Am Ende des Prozesstages wurde Sabine Müller in ihrem Plädoyer deutlich: ",Überlebende' werden Missbrauchsopfer genannt", sagte Müller, sichtlich bewegt von dem Fall, der gestern vor der Jugendkammer des Landgerichts Bamberg verhandelt wurde.

Sabine Müller vertritt die Nebenklägerin: das inzwischen zehnjährige Mädchen aus einem Ort im Maintal im Kreis Haßberge, das von seinem Stiefvater in vier Fällen sexuell missbraucht wurde - in einem fünften Fall schwer. In allen Fällen soll der 33-Jährige die damals neunjährige Stieftochter im Haus nach oben begleitet haben, wo es dann zu sexuellen Handlungen im Kinder- wie auch Ehebett gekommen sein soll.

Spuren des Missbrauchs

Was Sabine Müller mit "Überlebende" meinte: Die Spuren eines Missbrauchs werden für immer bleiben. Was das für das Mädchen bedeutet, zeichnete sich auch in dem Prozess ab. Die Oma des Mädchens schilderte, dass ihre Enkelin gar nichts mehr mitbekomme. Vor den Taten sei das Mädchen richtig aufgeweckt gewesen. Der Vater des Kindes sowie die Mutter schildern, dass die Zehnjährige früher Sport gemacht und "immer eine Idee im Kopf hatte", wie das der Vater formulierte. Das alles sei nun kaputt. Jetzt traue die Tochter sich nicht einmal mehr allein zu schlafen. Ständig müsse jemand bei ihr sein. Und die Noten in der Schule würden inzwischen immer schlechter.

Das zehnjährige Opfer nahm nicht an dem Prozess teil. Dem Mädchen wurde erspart, noch einmal aussagen zu müssen. Das hatte sie bereits beim Ermittlungsrichter getan. Was in dem Mädchen vorgeht, lasse sich momentan noch nicht sagen, meinte Anwältin Sabine Müller. Auf Anraten einer Ärztin solle man ihr Zeit lassen, bis sie von selbst komme, um über das Geschehene zu sprechen. Sie habe ohnehin Schuldgefühle, dass ihre Mutter und ihr Stiefvater, die seit 2012 verheiratet sind und nun getrennt leben, sich wegen ihr trennen würden. "Das kennt man von solchen Fällen", sagte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt. Das Opfer fühlt sich schuldig. Und der Angeklagte?

Die Schuld des 33-Jährigen steht außer Frage. Er hatte bereits im Vorfeld des Prozesses ein Geständnis abgelegt. Als er dies im Gericht wiederholte, geschah dies - nach Antrag von Verteidiger Thomas Gärtner - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Was er dort erzählte, lässt sich nur erahnen. Bekannt ist aber, dass der Mann selbst als Kind missbraucht worden war. Er hatte immer schon psychische Schwierigkeiten, ist aber in einem behüteten Haus aufgewachsen. Und er hatte bereits eine entsprechende Suchtkarriere hinter sich. Was auch eine nicht unerhebliche Rolle bei seinen Taten spielen sollte.

Geständnis im Februar 2013

Auf Drängen seiner Frau hatte der Angeklagte Selbstanzeige geleistet. Das war im Februar 2013. Wenig vorher hatte erst die Mutter des Kindes etwas von einem möglichen Missbrauch mitbekommen. Der Oma waren zwar bereits im Herbst 2012 die ersten Anzeichen am Körper des Mädchens aufgefallen. Allerdings war auch ihr nicht klar, warum ihre Enkelin an manchen Stellen gerötet war.

Das Kind machte daraufhin seine Aussage. "Glaubhaft", wie der Ermittlungsrichter von damals vor der Jugendkammer befand. Seltsam ist, dass der Zeitraum des Missbrauchs zusammenfällt mit dem Zeitpunkt, als der Angeklagte mit seiner Frau eine gemeinsame Tochter bekommen hat. "Das ist schwer nachvollziehbar", sagte Richter Manfred Schmidt. Der Angeklagte räumte ein, dass er mit sich zu kämpfen hatte wegen seiner Sucht und wegen des Jobs.

Die Tatsache der Sucht macht den Fall schwierig. Der Angeklagte ist nach eigenen Angaben schwer alkoholabhängig - inzwischen sei er trocken. Er hatte unter anderem eine Entziehung im Herbst 2013 gemacht. Zum Tatzeitpunkt habe er aber mindestens eine Flasche Wodka am Tag getrunken, dazu noch Schmerzmittel eingenommen. Ein Gutachter sowie ein Sachverständiger vor Gericht stellten bei dem Mann auch eine Schmerzmittelabhängigkeit fest.

Pädophile Nebenströmung

Der 33-Jährige sei zwar sexuell an älteren Frauen orientiert, die Gutachter stellten bei ihm allerdings auch eine "pädophile Nebenströmung" fest: Der Mann spreche auch auf Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren an. Vermutlich sei es ihm, wenn er wieder konsumiert habe, nicht mehr möglich, diesen Trieb zu unterdrücken, so die Gutachter.

Das Urteil konnte gestern nicht mehr gesprochen werden, zu langwierig war die Beweisaufnahme. Über sieben Stunden dauerte die Verhandlung. Nur die Plädoyers konnten noch gehalten werden. "Ich halte es für vertretbar, mich hier für eine Bewährungsstrafe auszusprechen", sagte Verteidiger Thomas Gärtner.

Denn in seinen Augen ist sein Mandant schlichtweg krank. Die Sucht, die pädophile Nebenströmung, das alles müsse dieser in den Griff bekommen. Das sei nur möglich, wenn er die Chance zu einer Therapie habe. "Nur eine Freiheitsstrafe wäre kontraproduktiv", sagte Gärtner. Staatsanwalt Matthias Kröner sah dagegen keine Chance für eine Bewährungsstrafe. Schließlich gehe es auch um Schuldausgleich, betonte er. Kröner forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Die Jugendkammer will am Montag das Urteil sprechen. Sabine Müller macht keinen Hehl aus der aus ihrer Sicht angemessenen Strafe: Sie hofft, dass es keine Bewährung wird.