Das Zitat von Heeresinspekteur Alfons Mais kurz nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine erschreckte viele: "Die Bundeswehr, das Heer, das ich führen darf, steht mehr oder weniger blank da." Und Wehrbeauftragte Eva Högl bezeichnete die Ausrüstung der Soldaten als "Skandal", es fehle sogar an dicken Jacken und Unterwäsche. Die Bundesregierung hat am Sonntag Konsequenzen gezogen und ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr und dauerhaft höhere Investitionen angekündigt. Von offizieller Seite gibt es zu dieser "Zeitenwende" (O-Ton Bundeskanzler Olaf Scholz) in der Verteidigungspolitik keine Aussagen, die Dienststellen verweisen auf das Bundesverteidigungsministerium. Deshalb haben wir uns bei aktiven und ehemaligen Soldaten umgehört.

"Ich freue mich, dass sich die Politik endlich durchgerungen hat, mehr in die Landesverteidigung zu investieren, das war lange überfällig", sagt etwa General a. D. Wulf Wedde, der von 1993 bis 1998 die Infanterieschule Hammelburg leitete. "Wir wurden immer vorgeführt", verweist der 84-Jährige auf die Kritik anderer Nationen. Als er 1998 in Ruhestand ging, hatte die Bundeswehr noch weit über 300 000 Soldaten, unter anderem seien viele Angehörige der Nationalen Volksarmee übernommen worden. Den Rückgang auf aktuell rund 185 000 und vor allem das Aussetzen der Wehrpflicht bezeichnet der General a. D. als "großen Fehler". Die Truppe habe früher einen großen Teil der Zeitsoldaten aus den Reihen der Wehrpflichtigen rekrutiert.

Entscheidungen nicht nachvollziehbar

Auch viele andere Entscheidungen habe er nicht verstanden, blickt Wedde zurück. Und: Vieles sei an den Soldaten vorbei entschieden worden. Beispiel: Die Umbenennung der Infanterieschule in Ausbildungszentrum des Heeres, die 2021 zum Glück wieder rückgängig gemacht worden sei. "Es hat ja sowieso jeder weiter Infanterieschule gesagt." Besonders wichtig ist laut Wedde nun eine gute Ausstattung der Soldaten: Fahrzeuge und Material müssten zu 100 Prozent einsatzbereit sein, fordert Wedde.

"Putin scheint sich nicht unter Kontrolle zu haben", kommentiert der ehemalige General der Infanterie die vergangenen Tage. Der russische Präsident scheint nicht mit dem großen Widerstand der Ukrainer und hohen Verlusten der eigenen Armee gerechnet zu haben. Gerüchte, dass die russischen Soldaten gar nicht über den Krieg informiert wurden, sondern dachten, der Einsatz sei eine Übung, hält Wedde durchaus für plausibel: "Das war schon bei der Kuba-Krise so", erinnert sich Wedde. Die positive Nachricht der vergangenen Tage sei der große Zusammenhalt der EU und der Nato, deshalb ist sich Wedde auch sicher, dass Putin keinen Nato-Staat angreife.

"Viele Soldaten machen sich natürlich Sorgen und sind geschockt", berichtet Hauptmann Oliver Hartmann, Bezirksvorsitzender Franken im Deutschen Bundeswehrverband, der Interessenvertretung aller Bundeswehr-Angehörigen. Hartmann ist seit 1985 Soldat, kennt noch Nato-Alarme von früher. "Jeder, der Uniform trägt, muss damit rechnen", kommentiert er mögliche Auslandseinsätze. Aber mit 56 Jahren sei er sicher keiner der ersten. Zudem stehe an den Standorten Hammelburg und Wildflecken die Ausbildung der Soldaten im Vordergrund. Deshalb seien höchstens Einzel-Abbestellungen möglich oder die Lieferung von Material. "Die Ausbildung muss sichergestellt sein." Unterstützung für die Nato-Response-Force komme in Franken unter anderem aus Volkach und Veitshöchheim.

Eine bessere finanzielle Ausstattung der Bundeswehr fordere der Verband schon seit Jahren. Er selbst verwende Ausrüstungen aus den 1990er Jahren, seine Unterziehjacke stamme aus dem Jahr 2000. Das sei bei regelmäßigem Einsatz zu lang. Hartmann berichtet, dass Soldaten zum Teil einen eigenen Helm kaufen, damit Hörschutz und Funkgerät besser halten. Schutz-Westen gebe es oft nicht in kleinen Größen oder für Frauen angepasst. Zudem seien die Westen oft zu alt, das Material ermüde und die Sicherheit sei nicht mehr gewährleistet.

Ausbildung für Friedenseinsätze

"Es fehlt an Vielem", sagt Hartmann, und: "Die Bundeswehr ist aktuell auf Friedenseinsätze ausgerichtet." Es gebe zum Beispiel beim Heer keine Flugabwehr mehr, zudem habe der Verbund zwischen Heer, Luftwaffe und Marine, aber auch innerhalb des Heeres zwischen Infanterie, Artillerie und gepanzerten Truppen in den Reformen stark gelitten. Wichtig sei auch eine bessere Bezahlung insbesondere für Führungskräfte der Bundeswehr. Eine Rückkehr zur Wehrpflicht erachtet Hartmann als unrealistisch, schon alleine weil die Infrastruktur für Musterung und Ausbildung abgebaut sei. Er plädiert aber für ein verpflichtendes Jahr für Frauen und Männer, das dann in einer sozialen Einrichtung, beim Katastrophenschutz oder eben bei der Bundeswehr geleistet werden könnte.

Positiv überrascht war Reservist Andreas Kukuk aus Eltingshausen von der Entscheidung der Bundesregierung am Sonntag: "Politiker haben erkannt, dass das Schwert wieder geschärft werden muss", sagt er zur Verteidigungspolitik. Kukuk absolviert seit seinem Abschied von der Bundeswehr 2012 jedes Jahr sechs Monate Reserve-Dienstleistung bei der Infanterieschule Hammelburg. "Früher hieß das mal Wehrübung." Die Hälfte des Jahres helfe er in der Ausbildung mit. Aus dieser Erfahrung kann er dem Heeresinspekteur nur zustimmen: "Die Bundeswehr steht blank da." Technisch sei das meiste Material zwar auf einem guten Stand, aber es gebe oft zu wenig. Der Duell-Simulator, bei dem statt scharfer Munition Laser-Strahlen zum Einsatz kommen, sei veraltet. Zudem müsse die Ausbildung schneller und effektiver werden: "Wir bilden für Friedensmissionen aus, aber nicht für die Landes- und Bündnisverteidigung", sagt Kukuk. Er selbst komme als 62-jähriger Reservist garantiert nicht mehr für Auslandseinsätze in Frage.