Ein Morgen im Herbst. Raphael Blum, Berufsjäger im Naturschutzgebiet Lange Rhön, ist auf seiner Runde, als er am "Huckel", einem kleinen Wäldchen, Qualm aufsteigen sieht. Ihm schwant nichts Gutes, und als er näher kommt, sieht er Flammen. Schnell alarmiert er die Feuerwehr, die den Brand wenig später gelöscht hat. Ein größerer Schaden ist nicht zu verzeichnen.

Eigentlich wäre der Vorfall nicht weiter erwähnenswert, wäre da nicht die mögliche Ursache für das Feuer und die Örtlichkeit. Die Spuren am Boden sind eindeutig: An der Brandstelle stand kurz zuvor noch ein Zelt. Zigarettenkippen, die den Brand ausgelöst haben dürften, zeugten neben einigen Flaschen von der Anwesenheit von Campern - und das mitten im Naturschutzgebiet Lange Rhön.

Ahnungslosigkeit und Ignoranz

Der Vorfall an sich ist schon ärgerlich genug. Erschwerend hinzu kommt, dass so etwas kein Einzelfall mehr ist. Früher seien drastische Verstöße gegen die Vorschriften seltene Ausnahmen gewesen, weiß der langjährige Gebietsbetreuer der Wildlandgesellschaft für das Naturschutzgebiet, Torsten Kirchner: "Inzwischen ist die Lage eskaliert." Eine Einschätzung, der sich Ranger Maik Prozeller nur anschließen kann. Für ihn hat sich die "Störungslage seit Corona deutlich verschärft". Dass Besucher den Naturschutz so missachten, liegt nach Ansicht von Kirchner irgendwo zwischen Ahnungslosigkeit, Ignoranz und Dreistigkeit. Sein Fazit: "Es gibt keine Tabus mehr."

Das Naturschutzgebiet Lange Rhön gelte als "Hotspot" der Artenvielfalt in Mitteleuropa und sei gleichzeitig "Sehnsuchtsort vieler Menschen", beschreibt Klaus Spitzl, Geschäftsführer beim Naturpark Rhön die Bedeutung der Region zwischen Holzberghof und Schwarzem Moor. In Corona-Zeiten seien hier noch mehr Besucher unterwegs, um die intakte Natur zu erleben. Das solle auch so sein. Als entscheidende Aufgabe sieht er es, den Besuchern zu vermitteln, dass im Naturschutzgebiet die Natur Vorrang vor Freizeitbedürfnissen hat. Entsprechend seien die Regeln einzuhalten.

Dem kann Berufsjäger Raphael Blum nur zustimmen. Allerdings ist die praktische Umsetzung ein hartes Geschäft. "Man könnte ganze Tage nur mit Naturwacht-Aufgaben verbringen", schimpft er im Gespräch mit dieser Redaktion. Wanderer und Mountainbiker, die abseits der Wege unterwegs waren, hat er am Vormittag zuvor angetroffen. Ein Team eines großen Fernsehsenders filmte im Gelände, eine Drehgenehmigung konnte es nicht vorweisen.

Die Lange Rhön sei das geworden, was sie ist, weil sie sich hier lange ohne große Störungen entwickeln konnte, so Kirchner. "Viele wissen gar nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten", kritisiert er. Die Regelungen für das Naturschutzgebiet seien kein Selbstzweck. "Wir sind auf dem Weg, dass einige seltene Arten verschwinden", befürchtet Kirchner.

Hundebeutel in den Bäumen

Das hätte durchaus auch ökonomische Auswirkungen. Denn der Erhalt von besonders geschützten Lebensräumen und Arten in der Rhön wird über den Vertragsnaturschutz jährlich mit einer siebenstelligen Summe gefördert. Gelder, die wohl gefährdet wären, würden Schutzziele wegen Störungen nicht mehr erreicht.

Solche Störungen gehen auch durch eine zunehmende Zahl von Hundehaltern aus, die ihre Lieblinge über die Wiesen tollen lassen, wie neben Maik Prozeller auch Oliver Scheuplein von der Bergwacht Rhön beobachtet. Er und seine Kollegen sind in der Langen Rhön regelmäßig als Naturschutzstreife unterwegs. Nach beider Einschätzung hat sich mit der Zahl der Besucher die Zahl der Verstöße erhöht. Und die Zahl der Plastikbeutel mit den Hinterlassenschaften von Hunden, die überall herumliegen würden. "So sie nicht in die Bäume gehängt werden", wie das Torsten Kirchner beobachtet hat.

Als weitere Störungen führen sie Müllablagerungen, Picknicken oder Grillen an. Dank der E-Bikes seien immer mehr Besucher querfeldein unterwegs, die es sonst nie in die Höhenlagen der Rhön geschafft hätten. In der Nacht seien Sternengucker ebenso abseits offizieller Wege unterwegs wie Hobby-Fotografen oder Vogelkundler am Tag. Im Winter seien Schneeschuhgänger oder Skitourengeher anzutreffen.

Was Biologe Kirchner in diesem Zusammenhang besonders hervorhebt, ist die Entwicklung zu einer permanenten Belastung. Im Gegensatz zu früher, als in der Dämmerung oder nachts kaum jemand unterwegs war, gebe es nun praktisch keine Ruhezeiten für die störungsempfindliche Natur mehr.

Und dann gibt es noch die Wohnmobilisten. Für einige Stunden ist ihr Aufenthalt auf einem der Parkplätze im Schutzgebiet gestattet. Inzwischen stehen sie nicht nur dort, sondern auch auf Schotterwegen, wo sie nichts zu suchen hätten, oder gar in den Wiesen. Manche leerten dort sogar ihr Chemieklo aus. Bis zu 20 von ihnen hat Kirchner jüngst am Parkplatz nahe des Schwarzen Moores gezählt. Im Internet werde der Platz inzwischen nach dem Motto "Super Natur, Sanitäranlagen, leckere Bratwürste und kostet nichts" vorgestellt.

Nicht zuletzt daher kommt die Forderung nach einem Digital Ranger, mit der sich auch Naturpark-Geschäftsführer Spitzl anfreunden kann: Der hätte die Aufgabe, im Internet gegen derartige Tipps oder auch Vorschläge für Wander- oder Radtouren vorzugehen, die den Bestimmung des Schutzgebiets zuwider laufen.

Als weiteres Ziel sieht Spitzl den Aufbau einer Online-Besucherlenkung, die beispielsweise über die aktuelle Belegung von Parkplätzen informiert. Aber auch bei der klassischen Besucherlenkung sieht er Nachsteuerungsbedarf. So sind Verbesserungen bei der Beschilderung von Wander- und Radwegen vorgesehen, wie sie auch Ranger Prozeller fordert. Nicht zuletzt wurden 2020 zwei neue Naturpark-Ranger angestellt.Thomas Pfeuffer