Aktuell erschüttert ein weiterer Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ganz Franken. Im Erzbistum Bamberg sind die Fälle bereits seit Jahrzehnten bekannt gewesen - doch erst Ende September 2022 gelangten sie an die Öffentlichkeit. 

"Nach ernst zu nehmenden Hinweisen auf Fälle von sexuellem Missbrauch durch einen Pfarrer in der Gemeinde Wallenfels (Landkreis Kronach) im Zeitraum zwischen 1970 und 1995 ruft das Erzbistum Bamberg weitere Betroffene auf, sich zu melden", hieß es in einer ersten Pressemitteilung am Mittwoch (21. September 2022). Die bisher bekannten Opfer waren oder sind demnach Mitglieder der Wallenfelser Gemeinde, schrieb das Erzbistum. 

Update vom 27.09.2022: Geistlicher musste nach Missbrauch ins Kloster - danach setzte ihn das Erzbistum wieder als Pfarrer ein 

Beim Erzbistum Bamberg werden die Missbrauchsvorwürfe gegen Dieter S. als tatsächliche Fälle verstanden. "Für uns handelt es sich hier um Fakten", so ein Sprecher Ende vergangener Woche gegenüber inFranken.de. Neue Informationen, die das Erzbistum am Montag (26. September 2022) öffentlich mitgeteilt hat, zeichnen ein noch klareres Bild. Bereits 1963 hatte es demnach Missbrauchsvorwürfe gegen den langjährigen Pfarrer von Wallenfels, Dieter S., gegeben. Betroffene hätten "dem damaligen Weihbischof Johannes Lenhardt von sexuellen Annäherungsversuchen des Priesters" während seiner Kaplanszeit in Nürnberg St. Georg berichtet, so das Erzbistum.

Strafanzeigen gab es laut Erzbistum nicht. Er sei stattdessen "aus dem Dienst genommen" worden. Außerdem sollte sich S. "zur Besinnung und Umkehr zuerst ins Kloster Niederalteich und dann in die Abtei Münsterschwarzach begeben". Der Pfarrer gestand die Missbrauchstaten laut Erzbistum sogar schriftlich. "Für seine Vergehen in dieser Zeit schrieb S. zwei Entschuldigungsbriefe an Erzbischof Josef Schneider und Weihbischof Lenhardt", heißt es in der Mitteilung.

Auch seine "Klosterstrafe" war nicht von langer Dauer: 1964 habe S. darum gebeten, als Seelsorger nach Bolivien zu wechseln - er bekam seinen Wunsch erfüllt. Fünf Jahre später, 1969, durfte er ins Erzbistum Bamberg zurückkehren, wo man ihn direkt wieder in der Seelsorge einsetzte. So war S. laut Erzbistum "zuerst in den Pfarreien Weisendorf und Kirchehrenbach tätig, bevor er 1970 zum Kaplan in Wallenfels ernannt wurde, wo er anschließend von 1972 bis 1995 Pfarrer war. 1995 wurde er zum Pfarrer in Uffenheim ernannt".

Tagebuch von Dieter S. aufgetaucht - "Missbrauch von Jugendlichen" geht hervor 

Am 22. Oktober 1996 habe S. "abrupt, ohne Mitteilung", die Pfarrei "wegen Unstimmigkeiten mit dem Pfarrgemeinderat" verlassen. Wenige Monate später habe er sich wieder aus Bolivien gemeldet, wo er wieder im gleichen Vikariat Ñuflo de Chávez tätig gewesen sei. Heute ist auch der Öffentlichkeit bekannt, dass S. in den 25 Jahren seiner Zeit in der Gemeinde Wallenfels vorwiegend Ministranten missbrauchte. 1999 habe es dann "erneut einen Vorwurf des sexuellen Missbrauchs" gegeben. Für das Erzbistum Bamberg sei die "Überprüfung des Vorwurfs schwierig" gewesen, weil "er nicht von einem Opfer kam und sich Pfarrer S. in Bolivien aufhielt", heißt es.

Zwischen 1964 und 1999 seien "keine Missbrauchsvorwürfe in den Akten des Bistums dokumentiert". Die Informationen seien "auch in die bundesweite MHG-Studie, die von 2014 bis 2018 aus den Personalakten der Jahre 1949 bis 2014 angefertigt wurde, eingeflossen". Im April 2022 seien aus Privatbesitz Nachlassakten des Priesters dem Diözesanarchiv übergeben worden. "In diesen finden sich Tagebuchaufzeichnungen, aus denen Missbrauch von Jugendlichen hervorgeht", so das Erzbistum.

