Wie konnte das passieren? Die Frage steht im Raum, und keiner kann sie beantworten. Wie konnte ein Vereinskassier über Jahre hinweg in die Kasse greifen und so den Verein um eine Summe von 29 693 Euro bringen? Wie konnten Kassenprüfer und ein jährlich eingeschalteter Steuerprüfer einen solchen Betrug übersehen? Es ist geschehen, in Münnerstadt.

Karl B. (Name von der Redaktion geändert) ist seit 2002 Kassier in der Tennisabteilung des TSV Münnerstadt. Ein integrer Mann, ein Mensch, dem man im Verein Vertrauen entgegenbringt. Absolut, ohne Wenn und Aber. Sein Freund ist Abteilungsleiter, er selbst verwaltet zu diesem Zeitpunkt als Kassier Finanzmittel von rund 4000 Euro. Karl B. arbeitet penibel, seine jährlichen Kassenberichte in den Jahresversammlungen sind stets korrekt. So eben, wie man ihn persönlich auch kennt. Akkurat. Die Kassenprüfer bescheinigen ihm das jedes Jahr, niemand findet auch nur eine kleine Unregelmäßigkeit in den Kassenabrechnungen. Alle Belege sind vorhanden.
Durch die Abteilung fließt viel Geld: Der laufende Betrieb muss aufrechterhalten werden, 5000 Euro kommen an Mitgliedsbeiträgen herein, bei einer jährlichen Großveranstaltung bleibt ein größerer Betrag hängen. Die laufenden Kosten werden bezahlt, für das Vereinsheim, die Trainer, die Pflege der Anlage. Und trotzdem betrügt Karl B.. Immer wieder nimmt er Geld vom Girokonto des Vereins und überweist es an die Barkasse. Und daraus bedient er sich dann.

Nie die Einzelsummen genannt

Diese seltsame Transaktion fällt nicht auf. Es sind keine großen Summen, die hier bewegt werden. Mal ein paar 100 Euro im März, ein paar 100 Euro im September und November. Die Belege stimmen. Aus der Barkasse wandert das Geld in die Tasche von Karl B. Niemand bemerkt das, auch die Kassen- und die Steuerprüfer nicht. Bei der Jahreshauptversammlung gibt er jedes Jahr seinen Bericht. "... auf dem Girokonto, auf dem Festgeldkonto und in der Barkasse befinden sich xy Euro", bilanziert er am Jahresende immer eine Gesamtsumme. Alles stimmt. Aufgefallen wäre das, wenn er die Einzelsummen genannt hätte, denn dann hätte er irgendwann erzählen müssen, dass sich in der Barkasse eigentlich fast 30 000 Euro befinden. Also hat er das nicht getan.

Und im Verein hat man eines vergessen: Während die Kontobewegungen und Kontostände schwarz auf weiß auf den Kontoauszügen stehen und überprüft wurden, schaute niemand in die Barkasse. Da hätten im Laufe der Jahre 29 693 Euro drin sein müssen. Sie waren es aber nicht. "Mit 35 Euro bin ich in diesem Jahr gestartet", sagt Guido Rose, der Karl B. als Kassier in der Tennisabteilung des TSV Münnerstadt dieses Jahr beerbt hat.

Am Dienstagabend war es an der Zeit, die Vereinsmitglieder über die Vorkommnisse in der Abteilung zu informieren. Keine leichte Aufgabe für Abteilungsleiter Martin Eyring, der dabei Unterstützung vom Hauptvorstand bekommen hatte. Das komplette Gremium war dabei. Die Mission: alles auf den Tisch legen.

Das tat Martin Eyring. Man habe den ehemaligen Kassier zum Gespräch gebeten, unumwunden habe er dabei seine Verfehlung und die ihm zur Last gelegte Summe der Unterschlagung zugegeben. Er bereue sein Vergehen und wolle alles zurückzahlen. Diese Absichtserklärung hat man inzwischen zu Papier gebracht, nach eingehender Beratung durch den Bayerischen Landessportverband, nach eingehender anwaltlicher und notarieller Beratung.

Notarieller Rückzahlungsvertrag

Das Ergebnis: Ein notarieller Vertrag wurde von beiden Seiten unterzeichnet. Der ehemalige Kassier bestätigte die entnommene Summe aus der Vereinskasse und hat sich auf einen Rückzahlmodus von 5000 Euro pro Jahr verpflichtet - bei 5,0 Prozent Zinsen. Die erste Teil-Rückzahlung in diesem Jahr ist schon überwiesen worden.
Aufgeflogen ist das Ganze, erklärte Abteilungsleiter Martin Eyring jetzt den Mitgliedern, als in diesem Frühjahr das Girokonto der Abteilung plötzlich in die Miesen rutschte. Die Bank forderte die Abteilung auf, das Konto doch wieder bitte auszugleichen. So bekam Martin Eyring Kenntnis von der wirklichen finanziellen Lage der Tennisabteilung und drehte sofort an den notwendigen Knöpfen. Die Fragen der Mitglieder, die in der jüngsten Versammlung kamen, waren offensichtlich: "Warum hat das niemand gemerkt?", wollte Bärbel Will wissen, es gab doch die Kassenprüfer. Johannes Wolf, Hauptkassier des TSV Münnerstadt, und Guido Rose erklärten gemeinsam das System von Karl B., die Fehler, die gemacht wurden: "Keiner hat sich die Mühe gemacht, in die Barkasse zu schauen. Jeder hat darauf vertraut, dass das Geld drin ist", sagte Guido Rose.

"Er hat sich bei mir entschuldigt", erzählt Martin Eyring. Auf eine Strafanzeige hat der Verein verzichtet. Das würde nichts bringen, stellte Gesamtvorsitzender Gerd Zeitler fest. Im Gegenteil. Den Mann in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben würde nichts bringen. Auch jetzt, nach all diesen Vorkommnissen, versuchen sogar die Mitglieder, Verständnis für das Verhalten des ehemaligen Kassiers zu finden. Es ist kein Groll im Raum, als man sich darüber unterhält.

Der Hauptverein will helfen

Die Abteilungsführung und die Mitglieder richteten stattdessen den Blick nach vorn. Wie geht es weiter? "Der laufende Betrieb für dieses Jahr ist gesichert", sagt Martin Eyring in der Versammlung. Er zählt die Einnahmen und Verbindlichkeiten auf, der Hauptverein, so stellvertretender Gesamtvorsitzender Günter Scheuring, werde natürlich helfen, wenn es nötig ist. Schließlich ist man eine große Sportfamilie in Münnerstadt, und die hält zusammen.

Aber natürlich hat der Verein auch reagiert: Seit dem Frühjahr werden alle Abteilungskassen geprüft. Vierteljährlich. Jeder Abteilungskassier muss seine Kasse inklusive der Belege beim Hauptkassier prüfen lassen. Mehr als 1000 Euro dürfen nicht drin sein. Ein Vieraugenprinzip wurde eingeführt. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", hat Hauptkassier Johannes Wolf sein Fazit aus der Affäre gezogen.

Applaus für den Einspringer

Und die Versammlung endete mit einem Vertrauensbeweis: Für den derzeit noch kommissarischen Kassier Guido Rose gab es anhaltenden Applaus, ob des Engagements, sich in einer solchen Situation in den Fahrtwind zu stellen und Verantwortung zu übernehmen.