Ein Jahr und neun Monate ohne Bewährung für eine gefährliche Körperverletzung bekam ein 19-jähriger Syrer, der einem zufällig vorbeilaufenden 28-jährigen Polen Anfang August 2018 mit einem Taschenmesser eine tiefe Schnittwunde am linken Arm zugefügt hatte. Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Martin Waschner sah angesichts der schweren Verletzungen des Opfers und der Vorstrafen des Heranwachsenden, der bis zur Untersuchungshaft in einer Unterkunft in Hirschaid gelebt hatte, keinen Spielraum. "Für den Messereinsatz gab es keinen Grund. Es war ganz sicher keine Notwehr."

Lesen Sie auch: Mit bis zu 156 in 80er Zone unterwegs - Polizei stoppt Raserin Es war die Aussage eines 22-jährigen Studenten, die dem Angeklagten zum Verhängnis wurde. War sie doch eine der wenigen aus unparteiischer Sicht, die in der achtstündigen Wahrheitssuche am Amtsgericht Bamberg zur Sprache kam.

Der Zeuge hatte sich mit zwei Freunden einen schönen Sommerabend am Kanalufer gemacht. Zu dritt hatte man Eis gegessen und die Beine baumeln lassen. Bis ein lautstarker Streit die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die untersten Treppenstufen lenkte. Stirn an Stirn standen sich die Kontrahenten wie im Boxring gegenüber. Bis der Angeklagte plötzlich mit einer sechs Zentimeter langen Klinge herumfuchtelte. "Er muss immer den großen Macker markieren," so eine Zeugin.

Der Angeklagte selbst gab die Attacke zu, rechtfertigte sich jedoch, er habe sich nur gegen eine bedrohliche Situation gewehrt. "Ich merkte, der war besoffen. Außerdem waren es drei Leute in Kampfstellung. Da hatte ich Angst und habe mein Messer gezogen." Angefangen hatte alles mit der für Schlägereien üblichen Ausgangssituation: Einer läuft am anderen vorbei. Man blickt sich an. Dann heißt es von einer der beiden Seiten: Was schaust Du so?

Weil man sich nicht so dumm anreden lassen will, wird das Ganze durch den anderen "geklärt". Am Ende gibt es nach verbaler Eskalation meist einen oder mehrere Verletzte. In diesem Fall "hatten Sie Glück, dass es nicht in den Bauch gegangen ist", so Richter Waschner. Nach dem Vorfall rannte der Angeklagte davon und warf das Taschenmesser ins Wasser. Dort fanden es später Polizeitaucher.

Gravierende Folgen

Dennoch waren die Folgen des Messereinsatzes gravierend: Der Angeklagte hatte mit solcher Kraft zugestochen, dass auf der Innenseite des Unterarmes des Opfers nicht nur ein wichtiger Nerv zerschnitten, sondern auch ein Muskel samt Sehne durchtrennt und eine der beiden Schlagadern verletzt wurde. Dementsprechend heftig blutete das Opfer, und aufwendig gestalteten sich die Operationen.

Der Bauhelfer aus Baden-Württemberg leidet bis heute unter ständigen Schmerzen, kann den kleinen Finger nicht mehr bewegen und muss damit zurechtkommen, dass der Ringfinger gefühllos geworden ist. "Das macht echt keinen Spaß. Ich bin beruflich stark eingeschränkt. Ich kann nur dank meiner Kollegen weiter auf Baustellen arbeiten." Im Grunde eine Berufsunfähigkeit.

Selbst dem Pflichtverteidiger wurde es zu viel

Außerdem trat eine Reihe weiterer Zeugen auf, die mit dem Angeklagten zusammen abgehangen hatten. Ihnen war das Bestreben, die Notwehr-Behauptung ihres Freundes zu stützen, deutlich anzumerken. Bis es selbst dem Pflichtverteidiger Thomas Drehsen (Bamberg) zu bunt wurde. Zuvor hatte man sich anhören dürfen, der Angeklagte sei wahlweise mit einem Kopfstoß, zwei "Schellen" oder gar Würgeversuchen angegangen worden.

Noch deutlicher wurde Staatsanwältin Franziska Frohberg, die im Nachgang wohl einige neue Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage einleiten dürfte. "Ich habe das Gefühl, dass Sie hier Quatsch erzählen, um dem Angeklagten zu helfen", entgegnete sie einer 18-jährigen Auszubildenden, einer 17-jährigen Reinigungskraft und einem 25-jährigen Landsmann des Angeklagten, der als Security-Mitarbeiter tätig ist. Ein 17-jähriger Küchenhelfer aus Afghanistan wusste gar von russischen Beleidigungen, die der Pole dem Angeklagten entgegengeschleudert haben sollte. Von "grob ins Gesicht gelogenen Geschichten" sprach Staatsanwältin Frohberg.

Wiedersehen vor dem Richter

Für Richter Waschner war es ein Wiedersehen mit dem Angeklagten, der bereits 2017 wegen gefährlicher Körperverletzung vier Tage Jugendarrest abgesessen hatte. Mit einem anderen zusammen hatte er an einer Skaterbahn einen Jugendlichen geschlagen und getreten. In kurzer Folge waren zudem Urkundenfälschung, Bedrohung und unerlaubter Drogenbesitz hinzugekommen, die mit Geldauflagen und gemeinnütziger Arbeit geahndet worden waren.

Der Angeklagte war 2015 eingereist, nachdem er in Syrien vom "Islamischen Staat" eingesperrt und gefoltert worden war. Man hatte ihm dort auch durch den Unterschenkel geschossen. Zudem hatte er Hinrichtungen mit ansehen müssen.

Trotzdem beantragte die Jugendgerichtshilfe, keine Bewährung zu geben. "Die Bevölkerung hat kein Verständnis dafür, wenn jemand nach so einer Tat in Freiheit kommt", ergänzte die Anklagevertreterin. "Vielleicht sollte der Angeklagte anfangen zu arbeiten und nicht herumlaufen und mit dem Messer zustechen", so das Resümee des Opfers.