Wer soll aufräumen in einem unter Zuhälter und Huren geratenen Gemeinwesen, wenn der amtsmüde Herzog sich einen Stellvertreter sucht und sich zum Chillen ins Ausland absetzt? In Shakespeares zwischen Komödie und tragischen Abgründen changierendem Problem-Play "Maß für Maß" steckt schon im Namen dieses Stellvertreters bittere Ironie. Der "Engel" Angelo wird zum Sinnbild des allgegenwärtigen Korruptionsrisikos für die Mächtigen, die sich im Ausleben ihrer Sexualität und skrupellosen Durchsetzung ihrer Karrieregelüste aufgrund ihrer abgehobenen Stellung absolut sicher fühlen. Und auf einmal kommen die Dialoge im Stück unserer Zeit und ihren ebenso scheinheiligen wie triebgesteuerten und deshalb brandgefährlichen Mächtigen von #Me too bis Brexit ganz nahe.

Solche Doppelbödigkeit ist ein gefundenes Fressen für die Truppe der Shakespeare Company Berlin, die den 35. Theaterring der Stadt Bad Kissingen im Kurtheater eröffnete. Sie zeigt schon seit Jahren dem Kissinger Publikum, dass Shakespeares Werke keineswegs für ein braves Bildungsbürgertum gedacht waren, sondern für den quirligen Schmelztiegel London und sein aus allen Bevölkerungsschichten stammendes Publikum. Um jegliche Ähnlichkeit mit seiner Heimat auszuschließen, verlegte Shakespeare den Handlungsort nach Wien ganz da unten kurz vor den Türken.