In den Praxen der stadtbekannten Ärzte Dr. Engler und Dr. Zeller war an jenem Montagmorgen, am 14. Oktober 1950, die Hölle los. Zahlreiche Patienten warteten vor Ort oder zuhause auf ihre Untersuchung, doch niemand konnte ihnen sagen, wo die Mediziner sind. Während Englers Frau Hilde mit den Patientenakten durch die Gänge lief, sich um Vertretungen kümmerte, bei der Polizei den Stand der Suchaktion abfragte und mit zahllosen besorgten Anrufern nur ihre eigene Ratlosigkeit teilen konnte, fehlte auch von Frieda, der Frau des anderen Arztes, jede Spur. Denn sie war mit den beiden Medizinern und einem dritten Mann namens Hans Pfister in jener rätselhaften Nacht ins Auto gestiegen.

Ein Gaststättenbesuch im "Heidekrug" in Nürnberg-Zerzabelshof sollte den Abschluss eines Treffens der Burschenschaft "Frankonia" bilden. Den 67-jährigen Pfister wollten die Bamberger auf dem Heimweg noch in Erlangen abliefern, gegen 1 Uhr verließen sie das Lokal. Am Sonntagmittag waren Engler und die Zellers mit einem neuen Opel Olympia nach Nürnberg gefahren. Da die Geschwindigkeit des Neuwagens noch gedrosselt war, wurde im ersten FT-Bericht ein Unfall noch für unwahrscheinlich gehalten. Außerdem war auch Tage später noch kein Unfall gemeldet worden. Über den deutschen und amerikanischen Rundfunk liefen Suchmeldungen, die deutsche Polizei setzte die Großfahndung fort und sämtliche amerikanischen Dienststellen bis nach Heidelberg wurden informiert. Schnell kursierten Gerüchte, etwa dass die vier Vermissten von der amerikanischen Militärpolizei in Erlangen festgehalten würden, oder dass sie in der Ostzone untergetaucht seien.

Doch am Samstag, fast eine Woche nach dem Verschwinden des Quartetts, beendete die traurige Gewissheit sowohl alle Gerüchte als auch die Hoffnungen, die drei Männer und eine Frau noch lebend wiederzufinden: In einer unter Wasser stehenden, noch nicht fertiggestellten Unterführung des Nürnberger Parteitagsgeländes wurde das Arztauto gefunden und seine vier Insassen tot geborgen. Der tragische Fund war schließlich bei einer großangelegten Suchaktion mit 60 Polizeibeamten und Hunden gelungen. Einer Motorradstreife war an der steilen Böschung der Unterführung eine eingetrocknete Reifenspur aufgefallen. Nach längerer Suche erkannten die Beamten das Auto, das etwa 19 Meter vom Ufer entfernt mit dem Kühler nach unten im Wasser steckte. Mit einer elektrischen Winde zog die Feuerwehr den Pkw an Land, in dessen Innern drei Leichen gefunden wurden. Dr. Zeller hatte sich zunächst durchs Fenster des Wagens befreien können und war Richtung Allersbergerstraße geschwommen. Er ertrank jedoch 50 Meter von der Unglücksstelle entfernt. Etwa zehn Meter vor dem rettenden Ufer hatten ihn offenbar die Kräfte verlassen. "Eine besondere Tragik liegt darin, dass Dr. Z. sich wahrscheinlich hätte retten können, wenn er nur 19 Meter auf die rückwärtige Böschung zugeschwommen wäre, über die der Wagen ins Unglück gefahren war", schreibt der FT damals. Auch die anderen Fahrzeuginsassen hätten wohl noch verzweifelt versucht, das Auto zu verlassen.

Bestürzte Bamberger

Der Leiter der Kriminalpolizei Nürnberg, Kriminaldirektor Pröll, schildert der Zeitung damals folgenden mutmaßlichen Unfallhergang : Vom "Heidekrug" aus sei Dr. Engler zunächst einem weiteren Wagen hinterhergefahren, der einige Teilnehmer des Treffens in die Nähe der Südkaserne bringen wollte. Der ortsunkundige Engler habe dann anscheinend versucht, die Autobahn nach Erlangen zu erreichen. Auf der Suche nach der richtigen Zubringerstraße sei er wohl versehentlich auf das dunkle und unübersichtliche Reichsparteitagsgelände geraten.

Dort kam er auf die 80 Meter breite, betonierte Aufmarschstraße, die vom Kongresszentrum bis zum Märzfeld führte. Auf der regennassen Straße habe er wohl die Lichter eines amerikanischen Lagers für Straßenbeleuchtung gehalten und sei irrigerweise in deren Richtung gefahren. Und so lenkte er den Wagen mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern über die wenige Meter neben der Straße verlaufende Böschung ins Unglück.

Die Nachricht vom Auffinden der Toten wurde in Bamberg mit großer Bestürzung aufgenommen. "Das bis dahin brennende Interesse der Bevölkerung wandelte sich rasch in tiefe Anteilnahme für die Hinterbliebenen der beiden Ärzte", heißt es damals im Fränkischen Tag. Besonderes Mitgefühl galt Hilde Engler, deren vier Kinder den Vater verloren hatten. Bamberg trauere um zwei "befähigte, allseits beliebte Ärzte". Und der FT stellte die Frage: "Wie kann es sein, dass eine derart gefährliche Menschenfalle, wie sie innerhalb des Reichsparteitagsgeländes jetzt ihre Opfer forderte, ohne jede Sicherung geblieben ist?"

Beim ärztlichen Kreisverband Bamberg hat man keine Unterlagen mehr zum tragischen Unglück im Oktober 1950. Zehn Jahre alt war damals Utta Engler, die später einen der Söhne des verstorbenen Arztes geheiratet hat. "Ich bin erst 1963 in die Familie gekommen und habe meinen Schwiegervater daher nie kennengelernt", sagt die Bambergerin. Über dessen Unfalltod sei wenig gesprochen worden. "Früher wurde über solche schlimmen Dinge nicht so viel geredet. Es war Schicksal, und Schicksal hat man ertragen."