Gäbe es eine Weltkulturerbeliste für Kinder, dann stünde ein Buch auf den ersten Plätzen: "Pippi Langstrumpf". Vor allem, aber nicht nur für die Mädchen ist diese vor Fantasie, erfundenen und wahren Geschichten sprühende, fast immer gut gelaunte, selbstbewusste und dickköpfige kleine Göre seit nunmehr 70 Jahren eine großartige Identifikationsfigur.
Ihre Voraussetzungen zum Glücklichsein scheinen minimal, würden sie heutzutage zum Sozialfall abstempeln: Die Mutter ist tot, der Vater weg, er fährt auf den Weltmeeren, Schwerpunkt Südsee, herum. An Land lebt sie allein in einer ziemlich heruntergekommenen alten Villa. Aber sie bleibt nicht allein: Aufgrund ihrer Lebhaftigkeit, ihrer manchmal abstrus erlogenen Geschichten, aufgrund ihrer Stärke und Lebenstüchtigkeit wird sie sofort zum Mittelpunkt der Nachbarskinder, als sie in die Villa Kunterbunt einzieht.

Wie Pippi zu uns kam

Für das diesjährige Sommer-Kinderstück auf der Freilichtbühne haben Anne Maar und Sebastian Worch die Geschichte bearbeitet, haben die Vorgeschichte, "Wie Pippi zu uns kam", in ein kleines Theaterstück gepackt, das Tommy und Annika, die Nachbarskinder, und Ida und Michel, zwei weitere Freunde, für sie zum Geburtstag spielen.
Und Regisseur Thomas Klischke hat diese Geschichte und die vielen anderen berühmten, von der durch Pippi gestörten Schulstunde, von der Vorsitzenden des Waisenrats, die sie ins Kinderheim stecken will, von den beiden Polizisten Kling und Klang, die sie festnehmen wollen, und von den beiden Räubern Donner-Karlsson und Blom, die ständig hinter Pippis Koffer mit dem Gold her sind in eine rasche Abfolge von witzigen, eben kunterbunten Szenen verwandelt. Ausstatter Robert Pflanz hat eine wirklich kunterbunte Villa Kunterbunt aus rundherum hängender Wäsche und kunterbunten Kisten und Tischen geschaffen, die sich blitzschnell in alle möglichen Einrichtungsgegenstände verwandeln lassen und am Ende sogar in das zum Ablegen bereite Schiff von Pippis Vater.

Zuschauer brauchen Fantasie

So gibt es ständig was zu sehen und zu hören; bei den Umbauten singen die fünf Schauspieler deutsche und schwedische Kinderlieder, auch den Erkennungssong jenes Kult-Filmes über Pippi, der jahrzehntelang im deutschen Fernsehen lief - allerdings auf Schwedisch. Aber im Gegensatz zum Film kommt bei der Bühnenfassung zum Tragen, was ja Pippis Haupteigenschaft ist: die Fantasie. Hier bekommen die Zuschauer nicht eine Spielhandlung zum reinen Zuschauen vorgesetzt, sondern müssen immer wieder mit ihrer eigenen Fantasie mitarbeiten an ihrer Vorstellung von Pippis Geschichte: So klumpen sich alle vier Freunde zusammen, um den unbändig dicken Vater Pippis dazustellen, so zeigt Klischke den Kindern unserer digitalen Zeit die Schulkinder und ihre Lehrerin als perfekt aufeinander eingespielte Roboter - eine fast unheimliche Welt, in die dann Pippi mit ihrer überschäumenden Natürlichkeit hineinplatzt.

Staatsgewalt veralbert

Auch beim Besuch der Kinder auf dem Jahrmarkt werden die Sensationen dort köstlich karikiert und die Gleichförmigkeit der Staatsgewalt durch die zwei in zwei Uniformjacken aneinander gefesselten Polizisten veralbert. Die Darsteller der vier Freunde Pippis wechseln blitzschnell in alle Nebenrollen, von der Roboterlehrerin in die Gangster Kling und Klang in die Polizisten, singen, tanzen und halten die Kinder im Zuschauerraum immer am Schauen, Lachen, Staunen.

Die Herzen erobert

Immer lauter wurden in der Premiere die Rufe nach Pippi, denn Franziska Theiner in der Rolle der superstarken, superschlauen, superschlagfertigen Göre hatte sehr schnell die Herzen der Zuschauer gewonnen. Sie war das Kraftfeld Pippi, in dem sich alle anderen in einer Welt aus Traum und Wirklichkeit wie in einem Taumel bewegten. Und Philipp Locher als Tommy, Sandra Lava als Annika, Silvia Steger als Ido und Nilz Bessel als Michel taten das mit mitreißender Spielbegeisterung. Regisseur Klischke ist es gelungen, der Aufführung einen mitreißenden Rhythmus zu geben, in den sich alle einschwingen konnten. Und wo blieben Herr Nilsson, Pippis kleiner Affe, und ihr großes Pferd, genannt "Kleiner Onkel"? Herr Nilsson spielte als Puppe mit in dem wilden Trubel und der Kleine Onkel erschreckte hinter den Kulissen die dummen Polizisten, als er gerade ein Schaumbad nahm.

Erziehung zur Fantasie

Alles war da, was man aus Buch und Film kennt, und noch viel mehr, was nur das Theater kann. So waren nicht nur die kleinen Zuschauer in der Premiere begeistert und der Applaus lang. Ein Weltkulturerbe-Beitrag zur Erziehung zu Fantasie, Fröhlichkeit und Respektlosigkeit gegenüber festgefahrenen und sinnlosen Verhaltensregeln - und manchen hier als merkwürdig entlarvten Geboten der Erwachsenen.