Die Caritas verzeichnet 2026 einen Rekordbedarf an Energiebeihilfen. Immer mehr Menschen in Bamberg brauchen demnach Unterstützung.
Die Nachfrage nach Energiebeihilfen der Caritas in der Erzdiözese Bamberg ist so hoch wie nie zuvor. Seit mittlerweile vier Jahren unterstützt die Caritas Menschen in finanziellen Notlagen mit Energiebeihilfen für Strom, Gas oder Heizöl.
"Zur Jahreshälfte haben wir bereits in rund 200 Fällen mehr als 140.000 Euro ausgezahlt", sagt Barbara Borschert, Leiterin der Abteilung Kinder-, Jugend- und Familienhilfe beim Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg e. V. (DiCV Bamberg). Die Hilfen hätten unter anderem zahlreiche Stromsperren verhindert. Darüber hinaus unterstütze die Caritas Betroffene mit Zuschüssen für energieeffiziente Haushaltsgeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen oder Küchenherde. "Gerade für Menschen mit geringem Einkommen entscheiden solche Hilfen oft darüber, ob der Alltag überhaupt noch bewältigt werden kann." Laut Borschert würden hier insbesondere die hohen Nachzahlungen der Jahresrechnungen der Stromversorger zu Buche schlagen.
Caritas-Prognose: Erstmals über 300.000 EUR
"Wir rechnen damit, dass bis Ende des Jahres erstmals mehr als 300.000 Euro an Energiebeihilfen ausbezahlt werden", blickt Michael Endres, Caritasdirektor und Vorstandsvorsitzender des DiCV Bamberg, voraus. Der finanzielle Grundstock der Energiebeihilfen stamme aus zusätzlichen Kirchensteuereinnahmen, die im Zusammenhang mit dem Inflationsausgleich ab Herbst 2022 entstanden seien und von der katholischen Kirche in der Erzdiözese Bamberg der Caritas zur Verfügung gestellt wurden. Durch eine verantwortungsvolle Vermögensverwaltung konnten die Mittel bislang erhalten und weitere Hilfen ermöglicht werden, erklärt der Bamberger Caritas-Chef weiter. "Diese Strategie funktioniert sehr gut."
Soziale Sicherung reicht für viele Menschen nicht mehr aus
Allerdings übernehmen nach Einschätzung der Caritas Wohlfahrtsverbände zunehmend Aufgaben, die eigentlich durch den Sozialstaat abgesichert werden müssten. Das weiß auch Boris Görrißen von der Allgemeinen Sozialberatung des Regionalcaritasverbandes Bamberg-Forchheim e. V.: "Sozialstaatliche Leistungen wie das Bürgergeld entwickeln sich seit längerem nicht mehr im gleichen Maße wie die tatsächlichen Lebenshaltungskosten", erklärt Görrißen. Für viele Menschen reiche das verfügbare Einkommen einfach nicht mehr aus, um etwa Miete, Energie und den täglichen Lebensunterhalt zu finanzieren.
Ein bedenklicher Trend, der auch in aktuellen Studien zum Ausdruck kommt. Laut einer Erhebung des Deutschen Mieterbundes aus diesem Jahr gehören 42 Prozent bzw. 8,3 Mio. Mieterhaushalte zum unteren Einkommensdrittel. Sie verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von durchschnittlich 1.417 Euro pro Monat. Die durchschnittliche Wohnkostenbelastung dieser Gruppe liegt bei 48 Prozent, das kritische Wohnkosten-Maximum allerdings schon bei 30 Prozent. "Diese Menschen wenden sich an uns und bitten um Unterstützung – unter anderem in Form von Energiebeihilfen", so Görrißen.
Armut nimmt weiter zu
Eine Entspannung der Situation ist nach Einschätzung der Caritas derzeit nicht in Sicht. Im Gegenteil: Auch die Entwicklung der Armutsgefährdung hierzulande zeigt einen anhaltenden Negativtrend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes galten 2023 bundesweit 14,4 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, 2024 waren es 15,5 Prozent und 2025 schließlich 16,1 Prozent. Damit ist inzwischen nahezu jede sechste Person betroffen.
Die Ursachen sind vielfältig. Neben persönlichen Lebenskrisen wirken sich insbesondere die Folgen der Corona-Pandemie, die Energiepreissteigerungen infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sowie die anhaltend hohe Inflation belastend aus. Zusätzliche geopolitische Krisen wie z. B. der Iran-Krieg haben diese Entwicklung weiter verschärft. Hinzu kommt, dass hierzulande auch der Arbeitsmarkt ins Schlingern gerät.
Die Zahlen der Caritas spiegeln diese Entwicklung deutlich wider: Seit Einführung der Energiebeihilfen im Jahr 2022 hat der DiCV Bamberg in mehr als 1.100 Fällen Unterstützung geleistet und dafür über 850.000 Euro ausgezahlt (Stand: Juni 2026). Und die Zahl der Hilfesuchenden steigt weiter.
"Realitäten anerkennen und Verantwortung übernehmen"
Für Michael Endres ist diese Entwicklung ein deutliches Warnsignal: "Es kann nicht dauerhaft Aufgabe der Wohlfahrtsverbände sein, strukturelle Defizite des Sozialstaates auszugleichen – erst recht nicht dann, wenn im Zuge der Sozialstaatsreform gleichzeitig Zuschüsse für soziale Träger zum Teil massiv gekürzt werden. Dadurch geraten ausgerechnet jene Beratungsangebote unter Druck, die Menschen in existenziellen Notlagen dringend benötigen." Betroffen seien unter anderem die Allgemeinen Sozialen Beratungsstellen der Caritas, die neben der steigenden Zahl an Beratungsgesprächen auch immer mehr Bedürftigkeitsprüfungen durchführen müssten.
"Wenn wir zulassen, dass soziale Hilfestrukturen ausgehöhlt werden, gefährden wir gesellschaftliche Teilhabe, Solidarität und den Zusammenhalt in unserem Land", warnt Endres. "Ich appelliere an die Verantwortlichen aus der Politik, diese Realität anzuerkennen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Die Caritas ist jederzeit bereit, ihre Erfahrungen einzubringen und gemeinsam tragfähige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln."
Bei diesem Text handelt es sich um eine Pressemitteilung.