Hans-Joachim Hofstetter ist sauer. Stinksauer sogar. So hatte sich der Vorsitzende von KissChess den Saisonstart in der Frauen-Bundesliga nicht vorgestellt. Die nackte Tabelle offenbart zwei 0:6-Niederlagen - gegen die Schachfreunde Deizisau und die Ooser Schachgesellschaft (OSG) Baden-Baden. Zwei Auftakt-Pleiten wären für einen Aufsteiger nicht ungewöhnlich, aber: Die Bad Kissingerinnen waren erst gar nicht angetreten.

KissChess, gegründet im Dezember 2017, ist eigentlich eine Erfolgs-Geschichte. Begonnen hatte der rasante Aufstieg im Januar 2018 mit einem hochkarätig besetzten Turnier mit drei Großmeistern und weiteren Titelträgern in Bad Kissingen. Im Herbst des selben Jahres ging eine Frauenmannschaft in der Regionalliga an den Start. Nach vier klar gewonnenen Matches vergab diese mit einer knappen Niederlage beim einzig verbliebenen Konkurrenten Bonn-Bad Godesberg noch die Meisterschaft. Da Bonn auf den Aufstieg verzichtete, der die Aufstockung von Vierer- auf Sechser-Mannschaften mit sich gebracht hätte, rutschten die KissChess-Damen doch noch in die 2. Frauen-Bundesliga nach.

Mit der Meisterschaft in der 2. Liga Süd gelang der bemerkenswerte Durchmarsch in die 1. Frauen-Bundesliga. Und das mit einer ausgesprochen jungen Mannschaft um die Internationale Meisterin Irine Kharisma Sukandar am Spitzenbrett. Die Indonesierin lebt in ihrem Heimatland, nimmt die Reisestrapazen auf sich, um ihr Team zu unterstützen. Und nutzt die Gelegenheit, um in Europa an diversen Turnieren teilzunehmen.

Nur auf dem Papier Profis

"Wir wurden vom Deutschen Schachbund quasi gezwungen, zum Spieltag in Deizisau unter 2G-Bedingungen anzutreten, weil es für das Bundesland Baden-Württemberg keine generelle Absage gab. Im Gegensatz zu Sachsen, weshalb unser Partnerverein Bad Königshofen nicht in Leipzig hatte spielen müssen aufgrund der dortigen Pandemie-Auflagen", sagt Hofstetter. Die bundesweit hohen Inzidenzen seien für die Kurstädter Grund genug gewesen, nicht anzutreten. "Die Bundesliga wird offiziell wie eine Profiliga behandelt, aber trotzdem ist das eine reine Amateurveranstaltung. Die Ignoranz des Schachbundes hat uns schockiert. Wir überlegen, Protest einzulegen. Sogar ein Mannschafts-Rückzug steht für uns im Raum", findet der Bad Kissinger Augenarzt klare Worte.

Auch von Seiten der Bad Königshofer, die immerhin den amtierenden deutschen Meister stellen, bekämen die Saalestädter Rückendeckung. "Die haben ebenfalls die Faxen dicke." Vier Mannschaften treffen sich jeweils an einem Spieltag, also 24 Spielerinnen plus Funktionäre wie Schiedsrichter. "Die alle in einem Raum unterzubringen, ist in diesen Zeiten meines Erachtens verantwortungslos, auch für geimpfte Personen. Und beliebig lüften geht ja schlecht beim Spielen", so Hofstetter.