Auf Erfahrung im Tor zu setzen, hat ja durchaus gute Tradition beim SV Ramsthal. Erinnert sei nur an Frank Popp, der eine gefühlte Ewigkeit ein verlässlicher Faktor zwischen den Pfosten war. Aber dass der Kreisligist im ersten Punktspiel der Saison einem 61-Jährigen (!) den Auftrag zum Bälle halten erteilt hatte, ist dann doch eine Nachbetrachtung wert. Und zwar eine etwas ausführlichere, weil sich das unerwartete Comeback des Jürgen Schmitt - der nur zufällig so heißt wie der Verfasser dieser Zeilen - zu einem kleinen Drama entwickeln sollte. Dass die Ramsthaler ihr Auftaktspiel mit 3:4 verlieren sollten gegen den TSV-DJK Wülfershausen war dabei das kleinere Übel.

Der Reihe nach: Weil mit, Bastian Reusch, Luis Six und Christian Hänelt sich gleich drei Keeper aus den verschiedensten Gründen abgemeldet hatten, musste also der Tormann-Trainer der Weindorf-Kicker ran. Auch Timo Kaiser war zunächst im Gespräch, doch der wurde auf dem Feld gebraucht. Als Vollblutfußballer nahm Jürgen Schmitt die Herausforderung ohne jedes Zögern an. "Ich war früher ja nie ernsthaft verletzt. Beim Abschlussspiel im Training bin ich öfters mal dabei, habe letztes Jahr noch mit den Alten Herren gegen den FC 05 Schweinfurt gespielt. Außerdem treibe ich sehr viel Sport, gehe ins Fitnessstudio und entspanne die Muskeln in der Therme", sagt der Ramsthaler, der vom Anpfiff weg gut im Spiel war, Sicherheit ausstrahlte und eine schnelle 2:0-Führung seiner Vorderleute sah durch den Doppelpack von Sascha Ott.

Dass der Gegner schnell ausglich und die Gastgeber unmittelbar vor der Pause durch Enrico Otts Elfer wieder vorlegten, sorgte für gute Unterhaltung auf den Rängen. Jürgen Schmitt dagegen musste zu diesem Zeitpunkt bereits mit Schmerzen kämpfen. Die Schulter und der Rücken zwickten. "Aber ich hab's nach der Pause dennoch probiert, hatte dem Trainer aber schon gesagt, dass es vielleicht nicht weiter geht", so Schmitt, der auf eine beachtliche Karriere als Torwart, aber auch als Trainer zurückblickt mit Stationen beim TSV Reiterswiesen, FC Reichenbach, TSVgg Hausen, SV Riedenberg oder FC Strahlungen. Für die DJK Schweinfurt hatte der gebürtige Reiterswiesener sogar in der vierthöchsten Liga gespielt. Die Heirat mit einer Ramsthalerin brachte den (Torwart-) Trainerschein-Inhaber schließlich nach Ramsthal.

In Minute 70 passierte es: Ohne gegnerische Einwirkung verletzte sich der SV-Keeper bei einer Abwehraktion. Diagnose: Knöchelbruch. "Das war in dem Moment so, als wenn mir einer von hinten in die Beine tritt. Unser Physio hat mir gleich geraten, ins Krankenhaus zu gehen. Der Arzt hat mir später gesagt, dass mein Fuß schon vorgeschädigt war." Dass Filius Philipp schon nach einer halben Stunde angeschlagen vom Feld musste, machte das Familien-Pech perfekt, zumal die Ramsthaler das Spiel mit 3:4 verloren - mit Florian Hahn für die verbleibende Spielzeit im Tor. Wobei dem eigentlichen Offensivspieler keine Schuld an den Gegentoren traf.

"Ich zolle Jürgen den höchsten Respekt, dass er uns geholfen und sich das auch zugetraut hat. Man hat ihm seinen Ehrgeiz regelrecht angesehen", sagt SV-Coach Bastian Knauer, der an diesem Freitag wohl auf die Fangkünste des jungen Luis Six vertrauen wird beim Gastspiel in Strahlungen. Auf ihren Torwart-Trainer müssen die Ramsthaler jedenfalls erst einmal verzichten. "Im Derby gegen Sulzthal werde ich Ende August definitiv fehlen. Mein Sohn Marcel, der ja beim VfR spielt, hatte das schon befürchtet", sagt Jürgen Schmitt lachend, der in wenigen Wochen seinen 62. Geburtstag feiert. Auch wenn es mit einem neuerlichen Comeback aktuell nicht zum Besten steht: Ein Vollblutfußballer sagt niemals nie.