Wie denn!? Was denn? Schon wieder Autismus? Hatten wir nicht erst im Sommer so ein Stück? "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" oder so ähnlich? Gut, das war irgendwie witzig und verdammt gut gespielt. Aber jetzt schon wieder so etwas! "Die Tanzstunde", eine "Romantische Komödie" war angekündigt, ein Stück für zwei Personen, Sie und Er, und er sollte irgendwie ein Autist sein. Wie das alles wohl zusammen gehen würde? Man ging mit einiger Skepsis in das Intime Theater - um am Ende mit einiger Verblüffung festzustellen, dass man das Haus mit ausgesprochen guter Laune wieder verließ.

Autismus ist ja nun nicht unbedingt ein Thema für die Komödianten - obwohl man sich am Ende fragt: Warum eigentlich nicht? Denn Autismus ist zunächst einmal eine genetische Prägung, wie es viele andere mit anderen Erscheinungsformen auch gibt. Und er ist eine ungefilterte, unmanipulierte Wahrnehmung der Realität, was ja an sich nichts Schlimmes ist, denn jeder Mensch nimmt die Wirklichkeit anders wahr - nur dass ein Autist nicht die geringste Anstrengung unternimmt, seine Wahrnehmungen mit den gängigen Mustern der "Neurotypischen", der Nicht-Autisten (der "Normalen" verbietet sich hier, denn wer ist schon normal?) in Übereinstimmung zu bringen. Und auf dieser Verweigerung hat der Amerikaner Mark St. Germain sein Stück "Dancing Lessons" aufgebaut, das im August 2014 von der Barrington Stage Company in Pittsfield/Massachusetts uraufgeführt wurde.

Plötzlich soll er tanzen

Die Ausgangssituation ist eigentlich vollkommen unspektakulär, wenn auch nicht erfreulich. Zwei defekte Menschen treffen aufeinander: Die junge Tänzerin Senga Quinn hat bei einem Unfall eine schwere Knieverletzung erlitten und muss mit dem Gedanken fertig werden, dass ihre Musicalkarriere schon zu Ende ist, bevor sie so richtig begonnen hat. Laufen kann sie nur mit Krücken oder einem orthopädischen Stützrahmen für das Knie. Sie hat sich mit viel Wein und reichlich Tabletten in ihrer Souterrainwohnung eingeigelt, damit sie die Welt nicht sehen muss und so auch nicht von den Agenten gesehen wird, von denen sie sich immer noch später vielleicht das eine oder andere Angebot erhofft. Plötzlich klopft Ever Montgomery an ihre Türe. Dem auch noch nicht alten Professor für Geologie ist das Asperger-Syndrom angeboren mit seinen kommunikativen und emotionalen Wahrnehmungsschwächen. Eigentlich hat er sein Leben ganz gut im Griff, wenn es ihn nicht mit Überraschungen überfällt, hat genügend Fluchtstrategien entwickelt. Aber jetzt soll er einen Preis der American Asperger Association entgegennehmen und dabei auch einen Tanz auf das Parkett legen. Nur: Tanzen kann Ever überhaupt nicht, und körperliche Berührung fürchtet er mehr als der Teufel das Weihwasser.

Lacher im Publikum

In seiner Not wendet er sich an Senga. Die ist zunächst vollkommen abweisend. Aber Ever bietet ihr eine absurd hohe Gage für eine Tanzstunde, und Geld braucht sie. Und damit beginnt etwas, das man tatsächlich Romantische Komödie nennen könnte - allerdings in schonungsloser Doppelbödigkeit. Komödie ja, denn es wird viel gelacht. Allerdings nicht auf der Bühne, wo sich die beiden trotz mancher Heiterkeit in ihrem Kosmos absolut ernst nehmen, sondern vom Publikum, das das Verhalten an seinen eigenen Parametern misst. Und Romantisch: ja, denn die Klischees werden bedient.

Ausgezeichnete Mischung

Die beiden gehen miteinander ins Bett und tanzen auch gemeinsam. Aber - und das ist das gemeinsame Ergebnis der fabelhaften Dialoge von Mark St. Germain (Übersetzung John Birke) und der ebenso fabelhaften, beindruckenden Regie von Augustinus von Loë - die Romantik wird relativiert, denn es wird deutlich, dass Ever nicht plötzlich eine emotionale Kulisse entwickelt hat, also gleichsam von Asperger geheilt ist (das ginge gar nicht), sondern dass er sich der Situation gestellt und den Umgang gelernt hat. Und dass es für Senga nur eine Episode war.

Augustinus von Loë hat mit einer geradezu akribischen Personenregie nicht nur den Text voll ausgereizt, sondern auch eine ausgezeichnete Mischung aus Tempo und Verdichtung einerseits, Innehalten und Ausspielen andererseits gefunden. Jede Geste, jeder Blick, jeder Satz haben genau die Zeit, die sie brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Und genau deshalb kann auch eine enorme Spannung entstehen, wenn sich Senga und Ever ganz langsam berührend näher kommen. Und Augustinus von Loë hat sich auch nicht verleiten lassen, die Klischeeerwartungen des Publikums durch Überzeichnungen und gestische Übertreibungen zu bedienen. Wenn sich Ever die Haare rauft, weil er es mit einem schwierigen Gedanken zu tun hat, ist das kein Running Gag, sondern absolut plausible Konsequenz.

Man hätte allerdings die beiden Rollen auch nicht besser besetzen können. Auf der einen Seite Anna Schindlbeck als Senga Quinn auf ihrer extremen emotionalen Achterbahnfahrt, die alleine schon mit ihrer Mimik das ganze Elend ihrer Situation verdeutlichen kann, bevor sie auch nur einen Satz gesagt hat und die außerordentlich differenziert das von vielen Rückschlägen getroffene, sich langsam entwickelnde Verhältnis zu ihrem Tanzpartner gestaltet, die geschickt spielt mit Zuwendung und Abwendung, die angesichts ihrer eigenen Situation nie zynisch, aber verbittert werden kann. Auf der anderen Seite Georg Schmiechen als Ever Montgomery, geradlinig und korrekt bis zur Unerträglichkeit, der mit der Allwissenheit seines Spezialgedächtnisses nerven kann, der viel Phantasie entwickelt und Kraft verbraucht, um unliebsamen Situationen aus dem Weg zu gehen und der sich am liebsten vor jedem Gespräch ein paar Phrasen überlegt, um nicht in unberechenbaren Smalltalk verfallen zu müssen, für den schon das Anstoßen mit Gläsern ein quälender Akt der Berührung ist.

Ändern sich Menschen?

Trotzdem bleibt die gute Laune, auch wenn das Ende ganz unromantisch ist: Senga ist zu Wein und Pillen zurückgekehrt, Ever ist weg und hat die Frage zurückgelassen: Können sich Menschen ändern? Die Antwort bleibt offen.