Neues muss her! Diese marktwirtschaftliche Forderung gilt auch für den Kunst- und Kulturbereich - und manchmal gehen neue Konzeptionen auch in die Hose. Anders war es bei der Band "Brassballett", die mit ihrer Kombination aus verschiedenen Musikstilen und gekonnten choreographischen Elementen Begeisterungsstürme bei den knapp 300 Gästen im Kissinger Kurtheater auslöste.

Dass Musiker nicht mehr generell statisch auf ihren Plätzen sitzen, kennt man schon seit
Längerem. Bei Rockbands ist das üblich, der Party-Sound von James Last brachte die inszenierte Musik in jedes Wohnzimmer, und auch klassische Orchester bemühen sich, etwas für das Auge zu bieten. Was aber die zehnköpfige Band auf der Bühne abzieht, ist eine - so wirbt "Brassballett" selbst - innovative Show aus Tanz und Musik, wobei die sechs Blechbläser gleichzeitig die Tänzer sind.


Repertoire im Kopf

Schnell wird klar, dass diese musikalische Perfektion in Verbindung mit Tanz nur bei großer Körperbeherrschung in Verbindung mit regelmäßigem Konditionstraining möglich ist. Meist sind die Musiker schon nach dem ersten Stück durchgeschwitzt. Voraussetzung für die atemberaubende Show ist natürlich auch, dass das Repertoire auswendig beherrscht wird, denn Notenständer, wie sie üblicherweise von Blaskapellen benutzt werden, sind bei diesen Showauftritten völlig fehl am Platz.

"Es sind die Blues Brothers!" - dieser erste Eindruck entstand durch die schwarzen Anzüge der Bandmitglieder in Kombination mit roter Krawatte und tiefschwarzer Sonnenbrille. Cool und lässig beginnt es mit der Hintergrundband, die den Grundrhythmus mit Gitarre, Bass, Keyboard und Drums vorgibt und mit "I feel good" beginnt. Nach und nach kommen je zweimal Trompete, Posaune und Saxophon dazu - aber nicht einfach so, sondern abgestimmt auf die Melodie tänzeln die Musiker auf die Bühne, nehmen ihre Position ein und zeigen dann für fast zwei Stunden, was sie musikalisch und tänzerisch können.

Eine gelungene Auswahl der Arrangements unterstützt dabei die Bühnenpräsentation. Es handelt sich immer um Gassenhauer-Stücke, die einerseits als Ohrwürmer dem breiten Publikum bestens bekannt sind und andererseits einen außergewöhnlich umfangreichen Anteil für die sechs Blechbläser aufweisen.


Alles, was spielbar ist

Dabei wird kein Musikstil ausgelassen: Alles, was spiel- und tanzbar ist, findet sich im Repertoire von "Brassballett" wieder. Evergreens wie "Raindrops keep falling on my head" oder "Summertime" waren genauso dabei wie "Hit the road Jack", "Hotel California" oder "Walking on sunshine".

Die Klassik ist vertreten durch Chopin - Nocturne Nr. 2 und durch Bachs Air, die Filmmusik durch "Pretty Woman" und der "King of Pop" durch "Bad", wobei der Griff in den Schritt nicht fehlen durfte.

Mit insgesamt fetzigen 20 Musikstücken begeisterte die Hamburger Formation das Publikum, wobei die Ernsthaftigkeit auch mal auf der Strecke blieb, wenn zum Beispiel die Biene Maja durch den Zuschauerraum fliegen darf oder die Geschichte von Wind und Sturm einer sibirischen Nacht in das bekannte Gitarren-Riff von "Smoke on the water" mündet.

Zu jedem dieser Werke hat sich die Gruppe eine andere Choreographie ausgedacht, die sich an unterschiedliche Stilrichtungen anlehnt. Mal sind es die imitierten Schritte eines Michael Jackson, mal geschmeidige Moves zu Salsa und Funk, mal Elemente aus dem Street Dance, mal schon fast ballettartige Einlagen. Jedenfalls zeigte es sich, wie hoch die Ansprüche an die Bandmitglieder sein müssen, denn das Einstudieren der Stücke erfordert ein hohes Maß an Disziplin, Körperbeherrschung und Ausdauer, damit die Show am Ende den gewünschten Grad an Synchronität, tänzerischem Ausdruck und musikalischer Qualität erreicht.

Ideengeber für die Show und Choreograph derselben ist Wassilij Goron, der mit seiner Posaune nicht nur der Frontmann auf der Bühne ist, sondern sich auch als witziger Moderator des gelungenen Abends erwies.