• Wallenfels: Mutmaßlicher sexueller Missbrauch durch Priester schockiert Stadt
  • "Ein charismatischer Mensch": Bürgermeister erinnert sich an Ministrantenzeit
  • "War zum Tatzeitpunkt minderjährig": Missbrauchsopfer vertraut sich Politiker an
  • Rathauschef fordert: Erzbistum Bamberg soll sich jetzt um Gemeindemitglieder kümmern 

2005 verstarb er: Der Mann, den eigentlich jeder in Wallenfels kannte. Für sein "selbstloses und vorbildliches Engagement zum Wohl der ihm anvertrauten Menschen" sollte man ihn in Erinnerung behalten, so formulierte es der damalige Bürgermeister Peter Hänel (FW) in der Todesanzeige von Priester Dieter S. Doch seit Mittwoch (21. September 2022) ist in der 3000-Seelen-Stadt im Landkreis Kronach nichts wie es einmal war. 

"Sehr charismatischer Mensch": Wallenfelser Bürgermeister war selbst Ministrant bei Dieter S. 

Über 25 Jahre lang - zwischen 1970 und 1995 - soll Stadtpfarrer Dieter S. vorwiegend jugendliche, männliche Gemeindemitglieder sexuell missbraucht haben, das hat das Erzbistum Bamberg am Mittwoch bekannt gegeben und weitere Opfer gebeten, sich zu melden. "Es ist für viele Menschen ein absoluter Schock, weil es für die allermeisten keinerlei Anzeichen für Missbrauch gab", sagt Bürgermeister Jens Korn (CSU) gegenüber inFranken.de. Es gebe "einige, die es noch immer nicht glauben können". 

Für andere "bricht eine Welt zusammen", so Korn. Erst gestern habe jemand aus seiner Generation mit ihm gesprochen und gesagt: "Für den Pfarrer hätte ich die Hand ins Feuer gelegt". Korn selbst sei Ministrant bei S. gewesen, seit seiner Erstkommunion 1982, wie er erzählt. "Der Pfarrer war ein sehr charismatischer Mensch, der gerade junge Leute begeistern konnte. Er war in meinen Augen sehr offen und jemand, der die Diskussion gesucht hat, der auch streiten wollte."

Er habe "auch die alten Zöpfe abgeschnitten, gerade, was die Liturgie anging", so der CSU-Politiker. S. sei für ihn "eigentlich das Gegenteil von dem" gewesen, "wie man sich einen klassischen Missbrauchstäter vorstellt". Der Geistliche habe "viele von uns in der Generation geprägt, auch in der Persönlichkeit, darin, Dinge kritisch zu sehen und zu hinterfragen". Dieser "scheinbare Widerspruch" - mache die aktuelle Situation "natürlich extrem schwierig", sagt er. Allerdings war dem Erzbistum nach eigenen Aussagen bereits seit 2006 bekannt, dass S. Heranwachsende in Wallenfels sexuell missbrauchte, sogar "Anerkennungszahlungen" wurden geleistet. 

Opfer vertraut sich Bürgermeister an - wie kann Missbrauch über Jahrzehnte nicht auffallen?

Korn selbst habe zum ersten Mal von den mutmaßlichen Taten gehört, als "sich vor drei Monaten ein Betroffener bei mir gemeldet hat". Der Mann, der nicht aus Wallenfels stamme, sondern "von außerhalb" habe das Gespräch mit dem Kommunalpolitiker gesucht. "Ich konnte die Anfrage wegen der Thematik 'Sexueller Missbrauch' erst gar nicht einordnen, dass das irgendetwas mit unserer Gemeinde zu tun haben könnte", erzählt Korn. Zum Tatzeitpunkt sei der Betroffene minderjährig gewesen. 

"Ich habe mich anschließend mit Verantwortlichen im Seelsorgebereich und der Gemeinde in Verbindung gesetzt", so Korn. Beim Erzbistum lagen indes schon weitere Meldungen vor - und es waren nicht die letzten. "Gestern hat sich, laut dem Erzbistum, nach dem Bekanntwerden der Fälle ein weiterer Betroffener gemeldet", berichtet der Wallenfelser Bürgermeister. 

Wie aber geht die Stadt damit um, dass eine ihrer bekanntesten Persönlichkeiten in einem hohen kirchlichen Amt wohl unbemerkt über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch begehen konnte? "Für uns als Stadt stellte sich natürlich die Frage, wie wir mit der Ehrenbürgerschaft des Pfarrers umgehen", so Korn. Die Auszeichnung sei "nur zu Lebzeiten gültig", man könne sie rückwirkend nicht rückgängig machen. Man sei sich im Stadtrat einig, "dass wir ihn künftig auch nicht mehr als Ehrenbürger führen und erwähnen", sagt der Politiker.

Bürgermeister fordert Erzbistums zu Vor-Ort-Besuch auf 

"Aufgrund vieler Gespräche in den letzten Tagen habe ich den Eindruck, dass es Gemeindemitglieder gibt, die jetzt auch psychologische Unterstützung benötigen. Es muss deshalb Gesprächsangebote geben", so der Bürgermeister. Der bekennende Katholik finde "den Weg, den die Kirche aktuell beschreitet" richtig. "Endlich werden die Opfer in den Mittelpunkt gestellt und nicht der Schutz des Systems. Man hätte ihn schon vor Jahrzehnten beschreiten müssen, aber es ist gut, dass es zumindest passiert", so seine Sichtweise. 

Eine Sache fordert er insbesondere: "Die Kirche muss Frauen unbedingt mehr Verantwortung geben. Es gab weitere Fälle in Oberfranken, auch in unserer Region." Das, was "flächendeckend passiert ist, konnte nur in einem Umfeld geschehen, in dem Männer unter sich waren und sich bewusst oder unterbewusst gedeckt haben", so seine Überzeugung. "Gleichzeitig wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt, wenn Verantwortliche aus dem Erzbistum Bamberg hier nach Wallenfels vor Ort kommen, um mit Betroffenen und Gemeindemitgliedern zu sprechen", so Korn.

"Denn Kirche ist Seelsorge und Seelsorge ist hier bei uns aktuell nötiger denn je", betont er. Nur kurze Zeit nach dem Gespräch mit Korn wird klar, dass es damit wohl nicht getan ist. Denn wie das Erzbistum Bamberg erklärt, hat ein Blick in alte Akten gezeigt, dass Dieter S. bereits 1963 als Pfarrer in Nürnberg zwei Gemeindemitglieder missbraucht hat. Sieben Jahre danach wurde S. dann Stadtpfarrer in Wallenfels.