Es klingt wie eine Traueranzeige: Am Donnerstag, 17. Dezember 2020, wird bei Michelin Hallstadt der letzte Reifen vom Band rollen. Ein historisches Datum für den ganzen Wirtschaftsstandort Bamberg.

Nur 500 Meter entfernt, auf Bamberger Seite, weckt eine Nachricht Hoffnungen: "Bosch macht Ernst, bei der stationären Brennstoffzelle", erklärt die Firma in einer Pressemitteilung. 2024 will das Technologieunternehmen demnach mit der Serienfertigung dezentraler Kraftwerke auf Basis der Festoxidbrennstoffzellen-Technologie beginnen. Dann der Satz, der die heimische Wirtschaft wie ein Nikolausgeschenk erfreut: "Die Produktion soll an den Standorten Bamberg, Wernau und Homburg angesiedelt werden."

Betriebsratsvorsitzender Mario Gutmann spricht von einem "Riesenschritt von der Vorindustrialisierung in die Industrialisierung" und von einem "großen Bekenntnis von Bosch". Bamberg komme die Kernaufgabe zu: "Das Herzstück der Brennstoffzelle wird in Bamberg hergestellt. Das kriegt auch kein anderer hin." Gutmann hofft, dass dadurch bis 2025 bis zu 500 Arbeitsplätze in Bamberg entstehen könnten - erstmals unabhängig vom Auto. Aktuell hat der Standort 7000 Beschäftigte.

Die gute Nachricht kommt für Branchenkenner zwar nicht überraschend, doch auch der Bayerische Wirtschaftsminister zeigt sich erfreut: Hubert Aiwanger (FW) sieht das Thema Wasserstoff Fahrt aufnehmen. "Bestes Beispiel dafür ist die Ankündigung von Bosch zur Serienfertigung von stationären Brennstoffzellensystemen ab 2024, voraussichtlich auch in Bamberg. Das passt zu unserem Ziel, dass Bayern führender Standort für Wasserstofftechnologien wird." Um dieses Ziel zu erreichen, nimmt der Freistaat viel Steuergeld in die Hand. Die sogenannte "Hightech Agenda" kostet rund 3,5 Milliarden Euro und soll nach der Corona-Krise als Antrieb für die Wirtschaft wirken. Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Technologieparks, Start-ups: Quer durch Bayern werden Initiativen gefördert.

Auch in Hallstadt. Der Cleantech-Innovation-Park soll dort wachsen, wo Michelin schrumpft. Für die Ideenschmiede, im Verbund mit dem "Wasserstoffcluster in der Metropolregion Nürnberg", seien pro Jahr 2021 und 2022 projektabhängig bis zu 21 Millionen Euro vorgesehen, erklärt Thomas Assenbrunner, Sprecher des Wirtschaftsministeriums.

Kaum Konkretes

Doch was soll in Hallstadt konkret entstehen? "Der ganz überwiegende Teil der Mittel soll in die Wasserstofftransformation fließen", antwortet der Sprecher vage. Das Ministerium begleite die Aktivitäten der Firma, der Stadt Hallstadt und des Landkreises zur Revitalisierung des Michelin-Geländes und prüfe "nicht nur finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten seitens des Freistaats". Man befinde sich noch in der Konzeptionsphase. "Mit dem Aufbau eines Industrieparks, der renommierte, kleine und mittelständische Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups zusammenbringt, sollen die Potenziale gebündelt und die Wettbewerbsfähigkeit insbesondere der Automobilindustrie gestärkt werden."

Konkreter wird der Ministeriumssprecher nicht. Auch nicht bei der Frage, wie genau die 42 Millionen Euro zwischen Bamberg/Hallstadt und Nürnberg verteilt werden sollen. Wird hier nach dem Prinzip verteilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst? "Die Qualität der Vorhaben entscheidet, nicht die Geschwindigkeit der Antragstellung. Aber die muss natürlich rechtzeitig erfolgen."

Kann es also am Ende beispielsweise sein, dass Nürnberg 40 und Hallstadt nur 2 Millionen Euro bekommt? Oder umgekehrt? "Eine ausgewogene regionale Verteilung von Fördermitteln wird angestrebt", versichert Assenbrunner. "Die finale Verteilung ist aber abhängig vom Durchführungsort des Vorhabens und den Standorten der jeweils beteiligten Partner. Im Gegensatz zu reinen Infrastrukturprojekten steht bei Forschungs- und Entwicklungsvorhaben das innovative Ergebnis, nicht der Ort im Mittelpunkt."

Wie geht es weiter?

Die lokale Politik jedenfalls will ihre Hausaufgaben rasch erledigen: "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die im ersten Halbjahr entwickelte Idee vom Cleantech-Innovation-Park zu konkretisieren", informierte Landrat Johann Kalb (CSU) kürzlich lokale Abgeordnete aus Bund und Land. "Außerdem müssen Partner und Träger gefunden und weitere Fördermöglichkeiten geprüft werden." Zuletzt gab es laut Landratsamt im November einen "Design-Thinking-Workshop" mit Unternehmen, Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen, um die Ausgangsidee des Cleantech-Innovation-Parks zu konkretisieren. Bei dem Brainstorming wurde abgefragt, welchen Mehrwert ein solcher Park für die Teilnehmer haben müsste.

INFO:

Bosch plant, bis 2024 einen dreistelligen Millionenbetrag in die stationäre Festoxid-Brennstoffzelle zu investieren.

Stationär Die Technologie stationärer Brennstoffzellen soll etwa in Form kleiner dezentraler, vernetzbarer Kraftwerke in Städten, Fabriken, Gewerbe und Handel, Rechenzentren und im Bereich Elektroladeinfrastruktur zum Einsatz kommen. Der Markt für die dezentrale Energieproduktion wird nach Schätzungen von Bosch bis 2030 ein Volumen von 20 Milliarden Euro erreichen. Insgesamt arbeiten heute über 250 Bosch-Mitarbeiter an diesem Zukunftsthema - 150 mehr als vor einem Jahr.

Mobil Auch die mobile Brennstoffzelle wird bei Bosch Bamberg weiter vorangetrieben. Die Technologie ist etwa für Lkw vorgesehen.

Metropolregion Nürnberg: Die Wasserstoff-Initiative ist ein bisher loser Verbund mit aktuell 150 Akteuren in ganz Nordbayern, der die komplette Metropolregion umspannt. Wie Simon Reichenwallner, Netzwerkmanager der Energieregion Nürnberg, erklärt, sind dabei Technologieanbieter und Anwenderfirmen an Bord, aber auch lokale Stadtwerke.

Beispiel Die Nürnberg Messe, getragen von Stadt Nürnberg und Freistaat Bayern, will als erste Messegesellschaft der Welt ein Wasserstoff-Kraftwerk bauen und bis 2028 energetisch komplett autark wirtschaften.

Bekannt Große Namen im "Wasserstoffcluster" sind etwa das Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie (IISB) Erlangen oder MAN Nürnberg.

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