Bamberg
Kirchenskandal

Erzbischof Schick nach Missbrauchsfällen unter Druck - warum schwieg er 16 Jahre lang?

Immer mehr Betroffene melden ebenfalls sexuellen Missbrauch durch den langjährigen Wallenfelser Pfarrer Dieter S. Erzbischof Ludwig Schick spricht von einem "Versagen der Bistumsleitung" - doch auch sein eigenes Verhalten wirft Fragen auf.
Bamberg: Erzbischof Schick nach Missbrauchsfällen unter Druck - warum schwieg Bistum 16 Jahre lang?
Der Missbrauchsskandal im Erzbistum Bamberg ist aus Sicht von Erzbischof Schick vor allem ein "Versagen" der damaligen Bischofsleitung. Doch auch der Umgang des Bistums unter seiner Leitung mit den Fällen wirft Fragen auf. Foto: Matthias Merz/dpa
  • Erzbischof Ludwig Schick nach Missbrauchsskandal unter Druck 
  • "Versagen der Bistumsleitung": Schwerwiegende Fehler eingeräumt
  • Erzbistum schweigt 16 Jahre lang - Opfer erhielten "Anerkennungszahlungen"
  • Keine Strafanzeigen unter Schicks Leitung - Pfarrer lebte unbehelligt in Franken

Nach dem Bekanntwerden von langjährigen Missbrauchsfällen durch den Wallenfelser Pfarrer Dieter S. verspricht das Erzbistum Bamberg in mehreren Mitteilungen Aufarbeitung und Transparenz. Man wolle den "Opfern und Betroffenen" gerecht werden, die "Sachlage gänzlich erforschen und öffentlich machen" und räumt "schwere Versäumnisse der Bistumsleitung" ein. Doch neue Informationen werfen auch Fragen zu dem Umgang von Erzbischof Ludwig Schick und seinen Mitarbeitenden mit den Taten des Priesters auf. 

Erzbistum Bamberg werden mehrfach Missbrauchsfälle gemeldet - doch niemand informiert die Polizei

1963 meldeten sich laut Erzbistum zwei junge Männer bei Weihbischof Johannes Lenhardt. Kaplan Dieter S., damals in Nürnberg tätig, habe "sexuelle Annäherungsversuche" bei den Minderjährigen unternommen. Eine Strafanzeige gegen S. stellte das Erzbistum nicht. "In den Akten finden sich keine Hinweise darauf, dass Strafanzeige erstattet wurde. Es gibt jedoch Aussagen von Betroffenen, die nicht wollten, dass die Vorwürfe an die Öffentlichkeit gelangten. Warum das Bistum Staatsanwaltschaft oder Polizei nicht eingeschaltet hat, ist für uns nicht nachvollziehbar", erklärt das Erzbistum gegenüber inFranken.de. Man könne dies auch nicht rekonstruieren, weil Lehnhardt und der damalige Weihbischof nicht mehr am Leben sind. 

Stattdessen verbannte man den Priester in ein Kloster, um "zur Besinnung" zu kommen. Dieter S. schrieb dort "zwei Entschuldigungsbriefe" für seine Taten an das Erzbistum, durfte nach rund einem Jahr als Seelsorger nach Bolivien reisen - und wurde 1969 vom Erzbistum wieder in fränkischen Kirchen eingesetzt. Bei seinem ersten Aufenthalt in dem lateinamerikanischen Land handelte es sich ausdrücklich nicht um eine "Strafversetzung", sondern um einen "Wunsch", wie das Erzbistum gegenüber inFranken.de bestätigt.

In Wallenfels, wo er als Pfarrer 25 Jahre lang die Gemeinde leiten sollte, ahnte man von der Vorgeschichte freilich nichts. Eltern vertrauten dem Mann, der laut Schilderungen als "charismatisch" und "prägend" für die Jugend galt, über mehr als zwei Jahrzehnte ihre Kinder an. In dieser Zeit verging sich der Geistliche erneut an Gemeindemitgliedern, laut Erzbistum vorwiegend an "Jungen im Ministrantenalter". 1999 wurde dem Erzbistum erneut ein Missbrauchsfall gemeldet. Zu dieser Zeit war Dieter S. wieder in Bolivien. "Das zweite Mal verließ er 1996 das Erzbistum ohne Absprache und tauchte in Bolivien unter, nach einem Streit mit dem Pfarrgemeinderat", erklärt das Erzbistum inFranken.de

Weitere Missbrauchsmeldung bleibt ohne Konsequenzen - Pfarrer Dieter S. zurück in Franken

Auch diese Meldung sexuellen Missbrauchs blieb ohne Konsequenzen - auch hier informierte niemand die Behörden. "Die Überprüfung des Vorwurfs war schwierig, weil er nicht von einem Opfer kam und sich Pfarrer S. in Bolivien aufhielt", heißt es zur Begründung. 2002 wurde dann der Fuldaer Theologe Ludwig Schick zum neuen Bamberger Erzbischof ernannt. Doch auch unter der Leitung von Schick wurde der neue Missbrauchsvorwurf gegen Dieter S. vonseiten des Erzbistums offenbar nicht weiter verfolgt - die Polizei nicht involviert. Der inzwischen 70-jährige Priester wurde 2003 von Schick "regulär in den Ruhestand" versetzt, heißt es.

Er kehrte aus Bolivien nach Wallenfels zurück. Am Ort seiner Missbrauchstaten lebte der Ehrenbürger der Stadt, Dieter S., bis zu seinem Tod 2005 ganz unbehelligt. 17 Jahre später ist in Wallenfels nichts mehr, wie es einmal war. Der Grund: Eine Mitteilung des Erzbistums Bamberg vom Mittwoch, 21. September 2022, in der es heißt, dass man - "nach ernst zu nehmenden Hinweisen auf Fälle von sexuellem Missbrauch" durch Dieter S. - Betroffene dazu aufrufe, sich zu melden. Dass diese Hinweise allerdings nur für die Öffentlichkeit neu sind, wird in den darauffolgenden Zeilen klar. 

