Die Tore zum Stadion am Schönbusch sind noch verschlossen an diesem Samstagmittag. So wie in den vergangenen Wochen, ja Monaten dieser Corona-Pandemie. Kein Liga-Fußball unterhalb von Liga 3; der gesamte Amateurbereich lahmgelegt.

Doch etwas ist anders: Musik schallt von drinnen auf den Vorplatz. Das Fanal dafür, das drinnen bald was geht. Ein echtes Fußballspiel. Bei dem es um etwas geht. Mit 250 Zuschauern. Das zweite Play-off-Spiel um die Meisterschaft in der Regionalliga Bayern zwischen Viktoria Aschaffenburg und dem FC 05.

Doch findet sich - eine Stunde vor Anpfiff - nur eine Handvoll Menschen auf dem Stadionvorplatz. Etwas verloren stehen sie herum. Und warten.

Doch langsam füllt sich der Vorplatz mit mehr und mehr Autos. Fans steigen aus. Weitere stoßen zu Fuß von der Kleinen Schönbuschallee und der Brücke über den Westring hinzu. Die meisten mit Schals und Trikots in blau und ein bisschen weiß. Ins Stadion dürfen nur heimische Anhänger, keine Schweinfurter.

Dennoch: An einem Seiteneingang stehen ein paar im Kreis und unterhalten sich. Die meisten ohne Masken zwar, aber in gebührendem Abstand. Aus dieser gemütlichen Runde wird sich der Schweinfurter "Fanblock" bilden, der seine Nullfünfer das ganze Spiel über von außen anfeuert.

Dann öffnen sich endlich die Tore. Nicht alle, nur ein großes für Autos und ein kleines für Fußgänger. Das reicht auch, denn es ist kein Ansturm an Besuchern, aber ein für diese Zeiten ungewöhnliches Gewusel. Aber alles im Rahmen. Größere Ansammlungen entstehen nirgends.

Außer an der "Snack Bar" zwischen den Eingangstoren. Die Frauen drinnen haben gut zu tun. Doch nicht, weil sie Brat- oder Rindswurst ausgeben; die gibt's hinter der Westtribüne. Sie nehmen Corona-Abstriche. Jeder, der noch keinen (negativen) Test mitgebracht hat, kann den hier nachholen.

Komisches und angenehmes Gefühl

Alexander Hörnig und Joachim Schupp aus Aschaffenburg haben ihre Eintrittskarten über einen Firmensponsor ergattert. Das Interesse im Unternehmen sei groß gewesen, berichtet Hörnig. "Ich freue sich wahnsinnig, dass das hier wieder möglich ist", sagt er mit Blick auf das Spiel mit Zuschauern. Coronabedingte Einschränkungen nehme man hin.

Joachim Schupp findet es "komisch und angenehm", nach Monaten wieder im heimischen Viktoria-Stadion zu stehen. "Ein Stück Normalität, auch wenn die Normalität nie so ganz normal aussieht. Aber man sieht zumindest wieder Live-Sport." Die ganzen Kontrollen und Test am Einlass hätten ihre Berechtigung, würden auch nur zehn Minuten zusätzlich in Anspruch nehmen.

Dass keine Schweinfurter Fans mit ihm Stadion sein dürfen, hält Schupp für schade. "Wenn die gegnerischen Fans mit dabei sind, ist noch mehr Lärm und Würze drin."

So richtig kann Schupp die Leistungsstärke beider Teams noch nicht einschätzen. "Mit einer guten Tagesform für uns könnte es hinhauen", hofft er auf einen Sieg seiner Viktoria.

Er sagt das in dem Moment, als beide Mannschaften und wenig später die Schiedsrichter den Platz betreten. Warmmachen. Es bleibt eine halbe Stunde bis Anpfiff.

Die West- und die Südtribüne füllen sich. Ganz voll werden sie nie, sollen sie auch nicht. Die Gegengerade und der östliche Stehbereich bleiben ganz leer. Trotzdem: Sie ist jetzt vollends da, die lang vermisste Stadionatmosphäre. Auch, weil die Aschaffenburger ihren "SVA", dessen Spieler sich unten warmschießen, leidenschaftlich anfeuern.

Der Stadionsprecher verkündet die Aufstellungen - und auch, dass BFV-Präsident Rainer Koch zugegen ist. Offensichtlich interessiert den DFB-Vize diese Partie mehr als der finale Kampf in der Bundesliga.

