Malermeister Dieter Roy ist hoch zufrieden mit seinem Mitarbeiter Christian: "Er leistet gute Arbeit", sei unersetzlich in seinem Betrieb in Gerach (Landkreis Bamberg). Schon seit zwölf Jahren werkelt Christian fachkundig mit Pinsel und Farben: "Das macht mir Spaß!", strahlt der 31-Jährige. Und ergreift die Chance, die ihm angeboten wurde: nämlich die Teilnahme an der Ausbildung "Gehilfe im Baugewerbe".

Eine wesentliche Chance für den jungen Mann mit geistiger Behinderung, nach dem einjährigen Zertifikatslehrgang eine reguläre Lehre zu absolvieren und sich einen noch festeren Platz auf dem sozialversicherungspflichtigen ersten Arbeitsmarkt zu sichern. In einer Feierstunde im Haus von "integra Mensch", eine Einrichtung der Lebenshilfe Bamberg für Menschen mit Behinderungen, wurde der Startschuss gegeben für dieses derzeit noch bundesweit einmalige Projekt.

Bislang waren Jugendliche, die in Werkstätten für behinderte Menschen betreut werden, von den verfügbaren Aus- und Weiterbildungsformaten des Regelausbildungssystems ausgeschlossen. Kuno Eichner, Leiter von "integra Mensch", ließ dieser Umstand keine Ruhe: "Das integra-Haus liegt genau gegenüber der Berufsschule, und das regt zum Nachdenken an." Jugendliche ohne Handicap würden dort eine duale Ausbildung machen: "Warum sollte das für Menschen mit Handicap nicht auch möglich sein?", habe er sich gesagt.

Eichner gelang es, die Handwerkskammer für Oberfranken (HWK) mit ins Boot zu holen. Gemeinsam wurde der Zertifikatslehrgang "Gehilfe im Baugewerbe (HWK)" entwickelt als Weiterbildungsangebot für die betriebsintegrierten Arbeitsplätze von "integra Mensch". Ziel sei, so Kuno Eichner, ein möglichst betriebsnahes Lernen mit praxisorientierter Theorievermittlung im überschaubaren Zeitrahmen zu realisieren. Der Lehrgang dauert zwölf Monate, schließt mit einer Prüfung und der Freisprechung ab. Christian ist nicht der einzige, der sich jetzt qualifizieren will. Mit ihm gehen Ronny, Philipp und Markus an den Start.

Die jungen Männer arbeiten schon seit gewisser Zeit in der Dombauhütte, in einer Schreinerei und einem weiteren Maler- und Verputzerbetrieb. "Wir wollen unsere Mitarbeiter nicht mehr missen", versichern die Chefs der Vier unisono. Sie sind sich bewusst, dass der neue Lehrgang nicht nur eine Qualifikation im Arbeitsfeld bedeutet, sondern auch einen persönlichen Mehrwert für ihre Schützlinge.

Speziell zugeschnittene Lehrbücher

Natürlich gibt es auch Lehrbücher wie in jeder Berufsausbildung. Diese Bücher unterscheiden sich jedoch darin, dass sie in Leichter Sprache entwickelt und ihr Anwendungsbezug von Fachleuten der Lebenshilfe-Betriebe geprüft wurde. Anette Hell, Erzieherin und Integrationsbegleiterin im Haus "integra Mensch", hat federführend daran mitgewirkt. Sie blättert eines der Bücher auf, das speziell auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung zugeschnitten ist: wenig Text zum Lesen, mehr Fotos und Piktogramme, praxisorientierte Aufgaben, die durch Ankreuzen von Auswahlkästchen bewältigt werden können.

Stolz nehmen Christian, Ronny, Philipp und Markus dieses Arbeitsmaterial entgegen. Auch ihre Chefs und betrieblichen Paten bekommen jeweils ein Exemplar ausgehändigt. Kreishandwerksmeister Manfred Amon und HWK-Hauptabteilungsleiter Peter Schirmer assistieren dabei Kuno Eichner.

Das Haus "integra Mensch" führt seit drei Jahren auch andere Zertifikatslehrgänge durch, und zwar in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken (IHK) und der Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe. "Sehr motivierte Teilnehmer zeigen hohe Lernfortschritte und sind in ihren Patenbetrieben wesentlich vielfältiger einsetzbar", erklärt Kuno Eichner. Bundesweit gültige Fachabschlüsse gibt es für die Ausbildungen "Assistent im Gastgewerbe", "Assistent in der Fahrzeugreinigung" und "Assistent im Seniorenheim".

Mehr als 50 Werkstätten

Mehr als 50 Werkstätten aus dem ganzen Bundesgebiet, Österreich, der Schweiz und aus Südtirol haben sich inzwischen bei "integra Mensch" gemeldet, die an einer Übernahme des Ausbildungskonzeptes interessiert sind. Eichner: "Sie wissen, dass fundierte und am Berufsbildungsgesetz orientierte berufliche Bildungsangebote für Werkstätten mit behinderten Menschen ein wichtiges Qualitätsmerkmal darstellt."

Und zwar gerade in Bezug auf die Reform der Eingliederungshilfe.