Wenn es um seinen Lieblingsverein TSV 1860 München geht, sprudelt es aus Erwin Sternadl nur so heraus. Bei der Auswahl ihrer Trainern, weiß der Bamberger, hätten die Sechziger zuletzt fast immer falsch gelegen. Und im altehrwürdigen Grünwalder Stadion wären die "Löwen" auch weitaus besser aufgehoben, als in der ungeliebten Allianz-Arena. Also raus aus dem Bayern-Tempel und rauf in die Erste Liga? "So einfach ist das leider nicht. Als Löwen-Fan muss man leidensfähig sein."

Doch Schluss damit! Sternadl mag sich nicht schon wieder über die trostlosen Auftritte des Zweitligisten ärgern. Der Reporter möchte mit ihm ja ohnehin nicht über Fußball plaudern. Sondern vielmehr darüber, warum er sich Ervinus Bambergensis nennt. Und was sein Erfolgsrezept ist. Sternadls Augen strahlen. Und schon sprudelt es wieder.

In dem Café in der Bamberger Innenstadt lässt er den Blick durch den hellen Raum schweifen. Gestikulierend deutet er auf den Toiletteneingang und die Fensterfront. "Locus, Fenestra. Überall sind die europäischen Sprachen durchdrungen von Latein, auch heute noch. Viele wissen das gar nicht."

Schnell wird dem Gegenüber klar: Sternadl ist ein Sprachen-Fan. Und Latein hat es dem leidenschaftlichen Schachspieler und Tänzer besonders angetan. Eine tote Sprache? Mitnichten! Ein Albtraumfach während der Schulzeit? "I wo! Man muss nur Bescheid wissen, wie man die Sprache lehrt und lernt."

Und Erwin Sternadl weiß bestens Bescheid. Seit über 30 Jahren arbeitet der Experte selbstständig als Latein-Nachhilfelehrer. Das Besondere: Er unterrichtet nicht am Schreibtisch, sondern am Telefon und in Cafés. Derzeit betreut er 40 Schüler aus ganz Bayern. Sie gehen unter anderem in Schweinfurt, Würzburg oder Regensburg zur Schule. Warum sie den Bamberger buchen? "Ich baue immer Vertrauen auf und begegne ihnen auf Augenhöhe, dann klappt das", nennt der Sprachen-Experte wichtige Gründe.

Mit seiner ungewöhnlichen Lernmethode ist Sternadl überaus erfolgreich. Alle Schüler würden sich bei ihm steigern, verspricht er. "Meine Quote liegt fast bei 100 Prozent. Nicht selten verbessern sie sich von einer Sechs auf eine Eins." Wer am Ball bleibe, bei dem sei der Erfolg vorprogrammiert. "Man muss nur regelmäßig das Gedächtnis trainieren, das ist der Trick."

Dabei hilft den Schülern Sternadls' schier unerschöpflicher Aufgaben-Fundus. In seinem "Haus der Sprachen" in Bamberg stapeln sich Zeitschriften, Mappen und Bücher. Über 10 000 Schulaufgaben und Prüfungstexte hat er gesammelt, übersetzt und archiviert. Mit teils modernen Texten bereitet er seine Schützlinge auf den Unterricht vor, der sich laut Sternadl im Laufe der Jahre ohnehin kaum verändert hat.

Während sie sich außerhalb Bambergs für seine besondere Sammlung immer wieder interessieren, fällt der Kontakt zu Lehrkräften in seinem Wohnort eher spärlich aus. "Vielleicht werde ich ja als Konkurrent angesehen." Die Nichtbeachtung kann er aber verkraften. Zu sehr freut er sich darüber, dass seine Schüler im Laufe der Zeit echtes Interesse für die Sprache Cäsars und Vergils entwickeln. Dafür opfert Sternadl dann auch gerne seine Wochenenden. "Samstags und Sonntags klingelt praktisch ständig das Telefon."

Nur ganz selten stößt der Latein-Coach auch mal an seine Grenzen. "Wenn jemand faul ist, kann ich auch nicht viel machen", sagt Sternadl, dem bei dieser Frage dann doch wieder das Thema Fußball in den Sinn kommt. "Das hört sich jetzt zwar blöd an, aber die Bayern-Fans sind wirklich schwer zu unterrichten."