Für die Athletin vom TSV Bad Kissingen begannen die Meisterschaften erst einmal mit einer großen Enttäuschung. Im Staffellauf über 4 x 100 Meter wollte sie mit ihrem Vereins-Team unbedingt in die Medaillenränge, doch einem verpatzten Wechsel folgte die Disqualifikation für Jessica Schottorf, Lena Schröter, Anna-Maria Brandl und Michelle Winbeck. Die etatmäßige Schlussläuferin Lynn Humpert hatte sich im Abschlusstraining verletzt, so dass die Staffel im letzten Moment umgestellt werden musste. Bisher durfte Jessica Schottorf als Außenseiterin immer recht unbeschwert in ihre Hürdenrennen gehen. Bei den Süddeutschen Meisterschaften vor zwei Wochen lief sie in 14,04 Sekunden aber plötzlich mitten hinein in die absolute deutsche Spitze. Selten war bei Landesmeisterschaften das Zuschauerinteresse so groß und die Atmosphäre so stimmungsvoll wie in Plattling, wo mit großen Plakaten für diese Veranstaltung intensiv geworben wurde. Speziell mit Lokalmatadorin Esther Dreier, die zu den Konkurrentinnen der Kissingerin zählte.

"Bis zehn Minuten vor dem Start meines Vorlaufes war ich einigermaßen entspannt, aber dann bekam mein Spikeschuh einen langen Riss, so dass ich unmöglich damit laufen konnte. Da war es dann endgültig vorbei mit der Lockerheit", erinnerte sich Jessica Schottorf. Schnell holte sie sich den Schuh von Trainingskollegin Annika Kirchner. Obwohl eine Nummer zu klein, blieb ihr gar keine andere Wahl, als mit dem ungewohnten Schuhwerk an den Start zu gehen. "Ich hatte richtig Schmerzen, so eng war der Schuh", erzählte die 15-Jährige. Esther Dreier gewann überlegen und vielumjubelt ihren Vorlauf in starken 14,33 Sekunden. Jessica Schottorf hatte sich schnell an die ungewohnte "Sohle" gewöhnt und brillierte in ihrem Vorlauf ebenso sicher. Als die Hürdensprinterinnen nach der Vorstellung zum Finale in den Startblöcken waren, hätte man im Stadion eine Stecknadel fallen hören. Nach dem Startschuss konnte man allerdings sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, so laut waren die Anfeuerungsrufe, die besonders Esther Dreier galten.

Das bessere Finish hatte aber eindeutig Jessica Schottorf. "Im Rennen habe ich alles ausgeblendet und mich nur auf mich und meine Bahn konzentriert. Ich habe nicht mitbekommen, was links und rechts neben mir passiert ist", schilderte die Gymnasiastin das Rennen. Und bekam daher auch nicht mit, dass auf der elektronischen Anzeigetafel ihre Bahn drei mit 14,01 Sekunden auf Position eins angezeigt wurde. "Ein Fernsehteam holte gleich nach dem Lauf Esther Dreier zum Interview. Da dachte ich mir, dass sie das Rennen wohl gewonnen hatte", beschreibt Schottorf die ersten zwei Minuten nach dem Lauf. Eine viertel Stunde später war es amtlich. Im Protokoll am Aushang stand Jessica Schottorf mit 14,01 Sekunden ganz oben. Ihr erst zwei Wochen alter Unterfränkischer Rekord war damit schon wieder Geschichte. Zweite wurde in 14,06 Sekunden Catiana Rettenberger, die ihre bisherige Bestleistung um knapp eine halbe Sekunde steigerte und damit die Nationalkadernorm nur um ein Hundertstel Sekunde verfehlte. Aber auch Esther Dreier auf Platz drei verbuchte in 14,09 Sekunden einen neuen Hausrekord.

"Um diesen Wettkampf zu verarbeiten, brauche ich jetzt erst einmal körperlich und vor allem mental eine Erholung", sagte Jessica Schottorf, auf die in zwei Wochen bei den Deutschen Meisterschaften erneut eine große Herausforderung wartet. Mit welchem Schuhwerk sie heute beim Landesfinale "Jugend trainiert für Olympia" in Ingolstadt für das Bad Kissinger Gymnasium an den Start geht, weiß sie noch nicht. Aber dass sie über die 100 Meter ohne Hürden erneut gegen Esther Dreier antreten wird, gilt als sicher. Denn die Plattlingerin ist mit dem Team des Gymnasiums Deggendorf ebenfalls in Ingolstadt am Start.

Annika Kirchner (LAC Quelle Fürth) aus Wollbach, die nach wie vor mit den Jugendlichen des TSV Bad Kissingen trainiert, wollte im letzten Moment das Ticket für die Deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock lösen, gewann ihren Zeitlauf über die 400 Meter auch mit persönlicher Bestzeit von 59,96 Sekunden. Aber die Norm verfehlte sie um knapp eine Sekunde. Am Ende wurde es Platz sieben für Annika Kirchner, der die Frische in Plattling fehlte. Am zweiten Tag verfehlte sie in 26,40 Sekunden das Finale über 200 Meter. "Ich war auf den letzten Metern einfach platt", gab sie zu. Lena Schröter vom TSV Bad Kissingen, die dem jüngeren U-18-Jahrgang angehört, erzielte mit 27,32 Sekunden einen neuen Hausrekord über die 200 Meter.