Noch ein schneller Biss in die Stadion-Bratwurst (für die man diesmal nicht anstehen muss) und schon pfeift Schiedsrichter Tobias Schultes das Spiel an. Als Vierter Offizieller fungiert übrigens Unterfrankens Bezirksspielleiter Bernd Reitstetter.

Die Dramaturgie der Begegnung ist schnell erzählt. Joachim Schupps Hoffnungen erfüllen sich nicht. Nach umkämpftem Beginn samt erster gelber Karte nach nur vier Minuten gegen Schweinfurts Thomas Haas gewinnen die Schnüdel um die erfahrenen Adam Jabiri und Daniel Adlung die Oberhand.

Mit strukturierten Angriffen kombinieren sie sich gut an den Aschaffenburger Strafraum. Doch meist fehlt die letzte präzise Flanke für den Torerfolg - worunter vor allem Zielspieler Jabiri leidet. Der Viktoria bleiben meist nur Konter - die aber die FC-05-Abwehr mehr oder weniger souverän abfängt.

Kurios, dass das aufgrund der Spielanteile verdiente 1:0 für die dominanten Gäste über einen Konter fällt. Amar Suljic wird auf rechts mit einem Pass hinter die Abwehr schön eingesetzt, sprintet Richtung Grundlinie und legt quer auf Martin Thomann. Der muss nur noch einschieben (29.).

Fast legen die Schweinfurter nach. Zweimal ist Suljic erneut auf rechts durch. Einmal verzieht er; das zweite Mal hält Viktoria-Keeper Kevin Birk.

Jetzt sind die Aschaffenburger wütend, berennen das Schweinfurter Tor. Flanke um Flanke segelt in den Strafraum der Nullfünfer. Die beste Chance besitzt Marcel Schelle. Knapp verfehlt der Flachschuss des Viktoria-Spielers das linke untere Toreck. Und wenige Minuten später trudelt ein Kopfball von Elias Niesigk nur knapp an eben jenem Eck vorbei. Es bleibt die beste Phase der Gastgeber im gesamten Spiel. Schweinfurt rettet den Vorsprung in die Pause.

In der die Viktoria-Fans ihr Team noch nicht aufgegeben haben. "SVA, SVA" schallt es lautstark von der Tribüne. Geradewegs auf das Tor, das die Aschaffenburger in Hälfte zwei bespielen. Bei Nieselregen und Sonne stehen sie schon vier Minuten vor Wiederbeginn auf dem Spielfeld.

Dafür, dass sie sich wahrscheinlich viel vorgenommen haben, wird es ein laues Angriffslüftchen.

SVA-Chancen bleiben rar. Anders die Schweinfurter: Martin Thomann schlenzt den Ball (52.) aufs Viktoria-Tor. Eine prachtvolle Gelegenheit für Birk zum Fliegen. Auf der anderen Seite muss Schweinfurt-Keeper Luis Zwick dann doch mal vor dem durchgestarteten Niesigk retten (53.).

In der 61. Minute schreien die Aschaffenburger (Spieler und Zuschauer) plötzlich Handspiel eines Schweinfurters. Tendenz: Es war keins. Das sieht auch Schiri Schultes so - und gibt Ecke, die nichts einbringt.

Die nächste große Chance haben wieder die Schnüdel: ein Weitschuss, den Birk gut wegboxt (64.). Und dann trifft der umtriebige Thomann von der Strafraumgrenze gar noch die Latte (68.).

Von der zunehmend müden Viktoria kommt trotz mehrerer Wechsel nur noch wenig. Noch einmal zittern die Gäste, als ein Kopfball von Viktoria-Mann Luca Dähn knapp am Tor vorbeistreicht.

Das entscheidende 2:0 erlebt Martin Thomann von der Bank aus. Daniel Adlung schnippt den Ball zum für Kevin Fery eingewechselten Lukas Ramser (88.). Der köpft ein, eine leichte (Fall-)Übung.

Dann passiert nichts mehr.

Nach dem Abpfiff "besuchen" euphorisierte Schweinfurter Spieler ihr Fan-Häuflein am Ostende des Stadion. Die Viktoria-Fans trotten ernüchtert von dannen. Aber: Sie haben mal wieder ein fast "ganz normales Fußballspiel" gesehen.

FC 05 Schweinfurt Zwick - Haas (79. Scheithauer), Billick, Maier, Grözinger - Böhnlein, Fery (79. Ramser) - Suljic (62. Pieper), Adlung, Thomann (87. Laverty) - Jabiri (87. Marinkovic).