Rakoczy-Fest und EM-Finale gleichzeitig? Warum denn nicht. Das denkt und wünscht sich jedenfalls Annika Graser. "Bei den Männern gibt es ganz oft Public Viewing, warum nicht auch bei den Frauen", sagt die ehemalige Bundesliga-Spielerin vom FC Carl Zeiss Jena, die im September ein Medizin-Studium in Budapest beginnen wird. Vor der spannenden beruflichen Neuorientierung erwartet die Auraerin einen mitreißenden Kick am Sonntag (18 Uhr). "Verlängerung mit Elfmeterschießen halte ich durchaus für möglich und würde ja gut zum Klassiker Deutschland gegen England passen", sagt Annika Graser, die bislang alle deutschen Spiele gesehen hat. Die Erwartungen der 22-Jährigen wurden dabei bislang quasi übererfüllt. "Nach der Niederlage gegen Serbien im Vorfeld der EM war ich eher skeptisch, aber ich wurde positiv überrascht. Stark fand ich zum Beispiel, wie Jule Brand gegen Frankreich für Klara Bühl in die Startelf rückte und ihre Sache mit ihren 19 Jahren richtig gut machte."

Für Lea Schneider haben die besten Teams der Europameisterschaft auch das Finale erreicht. "Und klar hoffe ich auf einen 2:1-Sieg für Deutschland. Unsere Stärke ist sicher der Zusammenhalt und der Teamgeist", sagt die 22-Jährige aus Schondra, die sich nach ihren schweren Knieverletzungen noch in der Reha befindet, aber schon erste Schritte auf dem Platz machen kann bei ihrem neuen Verein, dem TSV Schott Mainz. Um eine Chance zu haben, gelte es das Umschaltspiel der Engländerinnen über die Außen zu unterbinden und Konter zu verhindern. "Zudem sollte man früh ein Zeichen setzen, um England nicht ins Spiel kommen zu lassen, schon gar nicht im Wembley-Stadion. Unsere Mädels müssen im Vergleich zum Frankreich-Spiel sicher noch eine Schippe drauflegen", sagt die ehemalige Spielerin von Eintracht Frankfurt, die aus diversen Nachwuchs-Teams des DFB etwa gleichaltrige Spielerinnen wie Lena Oberdorf, Klara Bühl oder Lena Lattwein kennt. "Das ist schon klasse, wie die sich entwickelt haben. Jetzt spielen die ein EM-Finale. Da sage ich nur: Wow und Respekt."

Franziska Kilian zeigt sich ebenfalls mehr als angetan von den Auftritten der deutschen Nationalmannschaft. "Das waren super Leistungen und echt spannende Spiele. Die Truppe hat Ehrgeiz und Teamspirit, den besonders Kapitänin Alexandra Popp vorlebt", sagt die Spielerin vom FC WMP Lauertal, die bislang vier der fünf Spiele angeschaut hat. Und zwar mit der Familie, "weil aufgrund von Ferien, Urlaub und Corona das Sportheim nicht geöffnet hat. Wer das Finale gewinnt? "Ich hoffe natürlich Deutschland, bin aber skeptisch, weil die individuelle Klasse der Engländerinnen meines Erachtens ein Stück weit besser und auch die Abwehr stärker ist", sagt Franziska Kilian.

Manchmal zweifelte Elena Reck, ob Martina Voss-Tecklenburg noch in Amt und Würden ist. "Wir schauen die Spiele im Kreis der Familie. Und mein Vater kommentiert immer so, als wenn er der Bundestrainer wäre", sagt die Spielerin des TSV Rannungen mit gespielter Empörung, während der Vater im Hintergrund lachend ein "Hausarrest" Richtung Telefonhörer ruft. Die Fußball-Begeisterung bei den Recks ist nicht verwunderlich. Papa Michael ist schließlich der Coach beim Aufsteiger in die Bezirksliga und hat mit Elena und Isabell gleich zwei Töchter unter seinen sportlichen Fittichen. "Dass das deutsche Team im Finale steht, verwundert Elena nicht: "Das Team hat gut in die EM reingefunden und verfügt über hohes Tempo. Außerdem hat gerade der Block aus den Spielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern München eine hohe individuelle Qualität. Ich tippe auf einen 2:1-Sieg oder es geht ins Elfmeterschießen. Das wird jedenfalls ein spannendes und körperbetontes Spiel."

Auch bei der SG Albertshausen/Nüdlingen werden die EM-Spiele im privaten Rahmen geschaut, wie Laura Hauck bestätigt, die sich auf ein 2:2 nach 90 Minuten festlegt. Dass die Engländerinnen mit ihrem Publikum im Rücken etwas zu verlieren haben, davon ist die Offensivspielerin überzeugt: "Bei denen ist jetzt Druck im Kessel, während die Deutschen gegen Frankreich richtig gut gespielt haben. Vor allem Alexandra Popp und Lena Oberdorf muss man da hervorheben." Rakoczy-Fest in Bad Kissingen oder EM-Finale vor dem Fernseher? "Natürlich schaue ich mir das Spiel an", sagt Laura Hauck.

Die Spiele sind Pflichttermine

Die Spiele der deutschen Frauen sind Pflichttermine für Isabell Wüscher, fein säuberlich im Kalender eingetragen, "damit ich alles im Blick habe." Wer nicht schaut, würde definitiv etwas verpassen, davon ist die Kapitänin des FC Rottershausen überzeugt, "denn was die Mädels zeigen, ist Werbung für den Frauenfußball. Umso schöner, dass die Spiele zu Uhrzeiten stattfinden, wo man auch die Möglichkeit zum Zuschauen hat. Ich tippe auf einen 2:1-Sieg, aber das wird ein harter Kampf." Ein Spiel der deutschen Mannschaft wurde sogar im größeren Kreis geschaut - beim Kneipenabend des Vereins im Sportheim, zudem auch etwa sieben FC-Spielerinnen gekommen waren. Große Stücke hält Isabell Wüscher übrigens auf Svenja Huth vom VfL Wolfsburg. "Die ist mir vor allem gegen Österreich positiv aufgefallen mit ihrem druckvollen Spiel auf dem linken Flügeln und klasse Pässen und Flanken auf Alexandra Popp."

Hartnäckig nicht nur auf dem Platz

Nicht nur auf dem Platz kann Ariane Sauerwein so richtig hartnäckig sein. "Wir waren vor kurzem auf Mallorca im Urlaub und wollten im Bierkönig ein EM-Spiel schauen. Weil erst nichts gezeigt wurde, habe ich mich darüber beschwert. Dann wurde doch übertragen", amüsiert sich die Spielerin vom SV Langendorf noch Tage später über die erfolgreiche Intervention. Was das deutsche Team betrifft, ist die Offensivspielerin, die zuletzt im Tor aushelfen musste, ein großer Fan von Alexandra Popp. "Ich bekomme jetzt schon wieder Gänsehaut. Das ist einfach der Wahnsinn, wie sie nach so vielen Rückschlägen zurück gefunden hat." Auf Treffer der bislang sechsfachen Torschützin hofft Ariane auch für das Finale am Sonntag. "Nach dem schwachen Abschneiden beim letzten Turnier waren meine Erwartungen nicht allzu hoch, aber der Zusammenhalt im Team, ob auf oder neben dem Platz, hat mich positiv überrascht. England ist natürlich nicht zu unterschätzen, daher tippe ich auf ein 2:2 nach Verlängerung."