsrat aufgezeigt, hätte Bosch seine herausragende Stellung als Arbeitgeber in Oberfranken vielleicht nicht ganz eingebüßt, würde als Nummer eins aber ganz nahe an die Plätze zwei und drei (HUK Coburg und Brose) rücken , was die Zahl der hier Beschäftigten angeht.


Zentrale verspricht Durchbruch

Doch soweit soll es nicht kommen. "Wir wollen da auch Druck in der Landespolitik machen", sagt Matthias Gebhardt, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Bamberg. Und auch im Rathaus ist man gewarnt. Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke war Ende vergangenen Jahres sogar Gast einer Betriebsversammlung im Werk. Bosch ist einer der größten Gewerbesteuerzahler der Stadt.

In der Stuttgarter Konzernzentrale von Bosch sprach man vor einigen Tagen bei einer Bilanzpressekonferenz vom "entscheidenden Durchbruch in der Diesel-Technik". Mit einer Kombination aus ausgeklügelter Einspritz-Technik, neu entwickeltem Luftsystem und intelligentem Temperaturmanagement habe man das Stickoxid-Problem nun gelöst.
Ob die Autohersteller darauf eingehen und damit das Bamberger Bosch-Werk neuen Schub erhält, werden die nächsten Monate zeigen.