Wie schamlos: Knie am Strand zu zeigen. Bis zu den Unterschenkeln reichten die Einteiler, über die züchtige Badenixen vor einem Jahrhundert sicherheitshalber noch Röcke zogen. Ja, das war die hippe Mode an der Nord- und Ostsee, als Otto Schiele vor einem Jahrhundert in Bamberg zum Pionier der Tourismus-Branche avancierte. So lässt eine Ausstellung im E.T.A.-Hoffmann-Theater zu "100 Jahre Reisebüro Schiele" eine Zeit aufleben, in der Trips in ferne Ländern und mehrwöchige Urlaube für die meisten noch Zukunftsmusik waren.

"In der Kaiserzeit machte sich mein Großvater selbstständig, der in Bamberg zuvor als Direktor der Darmstädter Bank gearbeitet hatte", berichtet Pius Schiele, der das gleichnamige Reisebüro als "eines der ältesten des Freistaates" von seinem Vater übernahm. Auf diese Weise wahrt die dritte Generation mittlerweile die Familientradition, die in der Langen Straße 2 im Jahr 1912 begonnen hatte. Zu einer Zeit, als drei Urlaubstage pro Jahr für Arbeiter noch ein Grund zur Freude waren, bis ein bis zwei Wochen in der Weimarer Republik Standard wurden.


Auswandern in die Neue Welt


"Bankgeschäft Otto Schiele" prangte ab September 1912 auf dem Anwesen, in dem sich der langjährige Bankdirektor bald neue Herausforderungen suchte: "Mit Auswanderern begann das Reisegeschäft", berichtet Pius Schiele. Das primäre Ziel: die Neue Welt.
So zog's noch immer zahllose Arbeitslose ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, obwohl die Fahrt in die Freiheit Risiken barg, wie der Untergang der Titanic im Jahr zuvor belegte: Drei von vier Auswanderern, die in den düsteren Zwischendecks untergebracht waren, starben auf dem Weg nach New York, während nur ein Drittel der Passagiere der ersten Klasse ertrank.


Radikale Geldentwertung


Der beginnende Erste Weltkrieg brachte eine Zäsur, in der das Reisegeschäft ab- und das Bankgeschäft Schiele auflebte. "Glücklicherweise lief der Verkauf von festverzinslichen Wertpapieren. Dennoch ist es erstaunlich, wie das junge Unternehmen jene Zeiten überstand", meint der Enkel des Firmengründers. Zumal die Inflation eine der radikalsten Geldentwertungen brachte. Hatte die Mark im Oktober 1921 noch ein Hundertstel ihres Wertes vom August 1914, so war es im Oktober 1922 nurmehr ein Tausendstel, wie bei Wikipedia nachzulesen ist: "Bis schließlich im November 1923 der Kurs für 1 US-Dollar 4,2 Billionen Mark entsprach."

Dank der Kämpfernatur Otto Schieles überlebte das erste Bamberger Reisebüro. Dem Firmengründer gelang es, auf manchen lukrativen Zug aufzuspringen. So suchte er in einem Schreiben an die Deutsche Reichsbahn von 1926, das Geschäft mit dem Verkauf von Bahn-Billetts anzukurbeln. Eine Lizenz für "Sonderzüge, wie zum Münchner Oktoberfest" schwebte dem Wahlbamberger vor, der schon den Fahrkartenverkauf zur Leipziger Messe stemmte: "Über die glatte Abwicklung kann die Bahnhofstationskasse Bescheid geben, während Sie sich über meine Person, da seit 30 Jahren hier ansässig, überall orientieren können." Vier Jahre später stellte das Reisebüro indes schon alle Tickets für die Reichsbahn aus, was einen Meilenstein bedeutete. Mit 120 km/h rauschten Züge damals durch die Lande (heute mit über 300 km/h), während der Adler 1835 noch mit 35 km/h von Nürnberg nach Fürth schnaufte.


Eine Übernachtung für 7,50 Reichsmark


Was damals eine Reise kostete? Ein Beispiel aus den frühen 30er Jahren, auf das Pius Schiele stieß: "Bad Reichenhall, Berghotel Predigtstuhl, Zimmer mit Bad, Zentralheizung, Heilbädern - inklusive Vollpension pro Nacht 7,50 RM." Für 250 RM unternahm man 1937 ab Bremen mit dem Dampfer "Stuttgart" eine 15-tägige "Nordkap-Fahrt". Wobei die Gehälter dementsprechend waren und Arbeiter für den Trip gut drei Monate schuften mussten.
Als "schwärzesten Tag" in der Firmengeschichte bezeichnete Otto Schiele bis zu seinem Tod die letzten Kriegstage 1945. Bomben hatten die Stadt verwüstet, als die Amerikaner am 13. und 14. April einmarschierten. Tagelang kämpfte die Feuerwehr gegen das Inferno am Grünen Markt und Obstmarkt - und das Reisebüro Schiele war Teil der apokalyptischen Trümmerlandschaft.

Aufwärts ging's ab der Wiedereröffnung am 2. Januar 1950. Günstige Pauschalreisen lockten, die so großen Anklang fanden, dass sie Urlaubsorten wie Ruhpolding "eine wahre Touristenschwemme bescherten", so Pius Schiele. Mit der Blaskapelle empfing man Reisende, die in Sonderzügen (mit Liegewagen) in die bayerische Idylle rollten. Auch nach Österreich und in die Schweiz zog's die Bundesbürger. Natürlich verkörperte kein Land das Fernweh im Zeitalter des Wirtschaftswunders aber mehr als Italien.

Mit dem Flugreiseboom in den 60er Jahren vergrößerte sich der Radius entscheidend, was Otto Schiele schon nicht mehr erlebte. Er starb 1958. Über seinen Sohn Alfons Schiele wanderte der Stab an Pius und seinen Bruder Leo weiter, der sich kurz vor der Jahrtausendwende aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. "Wobei wir bis in die 70er Jahre hinein das einzige Bamberger Reisebüro waren", wie der heutige Inhaber betont.


"Kein Umsatzeinbruch" durchs Internet


Mittlerweile unterstützt die vierte Generation mit Michael und Patricia Schiele das Familienunternehmen, das in Forchheim 2006 ein Zweigbüro eröffnete. Man trotzt der wachsenden Konkurrenz via World Wide Web? "Viele suchen im Internet nach günstigen Angeboten, buchen letztendlich aber bei uns als solidem Partner", meint Pius Schiele. Von einem Umsatzeinbruch könne jedenfalls bislang keine Rede sein.