Das Bild sagt eigentlich alles. Es zeigt einen alten Mann, der mit einem Viehkarren voller Holz unterwegs ist. Es sieht so aus, als habe er das die dürren Äste selbst gesammelt. Eine harte Arbeit, trotzdem lächelt er. Dieses Foto wurde in Oehrberg aufgenommen und stammt aus dem Fundus von Klaus Schlereth. "Wir haben für die Sanierung unserer Schule 2005/2006 alte Aufnahmen im Dorf gesammelt und bei Bilderabenden gezeigt", erzählt der Oehrberger. Eine Aktion, die nicht nur etwas Geld für den An- und Umbau des künftigen Gemeindehauses einbrachte, sondern von der er heute noch profitiert. Schließlich konnte Schlereth einige der alten Fotos Thomas Büttner zur Verfügung stellen, einem Experten in Sachen Heimatkunde und Kulturlandschaft.
Der 45-Jährige erforscht derzeit gemeinsam mit dem Bamberger Geografen Armin Röhrer im Auftrag des Biosphärenreservats Rhön, wie sich die Dörfer des Marktes Burkardroth und ihre Landschaft in den vergangenen 150 Jahren verändert haben. 2014 starteten die beiden mit ihrer Arbeitsgemeinschaft (Arge) die Forschungen in der Großgemeinde, die derzeit von der Landschaftsarchitektin Katrin Herber aus Lippe unterstützt werden. Im ersten Abschnitt untersuchten sie die Ortschaften Wollbach, Zahlbach, Burkardroth, Frauenroth und Stralsbach, in den vergangenen zwölf Monaten wurden die Entwicklungen in Oehrberg, Waldfenster, Lauter und Katzenbach näher betrachtet. Die Ergebnisse dazu stellten Thomas Büttner und Katrin Herber in der vergangenen Woche im Waldfensterer Pfarrgemeindezentrum der Öffentlichkeit vor.


Der "Rat der Weisen"

Mit von der Partie, sowohl bei diesem Treffen als auch bei den bisherigen Erkundungen, waren zahlreiche Mitglieder des sogenannten "Rates der Weisen". Dieses Gremium wurde auf Initiative der Verwaltung des Marktes Burkardroth ins Leben gerufen, um die Arbeit der Arge Büttner & Röhrer zu unterstützen.
Der Rat der Weisen besteht aus vorwiegend älteren Bewohnern des Marktes, die sich in ihren Ortschaften sehr gut auskennen. Manche von ihnen, sind Feldgeschworene oder haben, wie etwa Alfred Saam aus Zahlbach oder Heinrich Muth aus Katzenbach, die Heimatgeschichte erforscht. Auch Klaus Schlereth aus Oehrberg ist einer vom "Rat der Weisen" und zugleich einer der Jüngsten. "Ich habe viel zugehört, was die Alten erzählt haben", schildert er sein Mitwirken in Sachen Erforschung der Kulturlandschaft rund um Oehrberg.


Historische Dokumente

Als weitere Grundlage für ihre Forschungsarbeit verwenden Büttner, Röhrer und Herber die alten Flurkarten von 1850. Sie entstanden, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vermessung und Kartierung Bayerns gestartet wurde. Diese erreichte jedoch erst etwa fünf Jahrzehnte später den Norden des heutigen Freistaates. "Diese alten Dokumente bilden nicht nur die Besiedlung der Ortschaften und die Nutzung des Landes ab, sondern sie lassen mit den Eintragungen im Kataster Rückschlüsse auf die Sozialtopografie zu", so Thomas Büttner. Denn damals wurde nicht nur die Größe der Grundstücke und deren Eigentümer erfasst, sondern auch deren Beruf und Besitz.


Bauern und Tagelöhner

Demnach lebten um 1850 in Oehrberg beispielsweise 42 Bauern, neun Handwerker sowie ein Schafhirt, ein Lehrer und ein Kirchenmann. In Waldfenster sah es ähnlich aus, hier waren 74 Prozent der Bewohner Bauern. Zudem gab es einen Musikanten und wie in Lauter und Katzenbach auch etliche Tagelöhner.
Groß waren die Grundstücke der Bauern damals nicht. So besaßen Tagelöhner und einige Kleinbauern beispielsweise noch nicht einmal einen Hektar Land, haben die Forscher analysiert. Großbauern mit über 15 Hektar gab es gar nicht, lediglich die Gemeinde Lauter besaß damals über 50 Tagwerk, drei Tagwerk bezeichnen etwa einen Hektar, somit waren das mehr als 16 Hektar Land. "Die Menschen in den Dörfern waren arm, haben bis ins hohe Alter gearbeitet", fasst Thomas Büttner seine Erkenntnisse mit dem Blick auf das Foto des alten Mannes zusammen. Ein Grund dafür könnte sein, dass es vor allem in Oehrberg und Waldfenster zu wenig Grünland gab, jedoch viele Bauern. "Deshalb wurde den Dörfern weiteres Land im Salzforst zugewiesen, wo sich noch heute die Bergwiesen befinden", fügt er hinzu.


Nun folgt der 3. Abschnitt

Thomas Büttner und seine Mitstreiter von der Arge werden in den kommenden Monaten weiter im Markt Burkardroth unterwegs sein. Schließlich untersuchen sie den 3. Abschnitt ihres Forschungsprojektes - die Dörfer Premich, Stangenroth und Gefäll. Dabei hoffen sie wieder auf die tatkräftige Unterstützung aus dem "Rat der Weisen". "Im Oktober, November wollen wir beginnen", so Thomas Büttner. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Ende 2017 vorliegen, die dann ebenso wie das bisherige Wissen aus den beiden vorangegangenen Projektteilen in einer Broschüre zusammengefasst und veröffentlicht werden.
Doch mit den Forschungsergebnissen von Büttner und seiner Arge soll noch mehr erreicht werden. "Sie werden nach ihrem touristischen Wert bewertet und können unter anderem zu Führungen oder zur Weiterentwicklungen von Wanderwegen anregen", sagte Doris Pokorny. Sie ist die stellvertretende Dienststellenleiterin der bayerischen Verwaltungsstelle im Biosphärenreservat Rhön und betreut die wissenschaftlichen Projekte, unter anderem auch die Erforschung der historischen Kulturlandschaft Rhön. Aber auch die Gemeinden sieht sie in der Pflicht, das Wissen und beispielsweise historische Gebäude oder Besonderheiten zu erhalten. "Deshalb lautet mein Appell an die Gemeinderäte, Entscheidungen nicht voreilig oder unter finanziellen Gesichtspunkten zu treffen, denn abgerissen oder zubetoniert ist manches schnell", so Pokorny.