Für ihn gehört es zur Normalität, eine Leiche zu sehen. Florian Stoeck und seine Kollegen sind im Einsatz, wenn Angehörige die schlimmsten Momente ihres Lebens durchmachen. Wenn sie einen K.-o.-Schlag erleben. Wenn ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. "Wir helfen ihnen wieder auf die Beine", sagt der 30-Jährige vom Psychosozialen Akuthilfe-Team Bad Kissingen. Ob Tod, Sexualstraftaten, Suizid, Verkehrsunfall oder Brand, gemeinsam mit den anderen Krisenhelfern will er für ein "positives Ende im Leid" sorgen. "Es geht dabei nicht darum, was man sagt."

Zuhören. Einfach da sein. "Manche sind durch den Schock in ihrer eigenen Welt", sagt Daniel Shineflew. Der 49-Jährige macht den Dienst bei der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) des Bayerischen Roten Kreuzes seit vier Jahren. Ehrenamtlich. So wie seine neun Kollegen. Es gehe darum "der ruhende Fels in der Brandung" zu sein, wenn für Angehörige "eine Welt zusammenbricht", sagt Florian Stoeck. "Wir stellen uns komplett auf die Person ein."

Von einem Nervenzusammenbruch über Schweigen bis zum Schreien kann sie alles erwarten. "Egal welche Reaktion, in einer außergewöhnlichen Situation ist alles normal", sagt Jutta Göbel, Leiterin des Bad Kissinger PSNV-Teams.

Einsatzkräfte unterstützen

40 bis 50 Mal klingelt das Alarmtelefon im Jahr. Mit der kirchlichen Notfallseelsorge wechselt sich das PSNV-Team ab. Wenn Polizisten an der Wohnungstür klingeln und Menschen den Tod eines Angehörigen mitteilen, stehen die Kriseninterventionshelfer im Rücken der Beamten. Sie entlasten Polizei, Feuerwehr und Sanitäter. "Wir haben Zeit für die Leute", sagt Jutta Göbel.

"Wir ermutigen die Betroffenen, zu weinen", sagt Florian Stoeck. "Es ist wichtig, dass sie ihre Emotionen raus lassen." "Es entlastet, Gefühle zuzulassen", sagt Jutta Göbel. Auf ihre eigenen Emotionen kommt es in diesen bestimmten Moment nicht an: "Man lernt mit der Zeit sich einzufühlen, aber auch Distanz zu halten. Man braucht diese Distanz, um Leuten eine Hilfe sein zu können." "Man muss selbst gesund sein, um helfen zu können", sagt Florian Stoeck.

Begleiten beim Abschied nehmen

Oft hört der 30-Jährige von Angehörigen den Satz "Ich konnte mich gar nicht verabschieden". Der Psychologe aus Zeitlofs begleitet sie dabei. "Auch nach einem Unfall. Das ist wichtig, sonst wollen sie es vielleicht nicht wahrhaben. In so einer Situation erleben sie alles wie im Film. Es besteht die Gefahr, dass sie in dieser Blase bleiben."

Das Team versucht "mit ganz Banalem Bewegung rein zu bringen". Sie bitten die Betroffenen Kaffee zu kochen oder ein Glas Wasser zu holen, "um sie aus der Lethargie zu lösen". Es komme darauf an, die Selbstständigkeit wieder herzustellen und die Menschen in dieser Außnahmesituation stabil zu hinterlassen. "Man merkt, wenn man gehen kann", sagt Jutta Göbel. Die 54-Jährige macht die ehrenamtliche Arbeit gern. Trotz einiger Einsätze, die ihr besonders unter die Haut gehen: "Wenn kleine Kinder umkommen, begleitet mich das länger." Daniel Shineflew geht mit seinen Walking-Stöcken in die Natur, wenn ihm manche Bilder länger im Kopf herumschwirren oder spricht mit den Kollegen über den Einsatz.

Dankbar für Hilfe

Für Shineflew überwiegt "das Helfen": "Ich nehme aus jedem Einsatz etwas Spezielles mit raus." "Ich habe einen anderen Blick auf die Dinge bekommen, was ist wichtig und was nicht", sagt Jutta Göbel. Man erfahre viel Dankbarkeit, meint Stoeck. "Man achtet viel mehr auf sich selbst. Natürlich können unsere Einsätze belastend sein, aber man muss sich fragen, was wäre, wenn es mir so gehen würde?"


Leistung Das Psychosoziale Akuthilfe-Team Bad Kissingen begleitet und unterstützt ehrenamtlich Betroffene in akuten Krisensituationen des Lebens. Florian Stoeck gründete die Gruppe zur psychosozialen Notversorgung 2005.

Aktiv Ideal sind Erfahrungen aus der "Blaulicht-Szene", aber kein Muss. Kriseninterventionshelfer übernehmen eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die sie während einer Fachausbildung geschult werden. Wer an der ehrenamtlichen Arbeit im Akuthilfe-Team interessiert ist, meldet sich beim Bad Kissinger Kreisverband des BRK unter 0971/72 72 80 oder per Mail an PSNV-BadKissingen@email.de.