2003 sei S. vom Erzbistum Bamberg "regulär in den Ruhestand" versetzt worden. Bis zu seinem Tod lebte er wieder in Wallenfels. Überprüft wurden die Vorwürfe von 1999 offenbar nicht mehr. Erzbischof Ludwig Schick habe nach eigener Aussage nach dem Tod des Pfarrers zum ersten Mal von den Missbrauchsvorwürfen erfahren. Bereits ab 2006 - also vor 16 Jahren - wusste man laut eigener Aussage im Erzbistum Bamberg von den mutmaßlichen Fällen - erst 2022 ging man damit an die Öffentlichkeit. 

Update vom 23.09.2022: Pfarrer Dieter S. missbrauchte vor Amtsantritt mindestens zwei Jungen - bereits 1963 bekannt

"Das Erzbistum Bamberg hat nach Durchsicht von Archiv- und Personalunterlagen festgestellt, dass bereits im Jahr 1963 Missbrauchsvorwürfe gegen den langjährigen Pfarrer von Wallenfels, Dieter S. [Name von der Redaktion abgekürzt], aktenkundig waren", teilt das Erzbistum am Freitag mit.

1960 habe S. die Priesterweihe empfangen, erklärt ein Sprecher des Erzbistums gegenüber inFranken.de. Von 1962 bis 1964 sei er dann Kaplan in der Nürnberger Kirchengemeinde St. Georg gewesen. Daraufhin hätten sich "zwei männliche Betroffene im jugendlichen Alter" gemeldet, die Dieter S. sexuellen Missbrauch vorgeworfen hätten, so der Sprecher. Von strafrechtlichen Konsequenzen sei beim Erzbistum "nichts bekannt", heißt es.

Im Anschluss sei Dieter S. "laut Personalakte auf eigenen Wunsch für mehrere Jahre nach Bolivien gegangen", so der Sprecher weiter. Dann wurde er trotz der dem Erzbistum bekannten Missbrauchsvorwürfe sieben Jahre später, nämlich 1970, Pfarrer in Wallenfels.

59 Jahre lang wusste fast niemand von Missbrauchsfällen - Betroffener bricht Schweigen 

Erst 59 Jahre später werden die ungeheuerlichen Taten der Öffentlichkeit bekannt - angestoßen durch einen Betroffenen, der sich dem Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU) anvertraute. Dabei waren laut Erzbistum "bereits ab dem Jahr 2006 nach dem Tod des Beschuldigten erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden".

Die Erzdiözese Bamberg habe "nach den bischöflichen Richtlinien gehandelt und entsprechende Anerkennungszahlungen geleistet". Auch Therapiekosten seien übernommen worden. In der aktuellen Mitteilung heißt es nun, Erzbischof Ludwig Schick bitte "alle Betroffenen um Vergebung, weil ihnen Schlimmes geschehen ist".

Er räume "das Versagen der Bistumsleitung ein und bittet auch dafür um Vergebung", zitiert ihn das Erzbistum. Betroffene würden erneut aufgerufen, sich zu melden. Das Erzbistum Bamberg kündigt an, "sich nächste Woche ausführlich zu dem Fall äußern", wie es heißt.

Erstmeldung vom 22.09.2022: Pfarrer in Wallenfels missbrauchte mutmaßlich Gemeindemitglieder - Betroffene sollen sich melden 

Das Erzbistum weist darauf hin, dass die Identität der Betroffenen dabei geschützt bleiben solle. Der Pfarrer sei 2005 verstorben, sodass keine strafrechtlichen Ermittlungen mehr möglich seien. Als bereits ab dem Jahr 2006 nach dem Tod des Beschuldigten erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden seien, habe die Erzdiözese Bamberg "nach den bischöflichen Richtlinien gehandelt und entsprechende Anerkennungszahlungen geleistet".

Auch Therapiekosten seien übernommen worden. "Die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die geschehen sind, stellen uns vor große Herausforderungen und führen oft zur eigenen Sprachlosigkeit und zu einer Verunsicherung im Umgang miteinander. Gleichzeitig wollen wir den Opfern und Betroffenen gerecht werden", wird der Leitende Pfarrer von Teuschnitz, Detlef Pötzl, zitiert.

Betroffene könnten sich, auf Wunsch vertraulich, bei der Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums Bamberg, Rechtsanwältin Eva Hastenteufel-Knörr, melden.

Weiterer Ansprechpartner sei der frühere Oberstaatsanwalt Joseph Düsel.

Die Gremien und Seelsorgeteams sowie der Bürgermeister seien über die vorliegenden Erkenntnisse informiert worden, schreibt das Erzbistum Bamberg