Es ist der Mut der Verzweiflung, der Armin Moritz und seine Mitstreiter antreibt. Seit Jahren kämpfen die Mitglieder der Initiative "Bahnsinn Bamberg" für eine getunnelte Güterzugumfahrung - und nun, wo es die Ostumfahrung der Deutschen Bahn sogar zu den Weihen des Bundesverkehrswegeplans gebracht hat, schickt sich der Stadtrat an, die aus Sicht von Bahnsinn einzige sinnvolle Variante zu beerdigen.

Eine Milchmädchenrechnung: CSU und SPD und neuerdings auch der Bürger-Block haben erklärt, dass sie keine Durchfahrt durch den Hauptsmoorwald wollen. Das ergäbe trotz einiger Abweichler in allen Lagern eine klare Mehrheit gegen die beiden Varianten der Ostumfahrung.

Eine Unzahl von Argumenten liegen mittlerweile auf dem Tisch. Gutachten, Stellungnahmen, 3-D-Darstellungen und immer wieder Meinungen haben den Wettstreit um die beste Lösung befeuert. 44 Stadträte haben nun gewissermaßen die Qual der Wahl - und dennoch werfen die Bahnsinn-Leute der Stadt einen fahrlässigen Umgang mit der Wahrheit vor.

Beispiel Grundwasserströme und die Länge der Rodung durch den Stadtwald. Die Bürgerinitiative bestreitet die vergangene Woche bei einer Ortsbegehung dargelegten Aussagen der Stadt, spricht von einer nur 800 Meter langen Strecke durch "den ohnehin zerfledderten Stadtwald" und von einer Dammlage im Hauptsmoorwald. Anders als von der Stadt und zuletzt auch vom Wasserwirtschaftsamt dargelegt, würde eine Osttrasse keine 72 Meter breite Schneise benötigen und die Grundwasserströme nur sehr schwach tangieren - weniger jedenfalls als der Eingriff, der auf dem Gärtnerland in der Nordflur drohe, wenn es zum Ausbau im Bestand komme.
Ostumfahrung ja oder nein? Selbst nach mehreren Jahren der Debatte scheint es am Ende eine Glaubensfrage zu sein. So ist eine der wichtigsten Aussagen der Stadt, dass der ICE-Halt gefährdet sei, bestehe erst einmal die Möglichkeit einer Umgehung. Genau das bezweifelt Bahnsinn. Aus ihrer Sicht werde die Umfahrung schon aus bahnbetrieblichen Gründen vom Güterverkehr dominiert werden. Auch sei klar, dass eine Güterzugumfahrung noch deutlich günstiger für die Bahn sei als eine verkehrsneutrale Gleistrasse. Nicht zuletzt: Moritz und Co. glauben auch nicht, dass sich die Stadt notwendigerweise schon heute entscheiden müsse.

In der Bauverwaltung sieht man das allerdings anders. Dort will man das bis zum 2. Mai laufende Beteiligungsverfahren nutzen, um eine Stellungnahme abzugeben und aus vielerlei Gründen Widerspruch gegen die vergleichsweise schnell zu bauende, aber auch umstrittenste Variante einzulegen.


"Überflüssige Schäden"

Unterstützt wird die Stadt dabei von einer weiteren Bürgerinitiative, dem "Bündnis Trasse mit Vernunft". Deren Sprecher Dieter Volk und Peter Neller weisen darauf hin, dass sich die Nachteile der Ostumfahrung mit jedem Gutachten deutlicher zeigten. Als Argumente gegen den Neubau einer Gleisanlage neben der Autobahn nennen sie die Eingriffe ins Trink- und Grundwasser, den Verlust an Waldflächen durch die Aufweitung der bereits bestehenden Schneise sowie die Lärmbelastung entlang der Strecke im gesamten Bamberger Osten als auch die dadurch entstehende Blockade für den Lärmschutz an der Bestandsstrecke in der Stadt. "Niemand kann es verantworten, diese überflüssigen und vermeidbaren Schäden anzurichten. Eine Osttrasse darf es nicht geben", sagt Dieter Volk.


Stadt plant "langen Tunnel"

Sollte der Beschluss der Stadträte so ausgehen, wie das die Stadtspitze unter OB Andreas Starke (SPD) und Bürgermeister Christian Lange (CSU) erhoffen, dann bleiben noch zwei Ausbauvarianten im Rennen - der viergleisige Ausbau im Bestand mit dem vorgeschriebenen Lärmschutz und der Bau eines Tunnels unter Bamberg hindurch.

Für letzteres Szenario hat die Stadt in Abstimmung mit der Deutschen Bahn mittlerweile eine optimierte Variante vorgelegt - den so genannten langen Tunnel. Er würde bereits südlich der Unterführung Forchheimer Straße beginnen, um die Gereuth in einem gedeckelten Trogbauwerk zu durchqueren. Während die mittleren Gleise für den Personennah- und Fernverkehr etwa in Höhe Geisfelder Straße wieder auftauchen, blieben die Gleise für Güterzüge und den ICE Sprinter im Tunnel. Das Bauwerk, das laut Stadt in bergmännischer Bauweise errichtet werden soll, kostet nach den bisherigen Schätzungen rund 770 Millionen Euro.

Wie geht es nach der Entscheidung heute weiter? Der Zeitplan der Stadt sieht vor, dass die Bestandsstrecke bis Oktober dieses Jahres noch einmal detaillierter unter die Lupe genommen wird. Dabei sollen zusätzliche Erkenntnisse zur Geologie, zum Grundwasser und zum Lärmschutz gewonnen werden. Für November hat die Deutsche Bahn dann konkrete Pläne für die beiden Varianten angekündigt. Die finale Trassenentscheidung wird voraussichtlich Anfang 2017 erfolgen.