Ein paar Dutzend Papiere stecken hinter der Kartei "Yenmy Taboada Martinez". Briefe von der Ausländerbehörde sind dabei. Andrea Uhlmann hat sie abgeheftet. Sie ist die Chefin von Yenmy Taboada Martinez. Seine Akte ist nicht etwa deshalb so dick, weil der 26-Jährige ein Problemfall ist. Im Gegenteil. Yenmy Taboada Martinez will arbeiten. Geld verdienen für seine Familie. Lange durfte der Kubaner das nicht. Andrea Uhlmann hat seine Papiere trotzdem gesammelt, telefoniert, immer wieder nachgefragt. Für die Inhaberin der Zeitarbeitsfirma "apronto" lohnt sich der Aufwand.

Von einem Büro in der Bad Kissinger Innenstadt aus versorgt sie zusammen mit einer Handvoll Angestellten gut 50 Unternehmen im Umkreis mit Arbeitskräften. Über 50 Mitarbeiter sind bei Andrea Uhlmann angestellt. Einer von zwölf Bewerbern schafft es in den Pool der Firmengründerin. Sie spürt, ob jemand arbeiten will oder "nur auf einen Stempel aus" ist. "Wir wollen die Mitarbeiter binden, die einen guten Job machen", sagt Marcus Müller. Er wirbt bei "apronto" neue Kunden an. Viele gute Leute gebe es nicht mehr. Der Einsatz für Yenmy Taboada Martinez ist es Wert, meint Andrea Uhlmann. "Er braucht nur am Anfang mehr Betreuung als andere. Ihm fehlt der Hintergrund der deutschen Bürokratie." Genau die hat der 26-Jährige zu spüren bekommen.

Auf Mallorca hat er seine jetzige Ehefrau kennengelernt, geheiratet wurde in Deutschland. Doch erst als seine Tochter auf die Welt kam, durfte der Familienvater einen Arbeitsvertrag unterschreiben. "Wenn man erstmal alle Papiere hat, geht es endlich", sagt er und lächelt breit. Seine gute Laune verliert Yenmy Taboada Martinez so schnell nicht. Schon gar nicht, wenn er seine zwei Mädels um sich hat. Frau und Tochter sieht er im Moment nur wenige Minuten zwischen Deutschkurs und Spätschicht. Trotzdem ist er zufrieden.

Chance ohne optimale Vita

Für Andrea Uhlmann eine Sache der Einstellung. Stimmt die, kann die Unternehmerin auch für Menschen mit einem "nicht einwandfreien Lebenslauf" eine Stelle finden. Sie erzieht ihre Kunden, auch unter die Oberfläche zu schauen - mit Offenheit und Ehrlichkeit.

"Viele der Mitarbeiter passen nicht in das Gesamtbild. Sie haben es schwerer", sagt sie. Sie nimmt sich Zeit, auch wenn jemand "Mist gebaut" hat. Dann ist die Unternehmerin auch einmal Mutterersatz, Kindergärtnerin, Psychologin oder Sozialarbeiterin.

Zu ihrem Credo zählt es, aus den Mitarbeitern herauszukitzeln, wofür sie brennen - worin ihr Herzblut steckt. "Viele sehen ihre persönlichen Stärken gar nicht", sagt Marcus Müller. Vom Handwerk bis zur Industrie vermittelt sie in alle Branchen. Ihre Mitarbeiter können sich in verschiedenen Bereichen ausprobieren. So wie Marcel Geis. Er wollte in seinem Lehrberuf Kaminkehrer "nicht bis zum Rentenalter arbeiten". Ein Kumpel hat ihn auf die Zeitarbeitsfirma aufmerksam gemacht. Heute arbeitet er für Andrea Uhlmann und hat eine Stelle in der Industrie angenommen. "Ich bin noch jung, ich habe viele Möglichkeiten", sagt er. Die will der 21-Jährige aus Sandberg nutzen. Ihm macht die Arbeit Spaß. Das zählt für ihn. Und für Andrea Uhlmann. Am Arbeitsplatz muss es "menscheln". Die Harmonie muss passen. Die Schichtarbeit stört Marcel Geis nicht und dass er jetzt weniger verdient als früher, macht ihm nichts aus.

Aufklärung gegen schlechten Ruf

Die Zeitarbeitsfirma ist seit einem Jahr verpflichtet, den Mindestlohn zu zahlen. Im April wird der Satz von 8,50 Euro auf 8,80 Euro erhöht. "Im vergangenen Jahr konnten viele Leute in der Zeitarbeit mehr verdienen als in der freien Wirtschaft", sagt Marcus Müller. Dass die Zeitarbeitsfirmen einen schlechten Ruf haben, ärgert ihn und seine Chefin. "Wir stehen ständig am Pranger", sagt Firmeninhaberin Andrea Uhlmann, "aber ich lasse mich nicht in eine Schublade schieben." Sie muss viel und oft aufklären. "Woanders bleiben die Menschen im sozialen Netz hängen und bekommen Hartz IV. Wer kümmert sich sonst um sie?" Aktuell würde sie gerne Asylbewerber vermitteln, doch die dürfen nicht als Zeitarbeiter angestellt sein. Die Unternehmerin sieht darin ein großes Problem: "Je länger ein Mensch unbeschäftigt ist, desto unflexibler wird er."

Für Andrea Uhlmann ist die Zeitarbeit aus der normalen Wirtschaft nicht wegzudenken. "Wir fangen Schwankungen ab." Vier von fünf ihrer Mitarbieter bleiben "kleben". Wer sich reinhängt, hat gute Chancen übernommen zu werden. Für sie ein Verlust und eine perfekte Referenz. "Yenmy braucht uns bald nicht mehr", sagt sie. Der büffelt für seine Deutschprüfung im Sommer. Den Sprung in die deutsche Arbeitswelt hat der Kubaner schon einmal geschafft.