Auch wenn das Chorkonzert zur Advents- und Weihnachtszeit der drei Chöre der Kantorei der Herz-Jesu-Kirche in Bad Kissingen schon eine lange Tradition hat und mit "Joy to the World" eine Hommage an Georg Friedrich Händel im Titel trug, war es kein Durchmarsch durch die deutsche oder die europäische Weihnachtsmusik. Noch war es ein Zugeständnis an die amerikanischen Weihnachts-Jingles, die seit Wochen Medien und Märkte beherrschen.


Äußerst aktive Jugendarbeit

Neun der 20 Chorsätze stammten von Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und wenn man moderne Bearbeitungen traditioneller Weihnachtslieder, aber völlig ohne Übernahmen aus Hollywood, dazu nimmt, ließ sich ein deutlicher Schwerpunkt auf Weihnachtsmusik aus unserer Gegenwart festmachen. Dieser Schwerpunkt hat wohl etwas damit zu tun, dass Kantor Burkhard Ascherl und seine Frau Brigitte seit Jahren äußerst aktiv Jugendarbeit vom Kindermusical bis zum Jugendchor leisten. Sie animieren mit ihrem JuLifa (Junge Lieder für alle)-Chor auch diejenigen zum Singen, die keinen so rechten Draht haben zu den komplexen und nach Meinung vieler altmodischen Sätzen der alten Meister. Beim Jugendchor hatte dessen Leiterin Brigitte Ascherl allerdings leider mit Ausfällen durch Krankheit und am nächsten Tag drohenden Prüfungsarbeiten in der Schule zu kämpfen, sodass am Ende nur vier mitsangen.

Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei interpretieren Kompositionen des sächsischen Renaissancekomponisten Andreas Hammerschmidt, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Max Reger, des Renaissance-Komponisten Johann Eccard und die Bearbeitungen alter Weihnachtslieder von Komponisten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Natürlich durfte Carl Thiels Satz nach Peter von Dresdens um 1440 entstandenes berühmtes "In dulci iubilo" und Erhard Mauersbergers Komposition zum Weihnachtslied des barocken Dichters Friedrich Spee, "Vom Himmel hoch, o Englein kommt" nicht fehlen.


Jahrelange Arbeit

Hier zeigte der Chor seine in jahrelanger Arbeit mit seinem Dirigenten Burkhard Ascherl erworbenen Fähigkeiten. Ascherl liebt flotte, spannend gestaltete Tempi, und seine Sängerinnen und Sänger folgen ihm mit klarer Aussprache, rhythmischer Präzision und offenkundiger Freude an ihrem Tun. Erfahrung ist nicht zur Routine geworden, sondern zu ehrgeiziger Aufmerksamkeit auf Details. Zupackend und sehr einfühlsam begleitete Ute Stibor die vier Auftritte für den JuLifa-Chor allein.


Sehr innig vorgetragen

John Rutter ist der wichtigste Vertreter der angelsächsischen modernen Kirchenmusik, und die JuLifa-Sänger zeigten mit seinem "Die wunderbarste Zeit" wie auch mit dem ebenso eingängigen, sehr innig und überhaupt nicht exaltiert vorgetragenen Spiritual "It's a birthday", dass Singen Spaß macht, zumal sie ja auch Irving Berlins Ohrwurm "White Christmas", mit einer Inbrunst, die Stibor mit angenehm nüchterner Begleitung versah, singen durften.

Eine in Deutschland populäre Komponistin von Songs im Stile christlicher Popmusik ist Ruthild Eicker-Grothe, aus deren Feder die drei Songs stammten, die die Überreste des Jugendchors zusammen mit dem JuLifa-Chor unter der Leitung von Brigitte Ascherl sangen: "Weihnachtstraum", "Stille Nacht, Stern erwacht" und "Sie sangen Gloria".


"Magnificat" erinnert

Eine auch von Experten mit Bewunderung anerkannte neue Tonsprache für die Kirchenmusik hat der 1945 geborene John Rutter gefunden. Jugendchor und Kantorei erinnerten mit zwei Ausschnitten aus seinem "Magnificat" an den großen und sehr erfolgreichen Auftritt der Kantorei im Max-Littmann-Saal. Den Eingangschor "Magnificat" sangen sie mit großer Begeisterung und Präzision, und Ute Stibor zauberte als Begleiterin auf dem Klavier den wuchtigen Orchesterklang dazu. "Of a rose, a lovely rose" ist ein englisches Marien-Gedicht aus dem 15. Jahrhundert und das Kernstück des gesamten Werks.
Eine Einführung in den Text über die Metapher der Rose mit ihren fünf Zweigen gab der Stadtpfarrer an der Herz-Jesu-Kirche, Gerd Greier. Er hatte mit dem Leitspruch Berthold Auerbachs über die Wirkung der Musik schon zu Anfang das Publikum begrüßt: "Musik wäscht den Staub des Alltags von der Seele." Vor dem großen Finale las er den Zuhörern noch seine Lieblings-Weihnachtsgeschichte vor, den Text "Wie man zum Engel wird", aus einer Predigt von Pastor Martin Beez 2003 in Nürnberg. Sie handelt vom kleinen Tim, der es als böser Wirt im Krippenspiel drei Mal nicht über das Herz bringt, Joseph und Maria wegzuschicken und deshalb unter die textlosen Darsteller der Engel versetzt wird.

Dann sangen alle drei Chöre "O Bethlehem, du kleine Stadt", Carl Thiels Satz des uralten "Adeste fideles" und zum feierlichen Abschluss Händels "Joy to the World" musikalisch überzeugend, in ihrer Botschaft begeisternd und begeistert.


Zwei Zugaben

Das Publikum war das auch und erklatschte sich zwei Zugaben, "Freu dich, Erd und Sternenzelt" und "Adeste fideles". Ein toller Abschluss des 4. Advent. Weihnachten braucht nicht mehr lange warten vor der Tür.