Bereits ab dem Jahr 2006, nach dem Tod des Pfarrers, seien dem Erzbistum "erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden", hieß es zuerst. Später wurde klar, dass das Erzbistum von den Nürnberger Fällen bereits 1963 informiert wurde. Ebenfalls mindestens ein Fall aus Wallenfels sei bereits vor dem Tod des Pfarrers gemeldet worden, räumt ein Bistumssprecher gegenüber inFranken.de am Dienstag (27. September 2022) ein. Auch hier wurden die Strafverfolgungsbehörden nicht informiert. Die unter Schock stehenden Menschen aus Wallenfels mussten erfahren, dass "Anerkennungszahlungen" an mehrere Opfer von Dieter S. geleistet worden seien - außerdem hätten Therapien stattgefunden, deren Kosten vom Erzbistum übernommen worden seien. 

15.000 Euro für drei Missbrauchsopfer - Erzbistum schwieg in der Öffentlichkeit

"Drei der damals Betroffenen haben insgesamt 15.000 Euro erhalten. Hinsichtlich eines Betroffenen steht ein Entscheid der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen in Bonn noch aus, die Summe wird sich also noch erhöhen", erklärt dazu ein Sprecher des Erzbistums gegenüber inFranken.de. "Es sind zudem Therapiekosten übernommen worden." Warum aber wandte sich das Erzbistum Bamberg unter der Leitung von Erzbischof Ludwig Schick erst nach 16 Jahren an die Öffentlichkeit?

Der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU) berichtete inFranken.de kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe davon, dass sich vor rund drei Monaten ein Betroffener bei ihm gemeldet habe. Der Kommunalpolitiker, selbst einst Ministrant bei Dieter S., habe zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal von den Taten gehört - und sich dann an die Kirchenverantwortlichen aus seiner Gemeinde gewandt. So hätten die Menschen in der Stadt überhaupt erst davon erfahren, dass der allseits hochgeschätzte Dieter S. mehr als zwei Jahrzehnte Jugendliche missbraucht hatte. "In Wallenfels kam jüngst die Diskussion über die Ehrenbürgerschaft von Pfarrer S. auf", erklärt hierzu der Sprecher des Erzbistums.

"In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage gestellt, ob es mehr Betroffene geben könnte. Deshalb hat das Erzbistum den Aufruf gestartet und auch die übrigen Einsatzorte von Pfarrer S. genannt", heißt es hier zur Erläuterung. Zusätzlich zu "den fünf bisher bekannten Betroffenen haben sich bislang drei weitere gemeldet", heißt es aus dem Erzbistum (Stand: Montag, 26. September 2022). Erzbischof Ludwig Schick wusste - so lässt sich aus einem Statement des Erzbistums lesen - hingegen schon lange von den Vorfällen. 

Erzbistum spricht von Problemen beim "Informationsfluss": Sexueller Missbrauch in Akten nicht weitergegeben?

"Erzbischof Schick teilt mit, dass er erst nach dem Tod von Dieter S. von den Vorwürfen gehört habe", heißt es dort. Der Bamberger Erzbischof informierte allerdings bis zu der kürzlichen Kontaktaufnahme des Bürgermeisters Korn mit dem Erzbistum weder die Stadt noch die Öffentlichkeit. Obwohl die Fälle intern bekannt waren, gab es unter ihm 16 Jahre lang auch keinerlei Aufrufe an Betroffene, sich zu melden. Offensichtlich wurden auch die Personalakten von Dieter S. nicht ausreichend überprüft, als sich weitere Opfer von sexuellem Missbrauch an das Erzbistum wandten - obwohl die Informationen aus den Akten des Pfarrers laut Erzbistum Bamberg später in eine 2018 fertiggestellte Studie zu Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche einflossen. 

Für die sogenannte "MHG-Studie" mehrerer deutscher Universitäten wurden "Archive und Dateien der Diözesen (...) nach Vorgabe des Forschungskonsortiums von Personal aus den Diözesen oder von diesen beauftragten Rechtsanwaltskanzleien durchgesehen". Spätestens hier hätte im Erzbistum also auffallen müssen, dass Dieter S. auch in Nürnberg sexuellen Missbrauch betrieben hatte. Das bestätigt auch der Sprecher. "Der Informationsfluss war offenbar nicht an allen Stellen perfekt", heißt es zur Erklärung. Wie das Erzbistum Bamberg erklärt, wurden dem Diözesanarchiv im April 2022 außerdem Nachlassakten aus dem Privatbesitz von Dieter S. übergeben.

"In diesen finden sich Tagebuchaufzeichnungen, aus denen Missbrauch von Jugendlichen hervorgeht", heißt es. Trotzdem entschied man sich beim Erzbistum ganz offensichtlich dazu, die Taten von Dieter S. weder 2018 noch im Frühjahr 2022 der Öffentlichkeit darzulegen. Und das, obwohl laut der 2016 gegründeten unabhängigen "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch" zentrale Schritte der Aufarbeitung "der Öffentlichkeit mitgeteilt werden müssen", wie die Empfehlung lautet. Dieter S. "hätte nach 1963 nicht mehr als Kaplan und Gemeindepfarrer eingesetzt werden dürfen", wird der Bamberger Erzbischof in einer Mitteilung zitiert. Zu seiner eigenen Rolle im Aufarbeitungsprozess war bisher öffentlich hingegen noch keine Äußerung zu vernehmen.