Es ist selten, dass in Deutschland eine Komödie politische Ereignisse erfolgreich und mit umwerfendem Humor auf die Beine stellt. Simon Verhoevens Film "Willkommen bei den Hartmanns" schaffte das. Und zwar 2016 mit einem sehr heiklen Thema, das die deutsche Nation spaltete und sich entzündete an Kanzlerin Angela Merkels mutigen Worten: "Wir schaffen das!" - angesichts der Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten.

Das trug ihr bei vielen Anständigen in den reichen Nationen Anerkennung ein, aber viel Hass und Häme im eigenen Land bei denen, die sich fürchteten vor Fremden, anders Aussehenden, und dabei völlig vergaßen, dass Deutschland in der Mitte Europas schon immer Zustrom von allen Seiten hatte. Und bei denen, die sofort vehement politisches Kapital aus diesen Ressentiments und Ängsten zu schlagen wussten.

Regisseur und Bearbeiter Michael Bleiziffer sah das Potenzial der Geschichte auch für die Theaterbühne des Tournee-Theaters Thespiskarren. Schließlich komprimierte Verhoeven die Gefühle der Nation in der wohlhabenden Familie des Professors und Chirurgen Richard Hartmann, seiner Frau Angelika, einer pensionierten Lehrerin in ihrem Vororthäuschen im Grünen - toller Einfall von Bühnenbildner Peter Engel: Ein Modell des Hauses diente als Bühnenzentrum und wurde sogar begangen beziehungsweise bekrochen, während die übrigen Szenen drumherum und auf einem Gerüst dahinter stattfanden - und in den Menschen ihrer Umgebung. Und schuf so einen kleinen Kosmos von Menschen, in denen auch wir uns wiedererkennen können. Den Menschen einen Spiegel vorhalten, über den sie auch lachen können, ist eine der edelsten Aufgaben der Komödie.

Was das Theater noch hinzufügen kann, sind die richtigen Schauspieler. Und die kamen auf die mit Seitenwänden, einem hohen Hintergrund aus schwarzem Mull ausgeschlagene provisorische Theaterbühne auf der großen Orchesterbühne im Max-Littmann-Saal, die die Akustik schon beträchtlich verbesserten. Allerdings passten sich leider nicht alle Mimen der Corona-Krisen-Situation an, und die Hintergrundmusik war etwas zu laut. Aber was Steffen Gräbner als Familienpascha Richard Hartmann nicht mit Stimmgewalt lieferte, machte er meist mit Körpersprache deutlich. So kam er als eitler alter Geck an, der Angst hat vor den wirklich Jungen, sich aber über Anti-Falten-Spritzen und Joggen wie ein Junger mokiert.

Die Darsteller der Hartmann-Kinder waren plausibel in ihrer typischen Reaktion auf den ständig Leistung fordernden Vater. Sohn Philipp, den Marc-Andree Bartelt als ständig unter Starkstrom stehenden internationalen Business-Juristen gab, der immer auf der Flucht vor seinen Jobs in Shanghai und rund um die Welt über die Hinterbühne und das zweistöckige Gerüst jagt, kommt nur in seinen Skype-Kontakten mit seinem 15-jährigen Sohn Basti zum kurzen Einhalten.

Seine Schwester Sophie, als liebenswerte unsichere Chaotin gespielt von Caroline Kütsch, hat es mit 26 noch zu nichts gebracht, nur immer wieder neue Ausbildungen angefangen und ist jetzt zur Psychologie gelangt. Der Leistung einfordernde Vater treibt Sophie ständig zum Studium an und hemmt sie dadurch bis zur kompletten Konzentrationsunfähigkeit.

Sie fürchtet sich vor ihrem selbsternannten Beschützer Kurt aus der Nachbarschaft, den Peter Clös ebenso wie sieben weitere Nebenrollen plausibel spielte. Zusammen mit Juliane Ledwoch als giftige Nachbarin Frau Sobrowitsch verkörperte er das so genannte "gesunde Volksempfinden" mit seiner Fremdenangst und Aggressivität.

Juliane Ledwoch war aber auch ebenso überzeugend als freakig-aktionistische Alt-68erin Heike, die nur das Beste für Angelikas Flüchtling will und ihn dadurch in höchste Gefahr bringt. Seinen Assistenzarzt Tarek Bauer, als kompetenter, sehr sympathischer Mitarbeiter, dargestellt von Simon Awiszio, versucht Hartmann ständig niederzumachen, ihm seine Unfähigkeit vor Augen zu halten. Der ist seit der Schulzeit in Sophie verliebt, traut sich aber nicht heran an sie, bis er sie zufällig trifft und das Happy End seinen Anfang nimmt.

Aber geschmiedet wird dieses Happy End für alle Beteiligten von dem Fremdkörper in der Vorstadt-Idylle, den die Hartmanns in einer entwürdigenden Menschenschau aus mehreren Asylbewerbern als zu ihnen passend ausgesucht haben. Ihre Wahl trifft auf Diallo Makabouri, den der in Simbabwe geborene und in Deutschland aufgewachsene Schauspieler Derek Nowak umwerfend sympathisch und absolut glaubhaft spielte: einerseits in seinem Selbstbewusstsein, seiner entwaffnenden Ehrlichkeit, andererseits in seiner Verletztheit und Traumatisierung durch das Morden der radikalislamistischen Terrormiliz Boko Haram in seiner Heimat Nigeria.

Er macht den Hartmanns klar, was sie an Deutschland haben, hält ihnen den Spiegel vor, der geprägt ist von der Gesellschaft, aus der er kommt, und sagt Richard, dass er doch ein alter Mann ist, dem seine Familie Respekt schuldet, der aber auch sein Alter akzeptieren muss. Sophie will er sofort verheiraten und findet natürlich Tarek Bauer als den Richtigen, obwohl ihm alle bedeuten, dass das in Deutschland nicht so läuft. Er bringt die durch ihren Wohlstand dysfunktional gewordene Familie auf die Grundlagen ihrer Menschlichkeit zurück, und plötzlich konzentrieren sich all die ichbezogenen Familienmitglieder darauf, dass sie diesen anfangs so fremden Freund retten müssen vor der Gefahr des Ausgewiesen-Werdens aus seinem Zufluchtsort Deutschland.

Eine Lehrstunde in Toleranz und Menschlichkeit komplett, ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit einem umwerfend humorvollen Blick auf all unsere verrückt komischen Scheinziele, die ganz klein werden vor den Bedrohungen, denen viele Menschen in der Dritten Welt ausgesetzt sind. Das Publikum feierte die Truppe, vor allem aber den Hauptdarsteller Derek Nowak mit vielen Bravos.