Maßbach
Premiere

Von wegen "endlich allein"

 Komödie des US-Autors Lawrence Roman überzeugt im Intimen Theater gleich mehrfach. Der turbulenten Handlung hat Regisseur Augustinus von Loë die ernsteren Konflikte des Stoffes gleichberechtigt gegenübergestellt.
Georg Schmiechen, Andreas Heßling, Silvia Steger, Ingo Pfeiffer in "Endlich allein". Foto: Sebastian Worch
Georg Schmiechen, Andreas Heßling, Silvia Steger, Ingo Pfeiffer in "Endlich allein". Foto: Sebastian Worch
Robert, (Benjamin Jorns) der jüngste ihrer drei Söhne ist soeben ausgezogen. George (Ingo Pfeiffer) und Helene (Sandra Lava) freuen sich, "endlich allein" zu sein. Dreißig Jahre haben sie sich um die Sorgen ihrer längst erwachsenen Kinder gekümmert, eigene Wünsche hintangestellt. Jetzt wollen sie mehr Zeit füreinander haben. "Es muss wieder möglich sein, auch mal bei offener Schlafzimmertür zärtlich zu sein", finden sie. Doch als die Erotik gerade zu knistern beginnt, kehren die Kinder, und nicht nur die, nach und nach zurück. Das Chaos ist perfekt, das Haus ein Tollhaus. Was haben wir nur falsch gemacht, fragen sich die Eltern. Erst allmählich kommen sie zu anderen Erkenntnissen. Aber bis dahin sollten ihre Nerven noch drei turbulente Akte lang heiter und auch ernsthaft strapaziert werden.

Verzicht auf billige Gags

Besonders amerikanische Komödien altern oft zügig. Zu schnell ist die Aktualität verflogen, wirken Sprache und Zeitumstände von gestern. Wenn allerdings Wolfgang Spier, "Altmeister des Boulevard", ein Stück ins Deutsche übersetzt, ausufernde Dialoge in witzige, bühnentaugliche Formulierungen kürzt, dann werden die Lacher nicht überstrapaziert, ist qualitätvolle Unterhaltung mit zeitlosem Tiefgang zu erwarten.
Augustinus von Loë hat das Stück im Geist des 2011 verstorbenen Theatermachers inszeniert. Er verzichtet auf billige Gags, lässt dem witzig ironischen Grundton der Komödie Raum, schafft es aber, Schuldgefühle der Eltern, Abhängigkeit der Jugend, Ängste und individuelle Verantwortung aufzuzeigen. Leichte Gänsehaut bei den psychologischen Konflikten ist gewollt.

Viele Finessen

Immer wieder erstaunlich ist auch, wie von Loë, der auch das Bühnenbild gestaltet hat, aus den wenigen Quadratmetern im intimen Theater eine einladend gegliederte Spielfläche mit Türen, Treppen und verschiedenen Ebenen schafft, auf der die handelnden Personen wie Irrwische Türen knallend durch die Szenerie fegen. Dennoch findet sich im großen Sofa eine Oase der Ruhe und des Nachdenkens und der Konfliktlösung. Kostüme, Requisite, Beleuchtung, Musik, alles passt bei dieser finessenreichen Inszenierung.
Viele Kleinigkeiten runden den Komödienspaß ab. Die magnetische Landkarte von Amerika, auf der die Aufenthaltsorte der Kinder im Nu wie ein Bumerang zurück ins heimische Nest zu verschieben waren, und das zweigeteilte Schild "Endlich allein", bei dem das "allein" je nach Konflikt wie von Zauberhand herunterfiel und vom jeweils Betroffenen wieder in die Waagerechte gebracht wurde. Oder Mozarts Requiem "Dies irae", als Untermalung zum "Tag des Zorns", als die gestresste Mutter verschwindet, um wenig später mit neuer Frisur und neuem Elan, endlich an sich selbst denkend, den gordischen Knoten von Emanzipation, Kinder- und Selbstliebe zu durchtrennen. Eine große Szene für Sandra Lava, die ihre Selbstzweifel ganz glaubhaft ausspielte.

"Wie im richtigen Leben"

Ingo Pfeiffer brillierte als gutmütig beschwichtigender Vater, der sich hilflos überfordert gab und der den Mut hatte, die eigene Schwäche zu zeigen: "Wie im richtigen Leben," raunte die Sitznachbarin ihrem Begleiter ins Ohr. Georg Schmiechen verzweifelte als verkanntes Genie an sich und den unlösbaren Aufgaben der Mathematik so überzeugend, dass das Publikum ergriffen mit ihm litt, und Silvia Steger kokettierte als vor Einfällen sprudelnder Paradiesvogel Janie mit sich, den männlichen "Helden" und dem Publikum, um sich dann doch - "ganz Frau" - der Chefin des "Hotel Mama" anzuvertrauen. Ensemble-Neuling Andreas Heßling wollte, dandyhaft sich selbst überschätzend, mit toller Schmalzlocke Janie imponieren. Typisch, dass der Lockenwickler im Haar seinen großen Auftritt verpatzte. So trug jeder sein Schärflein zum turbulenten Ende bei, und beileibe nicht alle Konflikte konnten gelöst werden. Aber das gelingt ja auch im wirklichen Leben nicht.